Kraftwerke und Klima Störfall Sommer

Laue Nächte, heiße Tage - wenn solche Wetterlagen anhalten, müssen Atomkraftwerke abgeschaltet werden.

(Foto: Krisztian Bocsi/Bloomberg)

Deutschland und die Sahara-Hitze: Atomkraftwerken droht die Zwangsabschaltung, weil das Kühlwasser in den Flüssen wärmer wird als der zulässige Grenzwert.

Von Markus Balser, Berlin

Die Weser ist eigentlich nicht gerade bekannt für auffallend hohe Temperaturen. Vorbei an Hameln, Minden und Bremen schlängelt sich der Strom von den deutschen Mittelgebirgen zur Nordsee. Doch auf dem Höhepunkt der jüngsten Hitzewelle registrierten Behörden im fließenden Gewässer so große Temperatursprünge, dass ein Anrainer des Flusses vor einem ernsten Problem stand: Dem Atomkraftwerk Grohnde von Deutschlands größtem Energiekonzern Eon drohte wegen der Erwärmung seines Kühlwassers der Hitzestopp. Wenzel zufolge musste der Anlagenbetreiber zeitweise die Abschaltung fürchten. Deutschland stöhnt unter anhaltenden tropischen Temperaturen - und auch die Atomkraftwerke des Landes kämpfen mit den Folgen der Hitzewelle. Nicht nur an der Weser, überall im Land beugen sich Energiemanager in diesen Tagen über Wassertemperaturen und Wettervorhersagen. Denn häufig werden Kraftwerke für die Kühlung des Wasserkreislaufs entlang von Flüssen gebaut. Bei EnBW in Baden-Württemberg etwa entlang von Rhein und Neckar. Doch wenn die Temperaturen bestimmte Grenzwerte erreichen, oft 28 Grad Celsius, ist Schluss. Dann wird gedrosselt oder abgeschaltet - zum Schutz der Flüsse. Fauna und Flora sollen schließlich nicht gefährdet werden. Denn wird das Kühlwasser zurückgeleitet, könnten Flüsse noch zusätzlich erwärmt werden. Das kann etwa zu einem Fischsterben wegen Sauerstoffmangels führen.

Das Beispiel Grohnde macht klar, wie Hitzeperioden, Trockenphasen und klimatische Veränderungen zum wachsenden Problem für Kraftwerke werden können. Betroffen sind nicht nur Atom-, sondern auch Kohlekraftwerke. Ausgerechnet jenen klimaschädlichen Meiler also, deren Betrieb ein gutes Stück zum Klimawandel beitragen soll. Anfang Juli hätten Messungen ergeben, dass die Temperatur in der Weser gerade mal 1,8 Grad Celsius unter dem Grenzwert gelegen habe, sagt Umweltminister Wenzel. "Gemessene 26,2 Grad - das war schon eine kritische Situation, die fast zu einer Abschaltung oder zumindest zu einer Drosselung der Kraftwerksleistung geführt hätte." Noch ist unklar, ob sich die Lage in den nächsten Tagen verschärft oder entspannt. Eine leichte Abkühlung verschafft etwas Luft. Doch für Freitag rechnen Meteorologen bereits mit dem nächsten Hitzeschub.

Aber auch wenn die Hitzewelle abebbt, für Deutschlands Umweltpolitiker ist das Problem noch lange nicht erledigt. Die klimatischen Veränderungen lassen nach Ansicht des Ministers in Niedersachsen langfristig durchaus erwarten, dass derartige Situationen künftig häufiger auftreten. "Wir haben im Langzeitvergleich bereits den sechsten zu trockenen Frühling in den vergangenen sieben Jahren", sagt Wenzel. Der Energiekonzern Eon ging am Mittwoch dagegen auf Distanz zur Warnung der Landesregierung. "Wir können nicht bestätigen, dass unsere Kernkraftwerke durch die Sommerhitze zunehmend in betrieblicher oder gar sicherheitstechnischer Hinsicht beeinträchtigt wären", sagte ein Sprecher. "In gewissen sehr warmen Wetterlagen" könne es gelegentlich zu "Leistungseinschränkungen der Anlagen kommen, um die Temperaturgrenzwerte einzuhalten". Eon rechne bis zum Ende des Betriebes der letzten Kernkraftwerke 2022 allenfalls mit sporadischen Leistungseinschränkungen durch solche Wetterlagen. Doch auch in Grohnde war die zuletzt hohe Wassertemperatur nicht die erste kritische Situation. Vor einigen Jahren habe das Kraftwerk schon einmal kurz vor der Abschaltung gestanden, erinnert sich der zuständige Minister Wenzel. Das zeige, dass auch die Atomkraftwerke, die laut Energiebranche angeblich rund um die Uhr laufen und Energie liefern könnten, bisweilen an ihre Grenzen stießen, heißt es aus dem Ministerium.

Andernorts bedient sich die Energiebranche bereits neuer Verfahren, um Probleme früh zu erkennen und Stromengpässen zu begegnen. EnBW habe leistungsfähige Prognosemodelle für Wasserhaushalt- und Wärme von Rhein und Neckar entwickelt, teilt der Konzern mit. Sie befänden sich seit einigen Jahren im Betrieb, erklärte eine Sprecherin des drittgrößten deutschen Versorgers. Der Konzern greift damit vor. Denn aufgrund der durch den Klimawandel hervorgerufenen Erwärmung der Erdatmosphäre könnten gewässerökologische Extremsituationen wie Hitze oder Niedrigwasser in Zukunft häufiger auftreten, befürchtet das Unternehmen. Der Konzern weiß, was das bedeuten könnte: Würden Kraftwerke großflächig und womöglich auch noch gleichzeitig abgeschaltet, hätte dies Auswirkungen auf die Stabilität der Stromnetze.