Kommentar Neue Werte, alte Köpfe

VW ringt in der Dieselaffäre um einen Kompromiss in den USA. Doch es gibt noch eine härtere Aufgabe: Der Konzern muss verstehen, dass Charakterstärke der Mitarbeiter heute eine ökonomische Notwendigkeit ist.

Von Angelika Slavik

Seit eineinhalb Jahren kann man Volkswagen nun im Krisenmodus beobachten. Polemisch könnte man sagen, dass es eine Zeit war, in der man viel lernen konnte über die Faszination des Grauens. Tatsächlich aber illustriert die Geschichte von Volkswagen vor allem eines: dass menschliche Qualitäten bei Führungspersonal und Mitarbeitern eines Unternehmens in der heutigen Zeit mehr sind als nur eine nette Zugabe. Sie sind eine wirtschaftliche Notwendigkeit.

Am Montagabend wurde in den USA die Entscheidung über einen Kompromiss zwischen Volkswagen und den US-amerikanischen Behörden vom zuständigen Bundesrichter erneut vertagt. Doch so zäh das Ringen um die Frage, wie die Käufer von Autos mit manipulierten Drei-Liter-Motoren zu entschädigen sind, auch sein mag, man muss konstatieren: Das Krisenmanagement des Konzerns war grauenhaft.

Auf jede halbherzige Entschuldigung folgte eine Relativierung

Sowohl gegenüber der Öffentlichkeit als auch gegenüber den Behörden hatte Volkswagen Schwierigkeiten, den richtigen Tonfall zu finden. Auf jede halbherzige Entschuldigung, die sich die Repräsentanten des Unternehmens abrangen, folgte eine Relativierung. Eigentlich sei ja alles nicht so schlimm gewesen. Eigentlich habe man bestehendes Recht ja gar nicht verletzt. Ein Teil dieses Herumlavierens mag mit juristischen Überlegungen zusammenhängen, denn natürlich muss Volkswagen versuchen, den wirtschaftlichen Schaden so klein wie möglich zu halten. Aber man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich hier ein Unternehmen an einer Übung versucht, die ihm bislang nicht geläufig war - Demut.

Volkswagen hatte sich über Jahrzehnte zu einem Hort der Überheblichkeit entwickelt. Gesellschaftspolitische Fragen blieben außen vor. Dass es nicht eine einzige Frau im Führungsgremium gab, kümmerte wenig. Der Unmut der Zulieferer auch. Und die Abgasvorschriften? Waren nicht so wichtig wie das Ziel, dem Vorstandschef zu gefallen.

Dieses Umfeld war es, das die Manipulationen an den Dieselmotoren erst ermöglichte. Und dieses Umfeld ist es, das Volkswagens peinliche Krisenperformance erklärt. Denn es hat die Denkweise der Menschen geprägt, die bei Volkswagen arbeiten, die nun dieses Unternehmen repräsentieren - und viele von ihnen tun sich merklich schwer damit, plötzlich andere Prioritäten zu setzen. Das ist das größte Problem von Volkswagen, wenn es um die Zukunft geht: Nicht die vielen Milliarden, die die Wolfsburger für die Bewältigung der Dieselaffäre werden aufwenden müssen, so sehr die auch schmerzen. Sondern die Frage, wie man neue Werte in Köpfe alter Mitarbeiter bekommt.

Die Anforderungen im Geschäftsleben sind heute andere als früher und das hat auch mit dem technologischen Wandel zu tun. Fachkenntnis ist für Führungskräfte immer eine gute Sache, aber gerade weil die Digitalisierung so fundamentale und so rasante Veränderungen mit sich bringt, ist es unwahrscheinlich, dass eine Führungskraft detailliert den Bereich jedes einzelnen Mitarbeiters überblicken kann. Deshalb ist die zentrale Qualifikation einer Führungskraft heute ihre oder seine menschliche Qualität: Die Aufgabe von Menschen in leitender Position ist es heute, Kritik auszuhalten, Widerspruch zu provozieren. Leute zur Höchstleistung zu motivieren, indem sie vermitteln können, dass sie ihre Anstrengungen, ihre Kreativität und ihre Kompetenz schätzen - aber nicht ihren widerspruchslosen Gehorsam. Auch von den Mitarbeitern verlangt das Rückgrat: Dem eigenen Chef zu sagen, dass seine Idee leider überhaupt nicht funktioniert - oder, wie im Fall von VW, dass man keinen Motor bauen kann, der sowohl dem Gesetz als auch seinen Vorstellungen genügt - ist keine angenehme Sache. Das verlangt nach Rückgrat, und es verlangt nach einer Konzernkultur, in der Aufrichtigkeit keine Karrierebremse ist.

Dazu kommt: Die Arbeitnehmer, die in der Welt von heute den entscheidenden Unterschied machen, sind in fast allen Branchen die mit der höchsten kreativen Leistung. Gerade Menschen, die in der Lage sind, unkonventionell zu denken, haben aber oft wenig Lust auf starre Hierarchien und sinnlose Vorgaben. Auch um diese Leute überhaupt gewinnen zu können, braucht es eine Konzernkultur, in der Innovationskraft mehr zählt als Duckmäusertum, und es braucht Führungskräfte, die den Unterschied erkennen.

Der VW-Chef Matthias Müller hat deutlich gemacht, dass er diesen Wandel in der Konzernkultur will. Er wird beweisen müssen, dass er ihn auch durchsetzen kann. Einen Kompromiss mit den US-Behörden zu finden wird im Vergleich dazu eine leichte Übung gewesen sein.