Kommentar Hoffnung aus Davos

Breitband und flexiblere Arbeitsgesetze - die Industrie braucht in Deutschland bessere Rahmenbedingungen, um die Digitalisierung zu meistern.

Von Caspar Busse

Angefangen hatte einst alles in England mit der Erfindung der Dampfkraft. Sie machte Ende des 18. Jahrhunderts die industrielle Fertigung erst möglich, die Wirtschaft und das Leben der Menschen änderten sich plötzlich grundlegend. Etwa hundert Jahre nach dieser ersten industriellen Revolution begann die zweite: Henry Ford erfand in den USA das Fließband und machte mit effizienter Arbeitsteilung die Massenproduktion möglich. In den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts fing schließlich das Zeitalter der Datenverarbeitung an. Seitdem hat der Computer Einzug gehalten und damit die Automatisierung, und wieder war alles anders.

Heute steht die Welt vor einer neuen Umwälzung: Die Digitalisierung und damit verbunden die globale Vernetzung eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Geschäftsmodelle, die jahrzehntelang gut funktionierten, Gewinn abwarfen, und viele Menschen ernährten, sind nun plötzlich in Gefahr. Ganze Industrien müssen sich neu erfinden. Die Veränderungen im Einzelhandel durch Amazon sind da erst der Anfang. Bald wird vieles nicht mehr sein wie bisher, ob das einem gefällt oder nicht.

Kein Zweifel: Die Umbrüche kommen immer rasanter, die Veränderungen werden immer tief greifender. Autonom fahrende Fahrzeuge, Maschinen, die über künstliche Intelligenz verfügen, Roboter oder ganze Fabriken, die selbständig miteinander kommunizieren können, waren noch vor 20 Jahren kaum mehr als Visionen. Jetzt wird schon konkret an deren Umsetzung gearbeitet.

Große Chancen liegen in der Digitalisierung der Geschäfte zwischen Unternehmen

In Davos haben Wissenschaftler, Unternehmensführer und Politiker in dieser Woche ausführlich über die Folgen dieser sogenannten vierten industriellen Revolution diskutiert. Vieles, was da kommen mag, ist zwar noch im Nebel, aber zweifellos werden Jobs verloren gehen und neue geschaffen werden. Das Leben eines Großteils des Menschen wird sich grundlegend ändern, die Gesellschaften verändern sich auch. Klar wurde in den Schweizer Bergen aber auch, dass die deutsche Wirtschaft inzwischen überwiegend gut auf diese Veränderungen vorbereitet ist. Viele Unternehmen - seien es die Maschinenbauer, die Auto- und Industriekonzerne, die Energieunternehmen oder großen Dienstleister - haben die Digitalisierung lange mit Skepsis gesehen. Jetzt aber, so der Eindruck, gehen sie den Wandel an, und zwar gründlich. Sie wollen und müssen ihre Chancen nutzen.

Klar ist allerdings, dass im Endkundengeschäft, also im direkten Kontakt mit dem Kunden, der Zug lange abgefahren ist. Hier sind die amerikanischen Konzern vorweggeeilt und liegen uneinholbar vorne, allen voran Google, Facebook oder Amazon. Aber auch viele hoffnungsvolle Geschäftsideen wie der Taxikonkurrent Uber oder die Mitwohnzentrale AirBnB kommen nur selten aus Europa. Die große Chancen für die deutsche Wirtschaft liegen jedoch in der Digitalisierung der Geschäfte zwischen Unternehmen. Automatisierte Fabriken etwa, neue Logistikkonzepte, intelligente Maschinen - das sind Ansätze, mit denen auch der viel gepriesene deutsche Mittelstand international Erfolg haben kann.

Dafür müssen die Unternehmer nicht nur radikal umdenken. Auch auf die Rahmenbedingungen in Deutschland kommt es an. Die Breitband-Infrastruktur etwa muss dringend und schnell flächendeckend ausgebaut werden. Hier passiert noch viel zu wenig. Auch Gesetze und Vorschriften müssen überprüft werden. Sind etwa Arbeitszeitregelungen noch zeitgemäß? Dann stehen die Chancen nicht schlecht, dass die deutsche Wirtschaft diese Revolution meistern wird.