Kfz-Police Kilometergenau versichert

Eine Tour durch blühende Rapsfelder: Wer mehr fährt, zahlt meist auch mehr für seine Autoversicherung.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Ein digitaler Newcomer will die Branche aufmischen und ganz exakt abrechnen - ohne App und Box. Ob das jemand braucht? Auf jeden Fall gehört es zum harten Kampf um die Autofahrer.

Von Herbert Fromme, Köln

Angesichts des bevorstehenden heftigen Konkurrenzkampfs im Herbst 2017 werden Autoversicherer erfinderisch. Der neu gegründete digitale Anbieter Friday in Berlin verkauft jetzt Policen, bei denen Kunden kilometergenau zahlen. "Die Tarife beginnen bei einem Cent pro Kilometer", erklärt Firmenchef Christoph Samwer. Den Höchstsatz nennt er nicht.

Dabei bietet Friday keinen Telematik-Tarif an, bei dem per Box im Fahrzeug oder per App Kilometerleistung und Fahrweise gemessen werden. "Wir arbeiten nur mit den Kilometerdaten", erklärt Samwer, ein Cousin der in Gründerkreisen bekannten Brüder Marc, Oliver und Alexander Samwer.

Der Friday-Kunde nennt bei Abschluss den Kilometerstand und schätzt seine persönliche Fahrleistung. Auf dieser Grundlage will der Anbieter in 90 Sekunden den Beitrag festlegen. Am Ende des Versicherungszeitraums fragt der Versicherer erneut den Kilometerstand ab, den das Unternehmen "auf Basis von verschiedenen Regeln validiert" - also auf Betrug analysiert.

Künftig sollen Kunden auch über Apps mit Steckern im Wartungssystem oder mit Daten der Hersteller automatisch die Kilometerdaten übertragen können. "BMW bietet zum Beispiel mit seinem Portal Car Data seinen Kunden an, die Daten für Dritte freizugeben", sagt Samwer. Dann könnte Friday die Werte direkt dort abrufen.

Unterschiedliche Tarife nach Kilometerleistung sind nicht neu - die meisten Versicherer rechnen die Laufleistung nach Kundenangaben bei ihren Tarifen ein. "Aber nur bei uns wird wirklich kilometergenau abgerechnet", sagt Samwer. "Das ist gerade interessant für Versicherte, die nicht wissen, wie viel sie fahren werden." Dazu gehören Fahranfänger und Fahrer eines Zweitwagens.

Wer als Newcomer wahrgenommen werden will, muss viel für Werbung ausgeben

Friday hat im März den Probebetrieb aufgenommen, damals mit der ersten Neuerung: einer monatlich kündbaren Kfz-Versicherung. Ob es wirklich Bedarf für Fridays Angebot gibt oder ob es sich vor allem um Marketing-Gags handelt, weiß man frühestens im Dezember. Denn bis Ende November läuft die Konkurrenzschlacht der Autoversicherer. Bis zum 30. November können die meisten Versicherten kündigen und für 2018 neu abschließen.

Friday ist eine Tochter der Schweizer Versicherungsgruppe Baloise, die in Deutschland auch mit der Tochter Basler am Start ist. Aber das Berliner Start-up wird unabhängig von der Basler über eine Luxemburger Tochter geführt, die Baloise macht sich also selbst Konkurrenz. Ähnliches plant die Düsseldorfer Ergo, die den digitalen Versicherer Nexible an den Start bringt. Auch er soll voll digital, ohne Vertreter und mit niedrigen Kosten antreten - und so den etablierten Anbietern wie Ergo selbst Marktanteile abjagen.

Dabei wissen die Macher von Nexible und Friday ganz genau, dass zwar ihre Verwaltungskosten deutlich geringer sind als die der traditionellen Konkurrenz, und sie auch keine Provisionen für Makler und Vertreter zahlen, sie aber hohe Marketingkosten haben. Denn wer als digitaler Newcomer wahrgenommen werden will, muss Millionen für Fernsehwerbung und Google-Anzeigen ausgeben. Der Internet-Riese versteigert die Anzeigenplätze bei Suchwörtern wie Autoversicherung an die Meistbietenden.

Alternativ lassen sich Versicherer bei Vergleichsportalen wie Check24 oder Verivox listen. Der Nachteil: Die fordern bei erfolgreichem digitalem Abschluss Provisionen, deren Höhe sich kaum von denen anderer Makler unterscheidet.

Nur wenige Anbieter wie die HUK-Coburg oder die Allianz haben so starke Marken, dass potenzielle Kunden direkt auf ihre Webseiten gehen und dort abschließen. Die andern müssen zahlen: für Fernsehwerbung, für Google oder für die Portale. Wollen Friday, Nexible und andere Newcomer auch nur einige Zehntausend Verträge gewinnen, müssen sie deshalb tief in die Taschen greifen. Samwer will nicht sagen, wie teuer das Marketing wird. Die Gesamtinvestitionen der Baloise in Friday betragen 45 Millionen Euro, sagte er nur.

Die Wechselsaison 2017/2018 wird dominiert vom Konkurrenzkampf der beiden Marktgrößen HUK-Coburg und Allianz. Die Allianz ist in allen Versicherungssparten unangefochtener Marktführer in Deutschland - nur in der Autoversicherung nicht. Bis 2010 hat die Allianz den Markt klar beherrscht, seither hat die HUK-Coburg mehr Fahrzeuge versichert als die Allianz. 2016 kam die HUK auf 11,2 Millionen Fahrzeuge, die Allianz auf 8,3 Millionen. Es geht um viel Geld: 26 Milliarden Euro zahlen Autofahrer jährlich. Ein Hauptgrund für den erfolgreichen Angriff der HUK ist ihr Direktanbieter HUK24, den sie schon 2000 auf den Markt brachte, während die Allianz jahrelang intern um eine klare Internet-Strategie stritt.

Jetzt will das Münchener Unternehmen aufholen. Am 19. September gibt es Einzelheiten eines neuen Kfz-Tarifs bekannt. Er wird viele frisch entwickelte digitale Elemente enthalten. Die meisten Konkurrenten erwarten, dass die Allianz auch beim Preis nachgeben wird. Auch das kann die Erwartungen von Friday-Chef Samwer und anderen hoffnungsvollen Neuankömmlingen zunichte machen.