Kein freiwilliger Verzicht Tabakindustrie will weiter vor Kitas werben

Kleine Kinder könnten Werbeplakate doch gar nicht verstehen - mit dieser Begründung weigert sich die Tabakindustrie, freiwillig auf Werbung nahe von Kitas zu verzichten. Ihre Gegner halten ein gesetzliches Verbot für die einzige Lösung.

Von Nakissa Salavati

Wie die Tabakindustrie denn zu Werbeplakaten in der Nähe von Kindergärten stehe, wollte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP), vom Deutschen Zigarettenverband wissen. Ob er nicht darauf verzichten wolle, schließlich habe sich der Verband ja selbst verpflichtet, dass Plakate nicht im Umfeld von Schulen und Jugendzentren aufgestellt werden.

Der Industrieverband antwortete, er halte einen Verzicht nicht für nötig und argumentierte, dass Kinder unter sechs Jahren nicht in der Lage seien, Inhalt und Botschaft der Tabakwerbung zu verstehen. Der Verband verwies zudem darauf, dass in seinem Werbekodex bereits festegeschrieben sei, dass Werbung sich nicht gezielt an Kinder und Jugendliche richten darf. Über die Weigerung der Industrie hatte zuerst die Frankfurter Rundschau berichtet.

Zwar heißt es im Kodex des Verbandes: "Es ist grundsätzlich unzulässig, im werblichen Wirkungsbereich von Schulen und Jugendzentren zu werben", Kindertagesstätten schließe dies aber aus. Auf Anfrage von Süddeutsche.de war im Verband niemand für einen Kommentar erreichbar.

Johannes Spatz vom Forum Rauchfrei hält die Argumentation des Verbandes für falsch. Dabei verweist er auf ein eigens durchgeführtes Experiment: Er befragte 2001 mehr als 240 Kinder zwischen vier und sechs Jahren in Kitas in Berlin-Hohenschönhausen. Ihnen habe er Werbeplakate von Tabakunternehmen vorgelegt, auf denen keine Zigaretten zu sehen waren. Trotzdem hätte ein Großteil der Kinder die Plakate mit Zigaretten verbinden können, sagt Spatz. "Gerade bei kleinen Kindern ist Werbung gefährlich, weil sie noch weniger als Jugendliche selbstbestimmt sind."

Von einem freiwilligen Verzicht hält Spatz allerdings nichts: "Ein Selbstverzicht ist schwierig, weil die Konzerne immer wieder gegen freiwillige Vereinbarungen verstoßen. Das zeigt die Erfahrung. Stattdessen muss das Ziel sein, dass die Tabakwerbung auf den Straßen verboten wird."

Nach Spatz' Aussage ist das Forum in den vergangenen Monaten mehrmals auf Fälle gestoßen, in denen Konzerne Tabakwerbung in unmittelbarer Nähe von Kindertagesstätten platzierten. Das Forum hatte bereits im Sommer gegen einen Tabakkonzern geklagt, weil er im direkten Umfeld einer Grundschule und einer Kita in Berlin für Zigaretten wirbt.