Kapitalismus auf Pump Schulden sind wie Dynamit

Jahrelang entstanden in Spanien auf Pump Häuser und Großprojekte. Dann ging das Geld aus. Zurück blieben Baustellen, wie der Flughafen in Ciudad Real.

(Foto: Oli Scarff/Getty Images)

Privathaushalte, Firmen und Staaten haben sich mehr Geld geliehen denn je. Steht die Weltwirtschaft wieder vor einem Kollaps? Manche Ökonomen fordern gar noch mehr Kredite.

Von Markus Zydra

Es muss eine knifflige Aufgabe sein, wenn selbst der ausgewiesene Fachmann bei der Lösung passen muss. Der indische Zentralbankchef Raghuram Rajan hatte in seinem Vortrag an der Frankfurter Goethe-Universität gerade eine Stunde darüber räsoniert, warum die Schulden in der Welt steigen und das Wachstum stockt. "Ich weiß auch nicht, was richtig ist", räumte der Ökonom ein nachdem er einige mögliche Erklärungen aufgezählt hatte. Rajan, 52, ist in Akademikerkreisen ein Star. Als junger Wilder warnte er beim elitären Notenbankertreffen in Jackson Hole 2005 vor der Gefahr einer globalen Finanzkrise und brüskierte damit prominente Anwesende wie den damaligen US-Zentralbankchef Alan Greenspan. Rajan lag richtig mit seiner Warnung. Jetzt sieht er eine andere Bedrohung für die globale Wirtschaft: "Schulden ähneln Dynamit. Am richtigen Ort sind sie nutzbringend, woanders aber sehr schädlich."

Die Welt steht tief in der Kreide, und diese Diagnose provoziert die Frage: bei wem? Die Antwort: bei allen, und zwar gegenseitig. Die Schulden der einen sind - auf Sparkonten und in Anleihen - die Vermögen der anderen. Es kommt darauf an, auf welcher Seite man steht. Früher galt das Schuldenmachen als erster Schritt zur Investition, die ihrerseits Wirtschaftswachstum, Arbeitsplätze und Wohlstand erzeugte.

Doch mittlerweile wachsen die Verbindlichkeiten schneller, als sie in der Wirtschaftswelt Gutes bewirken können. "Die globalen Schulden liegen heute bei 199 Billionen Dollar und damit 57 Billionen Dollar höher als zu Beginn der Finanzkrise 2007", so das Ergebnis einer Studie der Beratungsgesellschaft McKinsey. Die Experten haben die Verbindlichkeiten der Staaten, Privathaushalte, Unternehmen und des Finanzsektors addiert.

Finanzkrisen ziehen wie Popbands ständig um die Welt: von Land zu Land

Die respektablen Wachstumsraten der vergangenen 40 Jahre hatten viele Gründe. Dazu gehören die Deregulierung der Finanzmärkte in den 1980er-Jahren, die marktwirtschaftliche Integration Osteuropas von 1990 an, der Aufstieg Chinas und die Digitalisierung der Wirtschaft ab 2000. Doch die beeindruckende Dynamik des Aufschwungs rührt daher, dass die Kreditwirtschaft hemmungslos aufgebläht wurde. Die rote Linie ist erreicht. "Wir müssen uns vom schuldengetriebenen Wachstumsmodell verabschieden", empfehlen die Experten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Die Schuldenmacherei sei auf Kosten der Produktivität gegangen.

Eine Ära geht zu Ende.

Dabei besitzt der "Pumpkapitalismus", wie ihn der Soziologe Ralf Dahrendorf bezeichnete, auch gute Eigenschaften. Der Privatmann kann sich trotz geringer Ersparnisse ein Haus bauen, der Unternehmer den Einkauf teurer Maschinen finanzieren und der Staat beispielsweise den Ausbau der Bildungssystems bezahlen. Allerdings muss die Wirtschaft wachsen. Denn nur so steigen die Einkommen, Gewinne und Steuereinnahmen, mit denen die Darlehen bedient werden.

Doch mittlerweile wachsen die Schulden schneller als die Wirtschaft. Es drohen Zahlungsausfälle, mal bei Verbrauchern, wie etwa in Schweden, mal bei Firmen in Schwellenländern, mal bei den Staaten, wie in Teilen der Euro-Zone.

Diese Erfahrungen haben den Blick auf die Kausalitäten verändert. So galt die Finanzkrise in Asien 1997/1998 damals als hausgemacht. Jetzt erkennt man jedoch ein Muster. Finanzkrisen sind wie eine Popband: ständig auf Tour. Sie ziehen um die Welt. "Mit der Liberalisierung der globalen Finanzmärkte ab den 1980er-Jahren sind Finanzkrisen wieder zurückgekommen. Lateinamerika, die erste US-Immobilienkrise in den 1980er-Jahren, die Asienkrise in den 1990er-Jahren, die globale Finanzkrise 2008, die Euro-Schuldenkrise und demnächst wohl einige Schwellenländer", sagt der Bonner Wirtschaftswissenschaftler Moritz Schularick (siehe Interview). "Sobald es irgendwo boomt, fließt sofort Kapital aus aller Welt dorthin und verstärkt den Boom, bis er schließlich kollabiert."

Der lange unterschätzte amerikanische Ökonom Hyman Minsky erkannte die Risiken der liberalisierten Finanzmärkte schon 1983: Schuldner nähmen im Wirtschaftsaufschwung immer sorgloser neue Kredite auf. Gleichzeitig würden die Gläubiger ihr Geld leichtsinniger verleihen und auf Sicherheiten verzichten. An einem bestimmten Zeitpunkt käme es unweigerlich zum Kollaps. Dieser "Minsky-Moment" ist erst nach Ausbruch der Finanzkrise 2008 zum geflügelten Wort geworden.

Eine Schuldenkrise kann deswegen sehr schnell eskalieren, weil die Investoren ihr Geld in Sekundenschnelle in ein anderes Land überweisen können. "Unter dem streng regulierten Bretton-Woods-System vor 1973 gab es keine Finanzkrisen", sagt Schularick. Ein Zurück gebe es angesichts der politischen Mehrheitsverhältnisse in den Finanzzentren USA und Großbritannien vorerst nicht.

Die Frage, ab wann Schulden zu hoch sind, ist alles andere als trivial. Die klassische Maßeinheit liefert nur Anhaltspunkte. So beträgt die Staatsschuld von Japan 220 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die gesamte Volkswirtschaft müsste über zwei Jahre arbeiten und die Erlöse vollständig an die Gläubiger des japanischen Staats abgeben. Dennoch braucht Japan keine externe Hilfe. Griechenland aber schon, obwohl die vergleichbare Schuldenmarke mit 160 Prozent deutlich niedriger liegt. Die Stärke der Wirtschaft und die Gläubigerstruktur spielen eine entscheidende Rolle. Am Ende entscheiden die Finanzmärkte, wem sie Geld geben.

Die Kreditkosten sind derzeit noch sehr niedrig, weil die Notenbanken den Leitzins praktisch bei null Prozent fixiert haben. Doch die US-Notenbank Federal Reserve hat im Dezember erstmals nach neun Jahren den Leitzins wieder leicht erhöht. Der Schuldendienst wird teurer. Viele Firmen in Schwellenländern, die Kredite in Dollar laufen haben, spüren den Druck bereits. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) wird den Kurswechsel irgendwann einleiten. Sobald die Kreditzinsen steigen, könnten einige Euro-Staaten wie Italien in die Bredouille kommen. Die Verbindlichkeiten sind zu hoch. Doch wie kann man die Belastung verringern?

Einige Experten empfehlen höhere Inflationsraten. Motto: Wenn alles teurer wird, sinkt der Wert der Verbindlichkeiten. Doch die Teuerung in den Industriestaaten ist aktuell historisch niedrig, weil das Wachstum stockt. Dieser Weg ist damit verbaut. Zudem setzt die Inflationierung der Staatsschulden voraus, dass die Kreditgeber mitmachen und auf eigentlich fällige, höhere Zinsen verzichten.

Es ist, als empfehle jeder Arzt einem Kranken ein anderes Medikament

Eine Gruppe von Wissenschaftlern um den Wirtschaftsweisen Lars Feld fordert einen Neustart für die verschuldete Euro-Zone. Ein Stabilitätsfonds solle einen Teil der Staatsschulden am Markt aufkaufen und praktisch wegschließen. Dadurch sänke die absolute Belastung. Die Ankäufe könnten durch eine Reichensteuer, einen Teil der Umsatzsteuer oder durch Zinseinkünfte der EZB finanziert werden, schreiben die Autoren im Aufsatz "A New Start for the Eurozone".

Auch dieser Vorschlag hat Haken. "Es ist nicht glaubhaft, dass die Haushaltsdefizite nach einer Entschuldung niedrig sind", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Wenn man mit künftigen Steuereinnahmen oder Notenbankgewinnen "den Rückkauf von Staatsschulden finanziert, dann fehlen diese Einnahmen". Die wahrscheinliche Folge: ein höheres Haushaltsdefizit und mehr Staatsschulden in der Zukunft. Krämer empfiehlt "mehr Haushaltsdisziplin". Doch ist Sparen der Ausweg aus der Schuldenspirale?

Der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman plädiert für das Gegenteil: "Die Regierungen haben sich nicht hoch genug verschuldet." Das sei der Grund für die Wachstumsmisere. Krugman räumt ein, dass seine Aussage "verrückt klingen mag". Doch er sagt: "Neue Schulden schaffen die Möglichkeit, nützliche Dinge zu kaufen." Der Staat müsse durch Infrastrukturinvestitionen ein Zeichen der Hoffnung setzen, etwa indem man die Straßen, den Schienenverkehr oder die Abwassersysteme modernisiere. Auf diese Weise werde er Verbraucher und Unternehmen ermutigen, mehr Geld in die Hand zu nehmen.

Was soll man denn nun tun gegen hohe Schulden? Mehr sparen, mehr ausgeben, mehr Inflation oder die staatlichen Altschulden einmotten? Man kommt sich wie beim Ärztekongress vor, wo jeder ein anderes Medikament gegen die Krankheitssymptome verschreibt. Die extremen Vorschläge sind verständlich, denn die Lage ist ernst. Allerdings überschätzen Menschen manchmal die Gefahren. So waren sich in den 1970er-Jahren viele Experten einig, die Weltwirtschaft werde auf ewig in einer deprimierenden Phase von Stagnation und Inflation versinken. Es kam anders.

Der Havard-Ökonom Kenneth Rogoff mahnt zur Geduld. Die Weltwirtschaft habe sich in den letzten Jahren exzessiv verschuldet und bezahle jetzt den Preis für diesen Fehler. Die Erholung werde kommen, aber der Reinigungsprozess dauere seine Zeit. Für ihn leidet die Weltwirtschaft an einem schlimmen Kater. Der Patient liegt aber nicht im Koma.