Ein Wachhund, der nicht gebellt hat: Auch der Wirtschaftsjournalismus steckt in der Krise - wie Deutsche und Amerikaner diskutieren.
"Alles, was die schärfsten Kritiker der Demokratie behaupten, stimmt, wenn es keinen verlässlichen und stetigen Fluss von Informationen gibt. Inkompetenz und Ziellosigkeit, Korruption und Treulosigkeit, Panik und das endgültige Desaster kommen über jedes Volk, dem der gesicherte Zugang zu den Fakten verwehrt wird." Diese Sätze schrieb der große liberale Publizist Walter Lippman in seinem Buch Liberty and the News kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Lippmann war entsetzt darüber, wie korrumpierbar sich die amerikanische Presse während des Krieges gezeigt hatte und kam zu dem Schluss: "In einem exakten Sinne ist die gegenwärtige Krise der westlichen Demokratie eine Krise des Journalismus."
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Die Krise spielt sich nicht nur an der Börse ab - im exakten Sinne ist sie eine Krise des Journalismus. (© Foto: ddp)
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Heute wird Walter Lippmann in Amerika wieder viel zitiert. Er lieferte Argumente für alle, die die Rolle der großen US-Medien beim Marsch in den Irak-Krieg kritisierten. Und nun wird Lippmann zum Kronzeugen, wenn es um das tatsächliche oder vermeintliche Versagen des Wirtschaftsjournalismus in den Jahren vor der großen Finanz- und Wirtschaftskrise geht. Dean Starkman, Herausgeber eines medienkritischen Online-Dienstes der Columbia-Universität, meint: Zwar sei die Wirtschaftspresse weder korrupt noch manipuliert, wie es die Zeitungen vor neunzig Jahren waren. "Aber trotzdem haben wir es mit einer ramponierten und geschlagenen Institution zu tun, deren Erfolg und Ansehen während der letzten zehn Jahre geschwunden sind - in einer Zeit also, in der die Institutionen, über die die Wirtschaftspresse berichtet, die Welt regieren und die Regierungen in die Knie gezwungen haben." Die Presse leide nun unter einer Art "Stockholm-Syndrom", behauptet Starkman.
Neoliberaler Rausch
Eine steile These, schließlich leitet sich der Begriff von einem Banküberfall mit Geiselnahme 1973 in Stockholm ab. Damals hatten sich die Geiseln emotional mit den Geiselnehmern identifiziert, nicht mit der Polizei. Die Geiselnehmer von heute heißen, folgt man Starkman, Goldman Sachs, Citigroup, AIG, Deutsche Bank, JP Morgan. Hat der Wirtschaftsjournalismus versagt? Haben die Reporter und Redakteure vernachlässigt, wofür sie bezahlt werden: Missbräuche aufdecken, vor Gefahren warnen, die Mächtigen kritisieren?
Die Debatte ist unvermeidbar und notwendig in einer Wirtschaftskrise, die in ihrer Dimension niemand vorausgesehen hatte. Sie wird in den Vereinigten Staaten ebenso heftig geführt wie in Deutschland, wobei es im Detail aber Unterschiede gibt. Deutsche Kritiker werfen den Wirtschaftsjournalisten meist vor, nicht die richtigen Meinungen vertreten zu haben. Die Branche habe sich "seit Jahren in einer Art neoliberalen Rausch" befunden, befand zum Beispiel Siegfried Weischenberg, Professor für Journalismus an der Universität Hamburg. In den USA lautet der Vorwurf dagegen, die Presse habe nicht die richtigen Fakten berichtet.
Vorne ist es laut und plakativ
Dean Starkman versuchte, seine These vom Stockholm-Syndrom mit einer umfangreichen Statistik zu belegen. Er sammelte 650 Artikel aus großen Zeitungen, die zwischen dem 1. Januar 2000 und dem 30. Juni 2007 über die Praktiken auf dem Hypothekenmarkt und die Verstrickung der Wall Street erschienen sind. Sein Ergebnis: Ja, es gab viele kritische Berichte. Aber sie kamen meist leise und vorsichtig daher und erschienen auf den hinteren Seiten. Vorne dagegen wurden laut und plakativ Banker wie Ken Lewis (Bank of America) oder Richard Fuld (Lehman Brothers) gefeiert. "Die Wirtschaftspresse ist ein Wachhund, der nicht gebellt hat", sagt Starkman.
Fragt man genauer nach, relativiert der Autor sein hartes Urteil. Erstens gab es löbliche Ausnahmen: Im Februar 2005 etwa berichtete die Los Angeles Times ausführlich und prominent über die Praktiken von Ameriquest, einer der übelsten Hypothekenbanken in Kalifornien. Der Beitrag führte zu Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und zu einem teuren Vergleich für Ameriquest. Die Bank gibt es heute nicht mehr. Zweitens, und wichtiger: Die Zeitungen veröffentlichten in der Frühzeit des Immobilienbooms 2001 bis 2003 sehr viele kritische Artikel. Erst danach schien die Kritikbereitschaft nachzulassen. Dies Muster hat etwas damit zu tun, dass auch die öffentliche Wahrnehmung, ähnlich wie die Börse, Zyklen unterliegt.
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Natürlich gibt es ihn, den investigativen, den parteiunabhängigen, den politisch nicht tenden-ziösen, den unbestechlichen Journalismus, der sich der redlichen Information verpflichtet fühlt. Und - es gibt ihn auch in Deutschland. Aber man muß ihn suchen, was heißen soll, jene investigativen Journalisten sind interessierten Lesern, Fernsehzuschauern und Rundfunkhörern durchaus bekannt, weil ihre Schar klein, sehr klein ist - leider. Man sollte denken, diese Art von Journalisten müßten zum Beispiel die Nachrichtensprecher von "Heute Journal" und "Tagesthemen" sein. Weit gefehlt; denn diese sind durchweg parteipolitisch manipuliert und werden ständig mißbraucht, weil sie sich mißbrauchen lassen. Und wie man derzeit liest, fühlen sie sich - wie viele andere in diesem Land auch - zuerst dem schnöden Mammon verpflichtet, indem sie ihr sattes Gehalt noch mit Sonderauftritten bei PR-Veranstaltungen und Vorträgen aufbessern.
Die Medien sind fast durchgängig ausgerichtet, die ideologischen Standpunkte der herrschen-den Klasse, der Großbourgeoisie also, zu vertreten und öffentlich zu verkaufen. Die "bürgerliche" Mitte, soll die kommenden Bundestagswahlen gewinnen. Wer aber gehört zur "bürgerlichen" Mitte? Gehören da auch die Millionen Hartz-IV-Geldempfänger dazu? Und die Arbeitslosen und sozial ins Trudeln Geratenen? Und wie ist es mit den Zumwinkels, den Porsches, Schefflers, den Schickedanz' und den vielen anderen Multimillionären? Sind etwa sie mit der "bürgerlichen" Mitte gemeint, die CDU und FDP, aber auch die SPD anpeilen?
Wer erwartet eigentlich noch bei der absolut sozialen Schieflage unseres Landes eine faire, eine parteiunabhängige, eine ausgewogene Berichterstattung und Information? Die gibt es weder bei außenpolitischen Themen wie z. B. über China, Rußland oder aktuell den Iran, noch gibt es sie hinsichtlich der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise sowie ihren Ursachen und Folgen.
Gäbe es sie aber, stellte sich der allgegenwärtige Raubtierkapitalismus doch nachhaltig selbst in Frage. Und wer will das schon, doch nur die da unten - oder?
Journalisten vorzuwerfen, sie hätten nicht die richtigen Meinungen vertreten, klingt mir auch
aus dem Munde eines Professors für Journalistik ein wenig nach Zensur. Ich gehe eigentlich davon aus, dass ein Journalist, gestützt auf Fakten, seine Sicht der Dinge darlegt,
einschliesslich auch seiner Kritik daran. Er reist doch nicht vor dem Schreiben durch die Gegend und veranstaltet eine Meinungsumfrage.
Und natürlich sollen klare Fakten dargestellt und Mißstände aufgedeckt werden.
Dass man das z.B. amerikanischen Journalisten vorwirft, sie hätten falsch berichtet, ist eine ganz andere Sache. Die haben ganz offensichtlich völlig vergessen, was ihre Aufgabe ist. Und denen gehört das Handwerk gelegt.
Seine Krise kann der Journalismus nur dann bestehen, wenn er seine Qualität verbessert.
Zugegeben, keine leichte Aufgabe, angesichts der Konzentrationsprozesse in der deutschen Presselandschaft, die ja ausschliesslich auf höhere Umsätze und Gewinnen ausgerichtet sind.Und in solchen Blättern hat Qualitätsjournalismus keine Chance.
Musterbeispiel ist die "Berliner Zeitung" die durch den kürzlichen Verkauf noch rechtzeitig vor dem Abgrund bewahrt wurde.
Diesem Kommentar kann man nur zustimmen
Beim Lesen des Wirschaftsteils hatte und habe ich den Eindruck, dass Fakten nur dazu da sind, bestimmte Meinungen zu stützen oder durchzusetzen. Begonnen mit der These, dass die Globalisierung, wie sie sich in den letzten beidne Jahrzehnten entwickelte, auch zu sozialen Fortschritten in Enticklungs- und Schwellenländern geführt hätte.Das kann man glauben oder auch nicht. Interessant wäre die Frage zu untersuchen, ob nicht überall die Einkommens- und Vermögensschere immer weiter auseinander klafft als 1990 und von dieser Art der Globalisierung eigentlich nur wenige profitiert haben.
Der Wirtschaftsteil beteiligte sich, durchaus mit einäugige Faktenbelegung, daran, den Wirtschaftseliten mehr politischen und volkswirtschaftlichen Sachverstand zuzuschreiben als den politischen Eliten, so als würden diese mehr einem Gemeinwohlgedanken vertreten als jene. Befördert wurde damit eine strukturelle Korruption, in der auch Politik und Politiker sich so lange schwach redeten, bis sie auf einmal wieder gebraucht wurden, ihnen doch eigetlich jede Kraft abhanden gekommen war.
Die Auffassung das Keynes seit den siebziger Jahren out ist, wurde im Wirtschaftsteil durch Tatsachen gestützt, die diese These belegen sollten. Jede andere Auffassung, die mit einer andern Gewichtung der Faktenlage wurde abgebürstet, sie sei ein Schritt in die Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, rückständig und ideologiebehaftet.
Diese Lise könnte ich noch lange fortsetzen, da bräuchte ich 50000 Zeichen statt der hier genehmigten 2500.
Der letzte Absatz des Artikels lässt kaum Hoffnung auf Besserung zu. Redaktionelle Feigenblätter, die die "Gegenposition" vertreten dürfen, ersetzen keine Unabhängigkeit im Denken.
Was tut eigentlich die PR-Abteilung eines Unternehmens ?
Na klar: Public Relations meint doch eindeutig:
Einflußnahme auf die Presse !!!
Bedeutet also: Je mehr PR-Personal aktiv ist, desto mehr
werden Journalisten mit "gefärbten" Informationen versorgt,
die dann ohne weitere Prüfung in redaktionelle Beiträge eingehen.
Seit langem gibt es den Begriff "advocatus diaboli".
Dies Aufgabe sollten eigentlich die Journalisten übernehmen.
Dazu ist kein Lehrgang in "Leerverkäufen" erforderlich !!