Von S. Weber

Schwere Vorwürfe gegen die Eigentümer von Hertie: Insolvenzverwalter Bähr unterstellt dem Finanzinvestor Dawnay Day, nur an den Immobilien interessiert gewesen zu sein.

An jenem Mittwochabend im Oktober 2006 hatte Kay Hafner sein strahlendstes Lächeln aufgesetzt. Gut gelaunt schlenderte der hochgewachsene Vorstandschef des Warenhausunternehmens Hertie, das damals noch Karstadt Kompakt hieß, durch die Abteilungen der frisch umgebauten Filiale in Essen-Rüttenscheid. Die Premieren-Besucher hatten das Haus über einen roten Teppich betreten, adrett gekleidete Hostessen reichten Erfrischungen.

Hertie "Miese Heuschrecken" dpa

Das Schaufenster einer Hertie-Filiale ist für den inoffiziellen Winterschlussverkauf dekoriert. 19 Fillialen sollen geschlossen werden. (© Foto: dpa)

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Aufbruchstimmung lag in der Luft. Diese Filiale, so erklärte Haffner, stehe beispielhaft für das, was die neuen Eigentümer mit allen 74 Häusern der Kette vorhätten: "Wir erfinden das Warenhaus neu". Und: "In diesem Geschäftsjahr wird ein zweistelliger Millionenbetrag investiert, um unser Modernisierungsprogramm zügig umzusetzen", versprach der Manager.

Zu retten, was zu retten ist

Gut zwei Jahre später, Ende Januar 2009, sitzt Biner Bähr im Konferenzraum eines schmucklosen Gebäudes im Essener Industriegebiet Am Teelbruch. Hier, an der Stadtgrenze zu Mülheim, ist die Zentrale von Hertie. Im Sommer 2008 hatte das Unternehmen Insolvenz angemeldet und Bähr, der vorläufige Insolvenzverwalter, bemüht sich seitdem zu retten, was zu retten ist.

Aber die Neuigkeiten, die er an diesem frostigen Tag verkündet, klingen eher nach Abwicklung: Spätestens im März würden 19 Hertie-Häuser geschlossen, weil sie nicht wirtschaftlich zu betreiben seien. Einige, sagt Bär, würden nicht einmal die Miete erwirtschaften. Auch für die übrigen mehr als 50 Filialen sieht der Insolvenzverwalter nur dann eine Überlebenschance, wenn der Eigentümer der Immobilien Zugeständnisse bei den Mieten mache. Am Freitag reiste er deshalb zu Gesprächen nach London und unterbreitete ein Konzept zur Weiterführung von Hertie.

Der Eigentümer, das ist die britische Investmentfirma Dawnay Day. Die Briten, inzwischen selbst insolvent, hatten die Warenhäuser im August 2005 vom Karstadt-Quelle-Konzern übernommen und dafür etwa 500 Millionen Euro bezahlt. Um den Kaufpreis zu refinanzieren, hätten sie Hertie Mieten aufgebürdet, die von keinem Kaufhaus der Welt zu erwirtschaften seien, sagt Bär.

Sparen beim Brandmelder

Ob Dawnay Day eine "miese Heuschrecke" sei, die Hertie nur aussauge, wird der Insolvenzverwalter gefragt. Dessen Gesicht wird noch ein wenig röter, ehe er antwortet: Normalerweise verwende er diese Bezeichnung nicht. Denn sie treffe oft den Falschen. "Aber bei Dawnay Day ist das anders. Da trifft er den Richtigen", sagt Bähr. Zum Beleg verweist er auf die Investitionen, die der Finanzinvestor versprochen, aber nicht vorgenommen habe. Selbst dringend erforderliche Ausgaben, etwa für die Modernisierung von Brandmeldern, seien unterblieben.

Das Hertie-Haus am Kometenplatz im Duisburger Stadtteil Walsum ist so ein Standort, an dem die Eigentümer mit Investitionen gegeizt haben: ein trostloser Waschbeton-Klotz aus den siebziger Jahren, der Eingang überdacht von einer Konstruktion aus verrostetem Stahl und Glas voll Taubendreck.

Gleich hinter der Eingangstür locken Rundständer mit Textilien. "30 Prozent Rabatt auf bereits reduzierte Oberbekleidung", so das Angebot. Eine Durchsage ermuntert die Kunden zum Besuch des "Karnevalsshop, gleich neben der Kosmetikabteilung." Gemeint sind ein halbes Dutzend abgegriffene Grabbeltische, gefüllt mit Billig-Kostümen, Perücken und Plastik-Pistolen für kleine Cowboys. In der Spielzeugabteilung gibt es große Lücken. Offensichtlich werden die Regale nicht mehr aufgefüllt. Das lohnt auch nicht. Die Filiale wird voraussichtlich im März geschlossen.

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