Hapag Lloyd Der Morgen danach

Mit viel Mühe schleppte sich die Containerreederei Hapag Lloyd an die Börse. Das wichtigste Projekt des Vorstandschefs war damit umgesetzt. Und jetzt?

Von Angelika Slavik, Hamburg

Mit der Kunst ist das so eine Sache. In der Eingangshalle des Hapag-Lloyd-Gebäudes in Hamburg zum Beispiel hängt ein riesiges Ölgemälde. Es zeigt: ein Schiff in Seenot. Man muss sagen, dass es ziemlich gut da hinpasst, nicht nur unter ästhetischen Gesichtspunkten.

Einige hundert Meter die Straße herunter, sitzt der Unternehmenschef in einem Restaurant: Rolf Habben Jansen, 49, hat die Presse hierher geladen, um zu erklären wie bei Hapag Lloyd bald alles besser werden soll. An der Wand hinter Habben Jansen hängen drei Bilder. Aber, ja, mit der Kunst ist das eben so eine Sache. Eines der Bilder zeigt einen Mann, der versucht, ein Buch zu lesen. Leider sind seine Augen verbunden. Ob Habben Jansen mehr Durchblick hat?

Leicht ist die Lage für das Unternehmen und ihren geselligen Chef jedenfalls nicht. Im vergangenen Herbst hat sich Hapag Lloyd, damals die weltweit viertgrößte Containerreederei, mit allerlei Mühen an die Börse gewurschtelt. Es war bereits der dritte Anlauf, den das Unternehmen gestartet hatte, schon zweimal hatten Habben Jansens Vorgänger dieses Vorhaben in letzter Minute absagen müssen. Entsprechend hoch war der Druck - aber wenige Tage vor der geplanten Erstnotiz sah es plötzlich wieder nicht gut aus für Hapag Lloyd. Der Konkurrent Maersk, immerhin die Nummer eins am Weltmarkt, gab eine Gewinnwarnung heraus, von schlechten Aussichten für die gesamte Branche war da die Rede. Das trieb den großen Investoren, die sich bis dahin noch durchaus interessiert gezeigt hatten, auch die Lust auf die Papiere von Hapag Lloyd aus.

"Ein Kurs ist nur ein Kurs", sagt der Chef. In Wirklichkeit ist der Kurs vor allem: ein Problem

Das seien "interessante Tage" gewesen, versucht sich Habben Jansen rückblickend in Galgenhumor. Interessant, das bedeutet: Der Niederländer soll nächtelang mit den Geldgebern auf der ganzen Welt telefoniert haben, um sie doch noch von einem Investment in das Unternehmen zu überzeugen. "Am Ende sind wir froh, dass wir es geschafft haben", sagt Habben Jansen. Tatsächlich musste die Reederei den Ausgabekurs ihrer Papiere nach unten korrigieren, der Börsengang spülte deutlich weniger Geld in die Kassen als ursprünglich erhofft. "Ein Kurs ist nur ein Kurs", sagt Habben Jansen.

Sieht aus wie Hamburger Industrieidylle, ist aber knallharter Preiskampf. Containerreedereien wie Hapag Lloyd haben Probleme mit sinkenden Frachtraten.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)

In Wirklichkeit ist der Kurs aber natürlich ein Problem. Vor allem jetzt, nach dem vermeintlichen Happy End der Mission Börsengang. Denn seit der Erstnotiz Anfang November, haben die Hapag-Lloyd-Aktien 13 Prozent an Wert eingebüßt. Das ist schlecht für die Anteilseigner, zu denen auch die Stadt Hamburg gehört. Wenn Hapag Lloyds Papiere abschmieren, ist das in der Hansestadt also auch ein Politikum.

Habben Jansen verbirgt nicht, dass er sich die Wertentwicklung kaum erklären kann. Er glaube "noch immer", dass der Kurs eigentlich nach oben gehen müsste, sagt er. "Aber da müssen wir eben liefern. Da müssen wir beweisen, dass Hapag Lloyd ein gesundes Unternehmen ist." Am Freitagnachmittag notierte die Aktie bei 17,57 Euro. Als die Stadt Hamburg 2012 ihre Beteiligung an dem Unternehmen noch einmal erhöhte, zahlte sie für jeden Anteilsschein 41,22 Euro. Das macht sich nicht gut im kommunalen Haushalt.

Tatsächlich wird es schwer, diese Entwicklung rasch umzukehren, denn die Rahmenbedingungen sind ungünstig: Seit Jahren fallen in der Containerschifffahrt die Preise. Die Branche reagierte darauf mit immer größeren Schiffen - denn die würden die Fixkosten verringern, das war das Kalkül. Das Problem dabei, das sich nun abzeichnet, ist, dass große Schiffe eben auch schwer vollzukriegen sind. Die Reeder bieten ihre Restkapazitäten auf den Schiffen deshalb häufig besonders günstig an, was die Frachtraten insgesamt weiter drückt. Zahlreiche Fahrten sind für die Reedereien deshalb Verlustgeschäfte - doch das wolle er möglichst vermeiden, sagt Habben Jansen. Deshalb würde Hapag-Lloyd lieber Fahrten streichen, als sie mit zu geringer Auslastung durchzuführen. "Wir müssen unsere Kapazitäten anpassen." Schon jetzt sind nur noch 175 Frachtschiffe weltweit für Hapag-Lloyd im Einsatz, ein Jahr zuvor waren es noch knapp 200. Entsprechend ging die Frachtkapazität von einer Million Standardcontainer auf 945 000 zurück.

Die aussortierten Schiffe werden zur Reparatur ins Dock geholt, einige sind nur gechartert und können den Eigentümern zurückgegeben werden. Andere liegen einfach irgendwo im Hafen. Das klingt nicht nach einer Story, wie sie Anleger lieben - dabei verspricht Habben Jansen für 2015 erstmals seit Jahren wieder einen operativen Gewinn bei Hapag Lloyd. Die Aussichten für 2016 seien unklar: Man könne nicht absehen, wie sich die Konjunktur weltweit entwickeln werde, vor allem in China. Insgesamt sei das Marktumfeld "enttäuschend".

Der Niederländer Rolf Habben Jansen, 49, ist seit Juli 2014 Chef von Hapag Lloyd.

(Foto: dpa)

Hinzu kommen Veränderungen bei der Konkurrenz. Nicht nur die Schiffe, auch die Unternehmen selbst streben nach Größe: In China fusionieren die beiden wichtigsten Akteure China Shipping und Cosco, zudem hat die französische CMA kürzlich das Unternehmen NOL aus Singapur übernommen. Auch Hapag Lloyd hat im vergangenen Jahr einen Zusammenschluss hinter sich gebracht, die Hamburger übernahmen den größten Teil der chilenischen CSAV. Dieser Schritt soll maßgeblich dafür verantwortlich sein, dass Hapag Lloyd 2015 wieder schwarze Zahlen erwirtschaftet hat - aber ob es ausreicht, um langfristig am Markt zu bestehen? Habben Jansen sagt, es wäre "hilfreich", wenn man noch größer würde, weitere Zukäufe seien also denkbar.

Bis dahin muss der Vorstandschef versuchen, die Auslastung irgendwie allein hochzutreiben. Denn das Unternehmen hat in der Vergangenheit fünf neue Schiffe bestellt, das erste davon wird im Oktober geliefert - auch wenn es ja schon jetzt zu viel Kapazität gibt. Diese neuen Schiffe können jeweils 10 500 Container transportieren, sind also deutlich kleiner als viele der neuen Riesenfrachter bei der Konkurrenz. Nach der Erweiterung des Panamakanals sollen diese Schiffe Vorteile bringen. Wenn es etwas zu transportieren gibt.