Gütesiegel Fairness im Preis nicht inbegriffen

Goldschürfer in Indonesien: Zertifikate könnten die Arbeitsbedingungen in der Branche verbessern.

(Foto: Ulet Ifansasti/Getty)

Der begehrte Rohstoff Gold wird meist unter menschenunwürdigen Bedingungen geschürft. Manche Schmuckhändler wollen das ändern. Zum Beispiel Guya Merkle aus Pforzheim und ihre Stiftung.

Von Janis Beenen

Als Schmuckstück, Barren oder im Smartphone - Gold ist in zahlreichen Waren zu finden. Oft wird der Rohstoff vor der Verarbeitung unter menschenunwürdigen Bedingungen geschürft. Nur ein Prozent der Produkte auf dem Weltmarkt stammt aus fairem Handel. So gibt es die Initiative Fairtrade an. Sie zertifiziert Produkte, bei deren Herstellung bestimmte soziale und ökologische Standards eingehalten werden.

Ganz langsam wandelt sich auch der Markt. Der Druck kommt vor allem von den Schmuckhändlern. Menschen wie Guya Merkle, sie gilt als Vorreiterin in der Branche. Die Pforzheimerin hat im Jahr 2012 eine Stiftung zur Förderung fairen Goldabbaus gegründet. Ware, die ihr Betrieb verarbeitet, stammt aus entsprechend zertifizierten Minen, berichtet Merkle. Neben Fairtrade vergibt die Organisation Fairmined entsprechende Gütesiegel.

Merkles Idee, etwas zu verändern, reifte lange Zeit. Im Jahr 2007 starb ihr Vater. Plötzlich stand die junge Frau vor der Herausforderung, die Schmuckfirma der Familie zu führen. Ahnung vom Goldgeschäft hatte Merkle mit damals 21 Jahren nicht. Sie habe ein Fachstudium aufgenommen und Goldminen in Peru besucht. "Die Zustände haben mich erschreckt", sagt Merkle. In den Minen sah sie Kinderarbeit, Beschäftigte ohne Schutzkleidung. Die Bezahlung der Arbeiter war mies, viele hatten keine Ausbildung, waren auch nicht geschult worden. Merkles Schilderungen aus Peru ähneln Berichten von anderen Schürfgebieten in Südamerika und Afrika.

Der leichtfertige Umgang mit hochgiftigem Quecksilber und Zyanid ist vielerorts üblich. Mit den Stoffen wird Gold aus dem Gestein gewonnen. "Die Arbeiter fassen das Quecksilber mit bloßen Händen an", sagt Merkle. "Und beim Erhitzen atmen sie es ein." In vielen Fällen verseuchen die Chemikalien auch das Grundwasser rund um die Minen. Denn eine fachgerechte Entsorgung ist die Ausnahme.

Die Verbesserung der Lage gestaltet sich kompliziert. Merkle erlebt einen milliardenschweren Markt mit Konkurrenten, die keine Öffentlichkeit für die üblichen Produktionsbedingungen wollen. Und tatsächlich: Auch auf Nachfrage möchten mehrere große Händler, die mit konventionell gewonnenem Gold ihr Geld verdienen, nicht über die Situation in den Minen reden. "Viele aus der Branche haben schon zu mir gesagt, dass es keinen Wandel geben kann", berichtet Merkle. Denn das entscheidende Kriterium sei noch immer der Preis. "Es sind ungefähr zehn Prozent, die man bei Produkten aus fairem Gold extra bezahlen muss", sagt Merkle. Langsam aber gibt es Fortschritte. "Gucci will bis 2020 sein Angebot auf fair gehandeltes Gold umstellen", sagt Merkle. Auch kleinere Juweliere bestätigen eine steigende Nachfrage.

Für ein Zertifikat müssen Minen gerechte Bezahlung, Umwelt- und Sicherheitsstandards garantieren

Um das Fairtrade-Siegel zu bekommen, müssen die Händler einiges beachten. Die Schürfer müssen mindestens 95 Prozent des in London ermittelten Weltmarktpreises erhalten, hinzu kommen Prämien für Gemeinschaftsprojekte. Eine Feinunze, die übliche Maßeinheit, kostet derzeit etwa 1360 Dollar, also mehr als 43 500 Dollar je Kilo. Neben der fairen Bezahlung müssen die Minen für ein Zertifikat unter anderem Sicherheits- und Umweltstandards einhalten und den Einsatz von Chemikalien beschränken. "Vor Ort arbeiten wir nur mit kleinen Schürfergemeinschaften zusammen, die keinem großen Unternehmen gehören", sagt Claudia Brück, Vorstandsmitglied bei Fairtrade. So möchte ihre Organisation sicherstellen, dass die Maßnahmen für verbesserte Arbeitsbedingungen auch kontrollierbar sind. Die Anfänge sind noch sehr bescheiden: Derzeit sind nur 30 Produkte im Handel, die ein entsprechendes Zertifikat haben, vornehmlich Schmuck. "Die große Frage ist, was Banken oder Handyhersteller tun", sagt Brück. In diesen Bereichen gibt es kaum entsprechende Angebote.

Beispiele dafür, dass fair produzierte Barren eine beliebte Geldanlage sein können, gibt es. So meldet das Handelshaus ESG Edelmetall, die Nachfrage nach seinen fairen Barren sei nicht mehr zu decken. Es gebe noch zu wenige zertifizierte Minen, heißt es. Eine rasche und radikale Umstellung des Marktes gilt aus Expertensicht aber als unmöglich. Es sei aufwendig, die Bedingungen in den Minen zu ändern. Eine komplett neue Infrastruktur muss geschaffen werden.

Zum Beispiel in Form eines Tracking-Systems, das die Lieferkette von den Schürfern zum Verbraucher transparent macht. Es zeichnet auf, wo faires Gold verkauft wird und in welcher Menge. Lange hatte Fairtrade daher nur einen Standort in Peru mit Gütesiegel versehen, jetzt kommen weitere in Ostafrika hinzu. "Angebot und Nachfrage sollten sich gleichmäßig entwickeln", sagt Brück. Denn ein Überangebot an fairem Gold hilft den Schürfern auch nicht. Das Engagement von Fairtrade für die Goldproduktion ist umstritten. "Wir wurden gefragt, warum wir uns überhaupt darum kümmern und nicht einfach auf recyceltes Gold setzen", sagt Claudia Brück. Doch das sei keine Lösung: "Für die Schürfer wäre das existenzbedrohend." Andere Erwerbsquellen gebe es in den Regionen der Minen meist nicht. Außerdem sei es kaum möglich, mit recyceltem Gold den Bedarf zu decken. Das Angebot an altem Gold ist zu gering.