Gipfel in Brüssel German Angst

Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärt EZB-Präsident Mario Draghi die Sorgen deutscher Sparer. Der Mann hat das große Ganze im Blick. Und da erscheinen die Sorgen der deutschen Sparer doch wieder relativ klein.

Von Alexander Mühlauer

Der deutsche Sparer hat es zurzeit nicht leicht, das weiß auch die Bundeskanzlerin. Und so nutzte Angela Merkel den EU-Gipfel, um für Verständnis zu werben bei jenem Mann, der für die deutschen Sorgen, ja die German Angst, verantwortlich ist: Mario Draghi. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) war nach Brüssel gekommen, um den Staats- und Regierungschefs die Gründe für seine Entscheidung zu erklären, die viele Deutsche nicht mehr nachvollziehen können. Vergangene Woche hat der Italiener den Leitzins auf 0,00 Prozent gesenkt. Das war dann die in Zahlen gegossene Botschaft an alle Bürger Europas: Wer spart, bekommt dafür nichts.

So kann man das natürlich sehen. Ob es die Kanzlerin auch so sieht, ist nicht überliefert. In der Gipfel-Sitzung wies sie darauf hin, dass es in der deutschen Bevölkerung Vorbehalte gegen die Niedrigzins-Politik der EZB gebe. Sie erwähnte die Sorge vor Wohlstandsverlusten und die Angst der Deutschen vor Aktien-Investments. So erzählen es EU-Vertreter. Draghi habe darauf erwidert, dass die deutschen Banken nachdenken sollten, ob sie ihr Geschäftsmodell nicht den veränderten Umständen anpassen sollten. So kann man es natürlich auch sehen.

Nullzins, Bargeld-Obergrenze, 500-Euro-Schein weg - sonst noch was? Einlagensicherung!

Was auch immer die Banken jetzt tun werden, es steht wahrlich nicht gut um die Gemütslage des deutschen Sparers. Für das Geld, das auf seinem Konto liegt, bekommt er, wenn überhaupt, nur Mini-Zinsen; dann will ihm Draghi auch noch den 500-Euro-Schein wegnehmen; und wäre das nicht schon genug, soll er nach dem Willen von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble nur noch höchstens 5000 Euro auf einmal bar zahlen dürfen. Ganz zu schweigen von den Plänen aus Brüssel, dass deutsche Sparer für griechische, italienische und alle anderen europäischen Banken haften sollen, die irgendwann Teil einer EU-weiten Einlagensicherung sein sollen. Sparen hat wirklich schon mal mehr Spaß gemacht.

Gute zwei Stunden sprachen die Staats- und Regierungschefs mit Draghi am Donnerstagabend über die wirtschaftliche Situation Europas. Der EZB-Präsident ermahnte den Kreis der 28, sich nicht auf den niedrigen Zinsen auszuruhen, sondern Strukturreformen anzuschieben. Die EZB werde zwar das Zinsniveau für längere Zeit auf dem derzeitigen Niveau lassen - oder sogar noch weiter senken. Die Geldpolitik sei in den vergangenen Jahren der einzige Antrieb der Erholung gewesen, aber sie könne eben nicht die grundlegenden Schwächen der Euro-Zone beseitigen. Dafür brauche es Reformen, eine höhere Nachfrage, mehr öffentliche Investitionen und niedrigere Steuern. Man kann sagen, Draghi hat das große Ganze im Blick - und im Vergleich dazu erscheinen ihm die Sorgen deutscher Sparer wohl ziemlich klein.

Es ist ja so, dass es noch andere Ängste in Europa gibt. Merkel berichtete in der Nacht zum Freitag, dass man sich im Kreis der 28 EU-Staaten auch über "die besorgniserregende Situation der Stahlindustrie" ausgetauscht habe. Sie sei ein tragender Pfeiler des Innovationsstandortes Europa. Und auch die Not der Landwirte kommt in den Schlussfolgerungen des Gipfels vor. Sie leiden vor allem unter den niedrigen Milchpreisen.

Zu guter Letzt ging es noch um Energie und das Weltklima. Ein weites Feld, aber, wie gesagt, dafür mussten zwei Stunden reichen. Danach stand der wirklich wichtige Punkt auf der Tagesordnung: der Deal mit der Türkei in der Flüchtlingskrise. Und davon sollen am Ende, wenn man so will, auch die deutschen Sparer etwas haben.