Geplanter Verschleiß von Produkten Plötzlicher Tod der Glühbirne

1924 vereinbarte ein Kartell von Glühbirnenherstellern, die maximale Lebensdauer der Leuchten dürfe 1000 Stunden nicht überschreiten. Der bis heute bestdokumentierte Fall von geplanter Obsoleszenz.

(Foto: dpa)

Einst hat ein geheimes Kartell die Lebenszeit von Glühbirnen verkürzt - ein markantes Beispiel für gewollten Verschleiß. Die Industrie sorgt mit Hilfe der Politik immer häufiger dafür, dass Produkte eine bestimmte Gebrauchsdauer nicht überschreiten. Nachweisen lässt sich das schwer.

Von Silvia Liebrich

Der Erfinder Adolphe Chaillet wäre vermutlich längst in Vergessenheit geraten, hätte er nicht eine ganz besondere Glühbirne erfunden. Eine Glühbirne, die seit mehr als 100 Jahren in einer Feuerwache in der Nähe von San Francisco ihren Dienst leistet. Das "ewige Licht", wie die Feuerwehrmänner diese Glühbirne nennen, hat es sogar bis ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft.

Hergestellt wurde sie vermutlich um das Jahr 1895 von der Firma Shelby Electric, die ihr Produkt damals stolz mit dem Zusatz "Longest Life" bewirbt. Grund für das besonders lange Leben der Birne ist der von Chaillet entwickelte Glühfaden. Woraus der genau besteht, das blieb bis heute ein Geheimnis.

Der mächtige US-Konzern General Electric, der den Glühbirnenhersteller zwei Jahrzehnte später übernimmt, hat kein Interesse daran, eine Glühbirne herzustellen, die so lange brennt. Das amerikanische US-Werbemagazin Printers' Ink bringt es 1928 auf den Punkt: "Ein Artikel, der nicht verschleißt, ist eine Tragödie fürs Geschäft." Die Konsumenten sollen neue Produkte kaufen, in immer kürzeren Abständen, so lautet schon damals die Botschaft - eine grundlegende Voraussetzung für die Massenproduktion. Und wäre es nicht überhaupt viel besser, wenn Glühbirnen schon nach relativ kurzer Zeit kaputtgingen? Wenn es gar einen planbaren Verschleiß gäbe?

Einziges Ziel: Gewinnmaximierung der Hersteller

Das denken sich auch die Herren in dunklen Anzügen, die sich im Winter 1924 in Genf zu einem geheimen Treffen versammeln. Ihr Ziel ist es, ein Kartell zu gründen, dem sie den Namen Phoebus, "der Leuchtende", geben. Ein mit Bedacht gewählter Name, geht es doch darum, den weltweiten Glühbirnenmarkt untereinander aufzuteilen. Und nicht nur das. Die Firmenvertreter beschließen außerdem, die Lebenszeit von Glühbirnen auf 1000 Stunden zu verkürzen. Das entspricht etwa einer Halbierung der damaligen Brenndauer. Ein Hersteller, der Birnen produziert, die länger brennen, muss harte Strafen an das Kartell zahlen. An der illegalen Absprache beteiligen sich nahezu alle großen internationalen Produzenten, darunter auch die deutsche Osram. Erst eine Anklage der US-Regierung gegen General Electric setzt dem Treiben 1942 offiziell ein Ende. Doch bis heute kursieren Gerüchte, das Kartell bestehe weiter. Beweise dafür gibt es nicht.

Das Glühbirnenkartell ist eines der bekanntesten Beispiele für einen gewollten Verschleiß oder eine geplante Obsoleszenz, wie es im Fachjargon heißt. Es gehört auch zu den am besten dokumentierten Fällen von geplantem Verschleiß. Erst vor wenigen Jahren sind Kisten mit alten Dokumenten aufgetaucht, die belegen, wie das Kartell funktioniert hat. Beschrieben wird dieser Fund in dem gerade erst erschienen Buch "Kaufen für die Müllhalde". Die Autoren Cosima Dannoritzer und Jürgen Reuß analysieren darin das Prinzip der geplanten Obsoleszenz, das sich heute durch alle Produktbereiche zieht, vom Auto über den Computer bis hin zur Kleidung.

Ein Phänomen, das auch viele Verbraucher beschäftigt. Ist es reiner Zufall, dass der neue Fernseher genau dann kaputtgeht, wenn die Garantie gerade abgelaufen ist? Oder dass die neuen Schuhe nach kurzer Zeit unbrauchbar werden, weil sich die Gummisohlen auflösen? Eine vor Kurzem von den Grünen veröffentlichte Studie kommt zu dem Schluss: Nein, kein Zufall. Sie spricht von geplanter Obsoleszenz zur Gewinnmaximierung der Hersteller und zum Schaden von Verbrauchern.