Freihandelsunion Vereint gegeneinander

Afrika ringt sich zum großen Aufbruch durch. 26 Länder schließen sich zusammen. Aber noch beherrscht Korruption den grenzüberschreitenden Handel.

Von  Judith Raup

Sechsundzwanzig afrikanische Länder haben Großes vor: Sie wollen eine Freihandelszone von Kapstadt bis Kairo schaffen. In der Region leben 625 Millionen potenzielle Konsumenten und Arbeitskräfte. Sie erwirtschaften ein Bruttosozialprodukt von einer Billion Dollar. Das entspricht gut der Hälfte der afrikanischen Wirtschaftsleistung.

Der simbabwische Ökonom Sindiso Ngwenya spricht von einem "game changer" für Afrika, vom Aufbruch aus der Armutsecke der Welt dank eigener Wirtschaftskraft. Ngwenya hat die Verhandlungen über die Senkung der Zollgebühren und den Abbau der Bürokratie koordiniert. Die Staatschefs haben das Abkommen vor kurzem in Charm el Cheikh unterzeichnet. Nun müssen die Parlamente es ratifizieren.

Von den Feierlichkeiten im fernen Ägypten hat Rachel Espérance Kashira nichts mitbekommen. Aber die kongolesische Brothändlerin in der Provinzhauptstadt Goma findet es an der Zeit, die Spielregeln am Zoll zu ändern. Sie kauft ihre Ware in der ruandischen Nachbarstadt Gisenyi. Das Brot ist dort billiger als im Kongo, wie viele Produkte. Denn in Ruanda transportieren Lastwagen die Güter auf geteerten Straßen. Im Kongo holpern sie über Pisten, und Banditen erpressen unterwegs Geld. Das treibt die Kosten in die Höhe.

"Wenn ich die Grenze passiere, muss ich den Zöllnern fast immer Dollar zustecken."

"Wenn ich die Grenze passiere, muss ich den Zöllnern fast immer ein paar Dollar zustecken", klagt Kashira. Manchmal behaupten sie, die Marktfrau komme zu spät und dürfe nur gegen eine Gebühr nach Hause in den Kongo. Der Schlagbaum schließt um 18 Uhr, angeblich aus Sicherheitsgründen. Manchmal jammern die Staatsdiener, sie erhielten keinen Lohn. Deswegen müssten sie leider die Passanten ausnehmen.

Der Poto-Poto-Markt von Brazzaville, der Hauptstadt der Republik Kongo. Auch für Gemüse muss mitunter Schmiergeld gezahlt werden.

(Foto: Federico Scoppa/AFP)

"Letztens haben sie meine Freundin sogar eingesperrt", schimpft Kashira. Die Freundin trug eine Plastikwanne mit Tomaten auf dem Kopf. Nach langem Fußmarsch wollte sie rasten. Zu nahe bei der kongolesischen Fahne, fand ein Zöllner. Für diesen "Frevel" sollte die Tomatenhändlerin fünf Dollar Strafe abtreten. Fünf Dollar bedeuten im zweitärmsten Land der Welt ein Vermögen. Weil die junge Frau nicht bezahlen konnte, haben die Zöllner sie in einen Bretterverschlag gesteckt. Später haben sie die Tomaten konfisziert und die Gefangene ziehen lassen. "So etwas passiert täglich", erzählt Kashira. Die Markthändlerin klagt zudem, dass "viel zu viele Leute" die Hand aufhielten. Da gebe es den Beamten für Finanzen, für Immigration, für Hygiene, den Geheimdienst und "Typen, die sich als Zöllner ausgeben".

Die Sprecherin der Provinzregierung in Goma räumt gewisse Missstände ein. Aber es sei an den Geschäftsleuten, Korruptionszahlungen zu verweigern und anzuzeigen. Außerdem sei man dabei, das Zollverfahren zu vereinfachen. Es solle irgendwann nur noch einen einzigen Schalter geben, an dem Importeure und Exporteure ihre Stempel erhielten und die Gebühren bezahlen könnten. Der Kongo wolle insbesondere ausländischen Investoren den Weg ebnen.

Darüber lacht Didier Dupon, der seinen wahren Namen nicht in der Zeitung genannt wissen will. Der afrikanische Unternehmer schmuggelt das meiste Material für seine Firma in den Kongo. "Wenn ich den Zoll bezahlen wollte, wäre ich längst pleite", sagt er. Die Beamten an der Grenze legten die Gebühr willkürlich fest. Oft übersteige die Abgabe den Wert der gesamten Ware um das Doppelte. Als Dupon letztens wetterfeste Stiefel für seine Mitarbeiter importieren wollte, hat er es auf offiziellem Weg versucht. Die Beamten kassierten die Schuhe sofort ein und behaupteten, Dupon wolle sie an Milizen liefern. Der Geheimdienst drohte sogar, ihn ins Gefängnis zu sperren.

Ein anderes Mal, nach einem Disput mit einem Zöllner, standen plötzlich Soldaten und Dutzende wütender Leute vor seiner Firma. Sie wollten die Büros stürmen, weil Dupon die Kongolesen ausbeute. "Dabei gebe ich mehreren hundert Menschen in einem Gebiet Arbeit, wo sich kaum ein Unternehmer hin traut", schimpft er.

Auch der Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft berichtet von "mühseligen und zeitintensiven Prozessen" im Grenzverkehr mancher Länder. Einige erschwerten den Import, um ihre Industrie zu schützen, sagt Hauptgeschäftsführer Christoph Kannengießer. So verhandle etwa eine deutsche Firma schon seit gut vier Jahren mit den Behörden, weil sie Zement aus ihrem namibischen Werk ins benachbarte Angola liefern will. Bisher vergebens, obwohl beide Länder der Entwicklungsgemeinschaft südafrikanischer Staaten angehören.

Ein Soldat der Republik Kongo bewacht die Grenze zu Ruanda. Dort sind viele Lebensmittel des täglichen Bedarfs günstiger als in Kongo.

(Foto: Junior D. Kannah/AFP)

Dennoch, Kannengießer glaubt an das Freihandelsabkommen: "Es ist machbar und kann den schwachen Binnenhandel forcieren". Bisher wickeln afrikanische Länder nur zwölf Prozent ihres Handels innerhalb des Kontinents ab. Die Volkswirtschaften in Südostasien schaffen das Doppelte. In Europa sind es 60 Prozent.

Ganz anders urteilt der Münchner Unternehmensberater für Afrikageschäfte, Antoine Gnofame, über das Freihandelsabkommen: "Ich fürchte, das wird ein Flop". Schuld daran seien Inkompetenz und Ineffizienz der Beamten, die die Vereinbarung umsetzen sollen. Gnofame warnt zudem vor einem schädlichen Wettbewerb unter den 26 Ländern. Deren Volkswirtschaften befinden sich auf sehr unterschiedlichem Entwicklungsstand. "Wenn man nicht aufpasst, könnten Firmen aus starken Regionen die kleinen verdrängen", warnt Gnofame. Er kritisiert, dass Vertreter der Privatwirtschaft und der Zivilgesellschaft bei dem Abkommen kaum zu Rate gezogen wurden. So kämen Menschen aus der Praxis nicht zu Wort.

Dabei bräuchten gerade Händlerinnen wie Kashira eine Lobby. Millionen Afrikanerinnen halten mit kleinen Geschäften ihre Familien am Leben und sie stärken damit die Wirtschaft ihrer Länder. Im südlichen Afrika zum Beispiel steuert der informelle grenzüberschreitende Warenverkehr etwa ein Drittel zum regionalen Handelsvolumen bei. Trotz aller Schikanen am Zoll.