Fragen & Antworten Krank, aber kooperativ

Hoher Blutdruck, Fieber? Mancher Arbeitgeber will heute schon am ersten Krankheitstag ein Attest.

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Wann muss man ein Attest abgeben? Wie lang wird der Lohn weitergezahlt? Das gilt es zu wissen in Sachen Arbeitsrecht und Gesundheit

Von Lea Hampel

Der Lieferkonzern Amazon zahlt Prämien für Teams mit wenigen Krankentagen; schon als der Discounter Lidl vor einigen Jahren Krankheiten seiner Mitarbeiter dokumentierte, sorgte das für Aufruhr. Was Arbeitnehmer wissen müssen:

Unter welchen Umständen darf man sich krankmelden?

Krank ist nicht gleich krank. Entscheidend sind das eigene Wohlbefinden und eine ärztliche Einschätzung. Wer also erkältet ist oder schwerer krank, darf zu Hause bleiben. Vor allem von Führungskräften wird aber zunehmend erwartet, dennoch erreichbar zu sein.

Ab wann ist ein Attest nötig?

Lange war es möglich, drei Tage krank zu sein, ohne einen entsprechenden Nachweis vom Arzt vorzulegen. Im Jahr 2012 befand das Bundesarbeitsgericht, dass der Arbeitgeber am ersten Tag nach einem Attest verlangen kann, ohne eine Begründung zu geben. Zudem darf ein Arbeitgeber per Betriebsvereinbarung vorschreiben, dass immer am ersten Tag ein Attest beizubringen ist, dafür muss der Betriebsrat zustimmen.

Für welche Phase gelten welche Ansprüche auf Lohnfortzahlung?

Das wichtige Gesetz ist das Entgeltfortzahlungsgesetz. Demnach muss der Arbeitgeber die ersten sechs Wochen den Lohn in voller Höhe zahlen. Hat ein Mitarbeiter innerhalb eines Jahres verschiedene Erkrankungen, fangen die sechs Wochen jedes Mal neu an. Dauert die Krankheit länger als sechs Wochen, zahlt die Krankenkasse.

Gelten die Regeln für alle Krankheiten?

Vor allem psychische Erkrankungen sind häufiger als früher. Der AOK-Fehlzeitenreport 2015 hat gezeigt, dass innerhalb von zehn Jahren die Zahl der dadurch bedingten Fehltage um 72 Prozent gestiegen ist. Die Regeln sind jedoch für psychische wie physische Krankheiten gleich, obwohl erstere im Durchschnitt doppelt so lange dauern. Werden sie ignoriert, sei zudem die Gefahr dauerhafter Arbeitsunfähigkeit besonders hoch, sagt Arbeitsmedizinerin Britta Reichardt vom Institut für Arbeitssicherheit, Arbeitsmedizin und Prävention.

Welche Rolle hat der Arbeitgeber, wenn ein Arbeitnehmer krank arbeitet?

Auch wenn es Sache des Arbeitnehmers ist, wie gesund er sich fühlt, gibt es die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers. Aus der folgt keine konkrete Pflicht, kranke Mitarbeiter heimzuschicken. Sie kann aber Grund dafür sein - weil der Arbeitgeber auch für Kollegen, die sich anstecken könnten, Fürsorgepflicht hat.

Ist es legal, Mitarbeiter zu belohnen, die weniger krank sind?

Ja, ist es. Laut dem Entgeltfortzahlungsgesetz können Sondervergütungen gestrichen werden, wenn jemand krank ist. Wenn aber umgekehrt jemand selten krank ist und dafür zusätzlich entlohnt wird, ist das legal - zumal, wenn es eine entsprechende Betriebsvereinbarung gibt.

Lohnen sich Prämienregelungen aus Arbeitgebersicht?

Peter Fürnthaler, Anwalt für Arbeitsrecht in München, ist überzeugt, dass Maßnahmen wie bei Amazon präventiv wirken können, "weil die Mitarbeiter dann möglicherweise stärker darauf achten, dass sie selbst und ihre Kollegen weniger Unfälle haben".

Es gebe auch immer wieder Firmen, die Prämien-Regelungen erwögen, um die Arbeitsmoral zu steigern. Ärztin Reichardt dagegen glaubt, dass das kurzfristig nutzen, aber langfristig schaden könne: "Es fördert den Präsentismus, kann dazu führen, dass Krankheiten chronisch werden und zudem die Kollegen infiziert werden."

Kann einem Mitarbeiter wegen zu häufiger Krankheit gekündigt werden?

Ja. "Vor allem häufige Kurzerkrankungen und eine Arbeitsunfähigkeit über Jahre sind typische Fälle vor Gericht", sagt Anwalt Fürnthaler. Für eine solche Kündigung ist nicht einmal eine Abmahnung notwendig.