Finanzkrise Von der Verlockung, immer zu gewinnen

Das Casino "Finanzmarkt" wird vorübergehend in eine Baustelle verwandelt - doch bald heißt es wieder: Das Spiel ist eröffnet.

Von Andreas Zielcke

1.

Zu Barack Obamas Botschaft gehört das Versprechen, "to reconstruct responsibility", Verantwortlichkeit wiederaufzubauen. Was immer das für seine Politik bedeuten wird, es ist jedenfalls auch das Leitmotiv des für Mitte November geplanten Weltfinanzgipfels. Der außer Kontrolle geratene Kapitalmarkt soll wieder in die Pflicht genommen werden als verlässliches Finanzmedium der Realwirtschaft.

Aber auch wenn die Prinzipien, die der Gipfel installieren will - Transparenz, Kontrolle und Einschränkung der falschen Anreize - in internationale Regulative gegossen werden, bleibt die Frage, ob nicht die tieferen Ursachen des Systemabsturzes gegen die geplanten Kuren resistent sind. Um das zu klären, ist es ratsam, sich mit Geldvernichtung und Finanzmathematik zu befassen, aber auch mit Alchemie, der Kultur des Erfolgs und dem Leben im schwerelosen Raum.

2.

Geldvernichtung: Seit Jahresanfang haben die Aktien der acht wichtigsten Börsenindizes rund 25.000 Milliarden Dollar an Wert verloren. Die 25 Billionen haben sich, wie Le Monde schreibt, "in Rauch aufgelöst". Doch so einfach lässt sich der Vermögensverlust, den die Finanzmisere auslöst, natürlich nicht errechnen.

Aus Kursstürzen an der Börse folgt nicht automatisch ein entsprechender wirtschaftlicher Schaden. Nur insoweit Aktiendepots innerhalb des Zeitraums, in denen ihr Kurs fällt, veräußert oder endgültig in der Bilanz ihrer Inhaber abgeschrieben werden müssen, wird aus dem Börsenminus von 25.000 Milliarden ein "echter" Geldverlust.

3.

Vor allem aber sind die Verluste an der Börse kein Gradmesser des Schadens, der der Realwirtschaft zugefügt wird, dieser dürfte beträchtlich darüber liegen. Und schließlich kommen noch die bisher unkalkulierbaren Rettungsausgaben der öffentlichen Haushalte hinzu, Ausgaben, die die Handlungsfähigkeit des Staates auf absehbare Zeit schmerzhaft einengen werden - eben jenes Staates, dem in der Krise doch die Renaissance politischer Gestaltungskraft zugeschrieben wird. Inzwischen steht eine ganze Kette von Staaten sogar vor der Zahlungsunfähigkeit.

Einen Saldo der Geldvernichtung, die der Handel mit den faulen Immobilienkrediten und ihren Derivaten weltweit verursacht hat, traut sich daher noch niemand zu. Eines aber steht immerhin fest: Nie wurde ein phantastischerer "Leverage", ein phantastischerer Hebeleffekt erzielt wie dieser zwischen eingesetztem Kapital und verursachtem Schaden.

Die Finanzakteure sind die modernen Herostraten. Mehr noch, der antike Herostrat brannte nur den Tempel von Ephesos ab, seine heutigen Nachfolger brachten gleich zahllose Geldtempel zum Einsturz und dazu noch die ganze Weltwirtschaft an den Abgrund. Und im weiteren Unterschied zu jenem müssen die jetzigen Herostraten die Tempel, die sie eingerissen haben, selbst wieder aufbauen. Eine bizarre Rolle: der Herostrat als Architekt.

4.

Risiko und Alchemie: Am Anfang der Krise standen ja jene vielen unzulänglich gesicherten Immobilienkredite, die man dann verbriefte und wie Wertpapiere weiterverkaufte. Damit schickte man das einmal eingegangene Risiko in den Kreislauf des Geldmarktes.

Doch entgegen der landläufigen Meinung diente der Weiterverkauf in Gestalt komplex verpackter Wertpapierpakete nicht der simplen Absicht, das Risiko betrügerisch zu kaschieren, mögen solche Motive auch eine Rolle gespielt haben. Denn man versprach ja größere Renditen speziell für den Teil der Pakete, der explizit die größeren Risiken barg. Die Logik der Derivate, also die aus den Basiskrediten abgeleiteten Optionen, Fonds und Wetten läuft nicht auf Betrug, sondern auf Überlistung des Risikos hinaus. Und dieses Überlisten führt direkt zur Alchemie.

5.

Die Käufer eines Wertpapiers können dessen Risikopotential (wie fallende Immobilienpreise in Kalifornien) nicht mehr beeinflussen. Aber sie können versuchen, sich durch Finanztechniken abzusichern. Und hierin steckt eine große Errungenschaft des modernen Kapitalmarkts und zugleich seine kolossale Pervertierbarkeit. Ohne gezielte Absicherung wären viele Export-, Währungs- und Kreditgeschäfte viel zu riskant. Um mögliche Verluste eines Geschäfts einzuhegen, "to hedge", wie es im Englischen heißt, kann man ein analoges Gegengeschäft eingehen, den Verkauf einer Option, deren Gewinnchance umgekehrt zu dem Hauptgeschäft gepolt ist: Der Wert der Option würde also mit dem ungünstigen Verlauf des Hauptgeschäfts steigen und dieses so gegen Wertverlust sichern.

Ein kluger Mechanismus - doch wie den Preis für das Optionspapier bestimmen? Was man seit Jahrhunderten nur über den Daumen peilen konnte, etwa beim Absichern des Einkaufs künftiger Getreideernten, wurde in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf eine bahnbrechende neue Grundlage gestellt.

Lesen Sie auf der nächten Seite, wie ein finanzmathematisches Modell den "fairen" Preis von Optionspapiere errechnen kann.