Ehrenamt in Deutschland Kitt der Gesellschaft

Ein Heer von Freiwilligen: Jeder dritte Deutsche arbeitet ehrenamtlich. Wer gebildet ist, ein hohes Einkommen hat oder auf dem Land lebt, hilft häufiger.

Von Kristina Läsker

Rosemarie, 68, ist Amateurschauspielerin. Ohne Bezahlung tritt ihre Theatergruppe in Kinderheimen auf. Michael, 33, hat jahrelang Rettungswagen für das Rote Kreuz gefahren und seine Samstage in Bereitschaft auf Fußballplätzen verbracht, wo es "nur 'ne Wurschtsemmel" gab. Marie-Claire, 19, ist ein paar Monate lang ins Altenheim gegangen und hat dort einen Todkranken besucht, bis er starb. Sibylle, 47, ist Mitglied im Pfarrgemeinderat und kümmert sich um Erwachsenenbildung.

Sich ehrenamtlich zu engagieren, ist in Deutschland weiter verbreitet, als viele annehmen. Jeder Dritte kümmert sich in seiner Freizeit ohne Vergütung um einen guten Zweck. Das hat die Versicherung AMB Generali in einer Studie ermittelt, für die sie 44.000 Menschen ab 16 Jahren befragte. "34,3 Prozent der Bevölkerung setzen sich regelmäßig für das Gemeinwohl ein", sagt Loring Sittler, Leiter des Generali Zukunftsfonds, der die groß angelegte Studie betreut hat.

Vielfach würde der soziale Sektor ohne das Engagement der vielen Helfer zusammenbrechen, das zeigt die eingebrachte Zeit: So leisten die Freiwilligen laut Untersuchung 4,6 Milliarden Stunden ehrenamtliche Arbeit pro Jahr. Würden diese mit 7,50 Euro pro Stunde honoriert, brächte das einen Nutzen für das Gemeinwesen in Höhe von 35 Milliarden Euro. Die Leistungen der Freiwilligen - so heißt es in der Auswertung - entsprechen etwa einer Arbeitszeit von 3,2 Millionen Vollzeitbeschäftigten.

Hoher Bildungsgrad, hoher Einsatz

"Das meiste Engagement erfolgt in Sport und Freizeit", sagt Sittler. Dazu gehört auch die unentgeltliche Arbeit in Fußball- oder Karnevalsvereinen. Häufig helfen Freiwillige in der Schule und im Kindergarten aus. Wer Kinder unter 18 Jahren im Haus hat, arbeite häufig ehrenamtlich, sagt Sittler. Die beliebtesten Ehrenämter bieten daneben auch die Kirchen. Die wichtigsten Organisationen für freiwilliges Tun sind nach wie vor die Vereine, es folgen öffentliche Einrichtungen. Der einzelne Helfer gibt viel Zeit: Im Durchschnitt widmen sich die befragten Frauen und Männer 16,2 Stunden pro Monat ihren freiwilligen Aufgaben.

Es gebe einige grundlegende Voraussetzungen für die Eigeninitiative, sagt Sittler. Je höher der Bildungsgrad ist, desto stärker ist laut Studie auch das freiwillige Engagement. Dasselbe gilt für das Einkommen: Wer mehr verdient, bringt sich - obwohl er oft viel zu tun hat - häufiger in die Gesellschaft ein. Auch die Kirchensteuer ist ein guter Indikator: Wer mehr zahlt, der hilft auch öfter freiwillig, zeigt die Studie. Die Abhängigkeiten gelten auch anders herum: Arbeitslose und bildungsärmere Schichten engagieren sich seltener.

Die Einflussfaktoren erklären auch die eklatanten regionalen Unterschiede (siehe Graphik). "Im Süden boomt das Engagement", sagt Sittler. So sind in Baden-Württemberg, Bayern oder Rheinland-Pfalz mindestens 39 Prozent der Bevölkerung aktiv. In diesen Bundesländern ist vielerorts der Wohlstand höher und die Arbeitslosenquote niedriger.

Todesspirale im Osten

In Ostdeutschland gebe es in vielen Fällen eine Art "Todesspirale", sagt Sittler. Niedriger Wohlstand und Erwerbslosigkeit führten dann dazu, dass die Menschen weniger tun, um ihre gesellschaftlichen Verhältnisse durch freiwilliges Engagement zu verändern. Sozialforscher weisen auch darauf hin, dass die ehemalige DDR vielerorts negativ nachwirkt. Der Grund: In der DDR-Zeit waren die Möglichkeiten für die Entwicklung einer Engagementkultur etwa durch die Kirche äußerst eingeschränkt. "Es wurde kaum eine bürgerschaftliche Tradition aufgebaut oder zugelassen", sagt auch Sittler.

Neben regionalen Unterschieden besteht ein großes Gefälle zwischen Stadt und Land. So gilt die Faustregel: Je kleiner die Gemeinde, desto größer das Engagement. "Durch die soziale Kontrolle gibt es oft einen Mitmach-Effekt", sagt Sittler. Insbesondere große Städte scheinen Gift zu sein fürs Gemeinwohl. In der Hauptstadt Berlin engagieren sich laut Studie nur 19 Prozent der Bevölkerung ehrenamtlich. Die Gründe: Durch die Anonymität fehlten Anreize ebenso wie soziale Kontrolle. Auch die Zahl der Einpersonen-Haushalte wirke sich negativ aus: "Singles engagieren sich seltener", so Sittler. Und während auf dem Dorf oder in der Kleinstadt die vielen Feste von der freiwilligen Feuerwehr oder dem Karnevalsverein als soziale Highlights gelten, gibt es in der Stadt viele andere Chancen, sich zu zerstreuen.

Dass trotz des insgesamt großen Eifers in der öffentlichen Diskussion oft eine "Krise des Ehrenamts" beklagt wird, hat andere Gründe. Der Freiwilligendienst durchlebt einen Strukturwandel. Früher engagierten sich die Menschen oft langfristig in Vereinen, Parteien, Gewerkschaften oder in der Kirche. Sie blieben ihrer Organisation über Jahre treu. Viele machen das heute anders: "Insbesondere Jüngere sind oft nur noch bereit, sich für ein inhaltlich und zeitlich begrenztes Projekt einzusetzen", sagt Sittler. Der neue Typ des Ehrenamtlichen beteiligt sich lieber an selbst initiierten, zweckgebundenen Projekten: Obstbäume pflanzen auf einem Schulhof, Müll einsammeln am Ufer der Elbe oder dem Bau eines Deiches.

Die häufigsten Motive wiederum dürften über Jahre gleich geblieben sein: Sie liegen laut Studie im Interesse, die Gesellschaft "im Kleinen mitzugestalten", mit "anderen Menschen zusammenzukommen" oder sich "politisch zu orientieren". Die Hilfe für Mitmenschen steht also ebenso im Vordergrund wie der Wunsch nach Geselligkeit.