Die braune Vergangenheit holt die Industriellen-Familie Quandt ein: Neue Zeugenaussagen zeigen, wie sehr die Dynastie von Zwangsarbeitern profitiert hat.
Was der alten Mann mit brüchiger Stimme erzählt, ist bedrückend. "Es war viel schlimmer als Sklavenarbeit". Takis Mylopoulos spricht über seine Erlebnisse als Zwangsarbeiter in der Batteriefabrik Afa des Großindustriellen Günther Quandt in Hannover. "Man peitschte uns auch aus", berichtet der Zeitzeuge. "Man gab uns kein Wasser, wir mussten aus den Toiletten trinken." Eine einstündige Dokumentation des NDR, die ohne Ankündigung am späten Sonntagabend gesendet wurde, brachte das Thema der Zwangsarbeit in großen deutschen Unternehmen im Zweiten Weltkrieg wieder ins Bewusstsein.
Anzeige
Der Bösewicht in der einstündigen Dokumentation ist Günther Quandt, dessen Nachkommen die heute wichtigste deutsche Industriellen-Familie repräsentieren. Tenor: Das heutige Vermögen der Familie beruht auf der Ausbeutung von Zwangsarbeitern.
Zu Wort kam in dem Film auch Benjamin Ferencz, einer der Ankläger der Nürnberger Prozesse. Zwischen 1945 und 1949 mussten sich die deutschen Kriegsverbrecher für ihre Tatan vor Gericht verantworten - die Quandts waren allerdings nicht dabei, weil man damals die heutigen Beweise für das Ausmaß ihrer Verstrickung nicht kannte.
"Hätten diese Beweise dem Gericht vorgelegen, wäre Quandt genauso angeklagt worden wie Flick, Krupp und andere Direktoren der IG Farben", sagte der in New York lebende Jurist nach der Präsentation der Fakten durch die Dokumentarfilmer.
BMW vor der Pleite gerettet
Die Quandts gehören zu den reichsten Menschen in Deutschland. In der Zeit nach dem Krieg entstand um den Namen Quandt ein regelrechter Mythos. Vor allem, weil Herbert Quandt, der gemeinsam mit seinem Bruder Harald von Vater Günther umfangreiche Industriebeteiligungen erbte, den vor der Pleite stehenden Autohersteller BMW übernahm und zu neuer Blüte führte.
Seitdem steht der Name Quandt in Deutschland für unternehmerischen Mut. Und er steht für kaum messbaren Reichtum. Die heutigen Vertreter der Familie Quandt werden gemeinsam auf ein Vermögen von etwa 24 Milliarden Euro geschätzt. Ist das gesamte Vermögen der Quandts schmutziges Geld, weil es durch Zwangsarbeit und Geschäfte mit der Hitler-Diktatur angehäuft wurde?
Lesen Sie weiter, was Unternehmensgründer Günther Quandt seinen Söhnen einschärfte
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Demonstrationen in Hamburg
. Aber ob Du Deine Geschichte so auf und durcharbeiten kannst?
Ich wünsche Dir, dass Du Frieden findest mit Deiner Geschichte glaube aber, dass es bis dahin noch ein langer Weg ist.
Verdrängung, Verleugnung und Einschüchterungsversuche werden Dich nicht Ruhe in Dir selbst finden lassen. Da bin ich mir sicher.
In diesem Sinne alles Gute.
Das kann ich gut ver-
stehen. Wir haben keine Sippenhaft mehr. Niemand kann Dich heutzutae schuldig sprechen für Unrecht, dass diejenigen begangen haben, die Du beerbt hast.
Nur stellt sich mir die Frage: Wie geht es Dir mit Deinem Erbe? Hast Du nicht neben Rechten auch Pflichten geerbt? Wäre es nicht eine Pflicht, die Opfer und die Angehörigen der Opfer um Entschuldigung zu bitten für das, was Deine Vorfahren ihnen angetan haben? Und zu fragen, wie Du wieder gut machen könntest; wohl wissend, dass Verletzungen und Schädigungen an Leib und Leben mit Geld nicht wieder gut zu machen sind. Insofern könnte das Angebot eines finanziellen Ausgleiches nur eine Geste des guten Willens sein.
Du schreibst, wenn ich Dir da schaden wolle, würdest Du Dich eventuell auch juristisch dagegen wehren.
Dieser Dein Gedanke erscheint mir recht fremd. Kann ich Dir schaden, wenn ich Fakten aus Deiner Familiengeschichte zitiere mal unterstellt, ich wollte das überhaupt?
Schadet Rüdiger Jungbluth Dir mit seinem Buch? Empfindest Du das so? Schadet Dir
Eric Friedler mit seinem Film?
Mich hat der Film erschüttert. Das könnte ich verstehen, wenn Du sagtest, der Film hätte Dich erschüttert. Das wäre für mich wahrhaftig und authentisch. Aber schaden das klingt so ungemein zweckmäßig in diesem Kontext. Ein Image-Schaden. vielleicht möglicherweise verbunden mit Einbußen für das Familienunternehmen im Hedgefonds und Private Equity-Geschäft auf dem US-Markt ? Auch eine Beschädigung der Selbstwahrnehmung ist für mich vorstellbar.
...Juristisch wehren: Was möchtest Du mir damit sagen? Möchtest Du mir ankündigen
mir schaden zu wollen, wenn ich mich weiter mit diesem Thema befasse und wenn, wie und weshalb? Möchtest Du, nachdem Du Dein Schweigen zu Deiner Familiengeschichte kurz unterbrochen hast, nun mein Schweigen erzwingen?
Schaden ist doch beim Aufbau des Familienvermögens über mehrere Generationen hinweg genug angerichtet worden. Schaden haben doch viele erlitten und manchmal auch ihr Leben dabei gelassen.
(Auf das Millionengeschäft mit der Landmine DM 31 nach dem 2. Weltkrieg möchte ich in diesem Brief gar nicht näher eingehen.)
Ist es nicht eher die Familie, die sich selbst schädigt, indem sie anderen Schaden zufügt?
Ist es diese Selbstbeschädigung, die Du spürst, aber nicht zuordnen kannst, weil Du Deine Familie schützen möchtest? Ist es dieser Schatten diese Schwere, die Dich umtreibt?
Dafür hätte ich Verständnis. Aber ob
Ich kenne das Buch Die Quandts von Rüdiger Jungbluth, als ich Dich Anfang 2008
besuche. Weil ich Dich als freundlichen, zugewandten und sensiblen Menchen schätze,
lasse ich unangenehme Themen, die in diesem Buch gründlich recherchiert sind, außen vor, um die Gesprächssituation nicht unnötig zu belasten.
Auf Deinen Wunsch hin hören wir gemeinsam den Mitschnitt einer Hörfunksendung, die ich gemeinsam mit einem Freund produziert habe.
Thema ist die .Soziale Spaltung in Hamburg.
In dieser Sendung, die am Freitag vor der Wahl in Hamburg auf Tide UKW 96,0 gelaufen ist, geht es auch um urchristliche und humanistische Positionen in der Gesellschaft, die auf dem Prüfstand stehen, wenn durch Entlassungen die Verelendung einer zunehmenden Zahl von Menschen in Kauf genommen wird, um die Kurse börsennotierter Unternehmen zu pushen.
Du bist da in Deinem Feedback zu dieser Sendung weniger zurückhaltend, und ich lerne an Dir eine Seite kennen, die so gar nicht zu Deiner Menschenfreundlichkeit passen will.
Diese Erlebnisse bringen mich dazu, Deine Geschichte noch einmal zu recherchieren und zu googeln, und bei dieser Gelegenheit stosse ich auf den Film Das Schweigen der Quandts von Eric Friedler. Dieser Film ist einfach an mir vorbei gelaufen. Hätte ich ihn schon gekannt, ich hätte wohl nicht mehr an Deiner Tür geklingelt.
Als ich diesen Film sehe, bin ich schockiert. Es fällt mir wie Schuppen von den Augen: für die privilegierten Verhältnisse, in denen Du Dich so selbstverstänlich bewegst, haben Menschen mit ihrer Gesundheit und mit ihrem Leben bezahlt. Der Kaffee, den Du mir so freundlich und zuvorkommend in Deinem Hamburger Haus angeboten hast, würde wohl, würdet Du ihn mir heute noch einmal anbieten, in der Tasse kalt werden; ich bekäme ihn nach diesen Eindrücken einfach nicht mehr herunter.
Ich habe Dir per sms die Fakten genannt, die mich im Zusammenhang mit Deiner Familiengeschichte besonders schockiert haben, habe Dir
die Kommentare zum Friedler-Film aus renommierten deutschen Zeitungen per e-mail weitergeleitet.
Du schreibst, mit der Nazi Vergangenheit Deiner Familie hättest Du selbst genug gearbeitet. Das kann
ich nicht beurteilen. Ich habe mich während meines Studiums an der Hamburger Universität recht intensiv mit den Geschehnissen im III. Reich befasst. Bei Dir hatte ich nicht so diesen Eindruck; eher schien es mir, als sei Dir dieses Thema lästig.
Weiter schreibst Du, Du fühltest Dich persönlich in keiner Schuld. D
ich wundere mich nur, dass all diese Geschehnisse jetzt erst aktuell werden und keiner seit Kriegsende, was ja schon immerhin vor 62 Jahren war, das auf den Tisch der öffentlichkeit gezerrt hat. Oder hängt es damit zusammen, dass renommierte Anwälte hier angeblich im Sinne von Opfern (die schon längst tot sind) Millionenklagen einreichen und Millionen kassieren?
Sonst hat ja eigentlich keiner mehr was davon, diese alten Geschichten aufzuwärmen.
Mal eine Anregung fuer all die Aufgeregten hier im Forum:
Warum nicht mit gleicher geheuchelter Betroffenheit auf die Stadt Muenchen stuerzen? Sie hat doch in Form von Gewerbesteuereinnahmen bei BMW ganz erheblich profitiert. Und ich wuerde sogar noch weiter gehen: Siemens ist doch nur durch die der NS-Zeit folgenden Teilung Berlins nach Muenchen gezogen, also auch hier profitiert die Stadt gewaltig von den Opfern des NS-Regimes. Vorschlag: Warum nicht einen passenden Teil der Stadt (die u.a. auch mit dem Wachstum der beiden Unternehmen verbunden sind) an Berlin verschenken. Hasenbergl und Neu-Perlach wuerden sich hier anbieten.
Paging