Debatte um Hochfrequenzhandel Blitzjungs, die den ganzen Markt bewegen

"Flash Boys" manipulieren den Markt, sagt Erfolgautor Michael Lewis.

(Foto: dpa)

Mit Computerprogrammen verschaffen sich Insider in Millisekunden Millionen - auf Kosten gewöhnlicher Anleger. Erfolgsautor Michael Lewis wirft den "Flash Boys" in seinem neuen Buch Manipulation vor. Doch was alle übersehen: Der High-Speed-Handel hat seine besten Tage längst hinter sich.

Von Nikolaus Piper, New York

Wer schon einmal die Rushhour in Manhattan erlebt hat, der weiß es: New Yorks U-Bahn-System ist hoffnungslos überlastet. Zu den vielen Dingen, die fehlen, gehört ein Tunnel unter dem Hudson River nach New Jersey. Pläne für so einen Tunnel gab es einmal, aber New Jerseys Gouverneur Chris Christie gab sie 2010 auf - der Tunnel wäre zu teuer geworden, glaubte der Republikaner. Ein anderes Tunnelprojekt zu fast derselben Zeit hatte dagegen Erfolg: Eine Firma namens Spread Networks verlegte für viele Millionen Dollar in Rekordzeit ein Glasfaserkabel unter dem Hudson, dessen einziger Zweck darin liegt, die Zeit, die ein Computersignal von der Wall Street zur Börse Chicago braucht, um drei Millisekunden zu verkürzen. Was für ein Missverhältnis!

Für den Ökonomen Paul Krugman, der diesen Vergleich in der New York Times anstellte, zeigt das Schicksal der beiden Tunnelprojekte, wie die Wall Street Amerika dominiert. Krugman ist dabei, wie meist, ein wenig unfair, schließlich ist es trotz allem etwas anderes, ob man ein Kabel verlegt oder einen Bahntunnel baut. Gleichwohl hat er einen Punkt getroffen: Amerika diskutiert wie noch nie über das Regime der Millisekunden, das heute an den Börsen herrscht. Anlass ist das - inzwischen auch auf Deutsch erschienene - Buch "Flash Boys" von Michael Lewis. Der Erfolgsautor erzählt darin die Geschichte von Brad Katsuyama, einem kanadischen Börsenhändler, der sich erfolgreich gegen betrügerische Praktiken von Hochfrequenzhändlern wehrt und schließlich die neue Handelsplattform IEX gründet, die solche Betrügereien unmöglich machen soll.

Die Roboter nehmen dir nicht nur deinen Job weg, sie stehlen auch deine Gewinne

Lewis wirft den "Blitzjungen", wie er die Hochfrequenzhändler nennt, Manipulation des Marktes vor. "Die Roboter nehmen dir nicht nur deinen Job weg, sie stehlen auch noch deine Gewinne aus Aktiengeschäften", sagte er in einer Fernsehdiskussion. Damit löste er heftigen Widerspruch aus. "Ich halte den Vorwurf der Manipulation für unverantwortlich", sagt David Howson, Leiter des operativen Geschäfts bei Bats Chi X, der europäischen Tochter der amerikanischen Börse Bats. Bats spielt eine zentrale Rolle im Hochfrequenzhandel. Jack Bogle, Gründer des Fonds Vanguard und ein Veteran der Wall Street, warf Lewis vor, nicht verstanden zu haben, wie sehr der Hochfrequenzhandel dem normalen Anleger nützt. Die Debatte ist so heftig, dass sie Folgen haben wird. Die Behörden in den USA scheinen entschlossen zum Eingreifen zu sein. Es dürfte Strafanzeigen geben und neue, schärfere Regeln.

Hochfrequenz- oder Blitzhändler kaufen und verkaufen binnen Millisekunden riesige Aktienpakete. Der Gewinn pro Aktie misst sich in einstelligen Cent-Beträgen, aber das hohe Volumen gleicht das aus. Deren Geschichte beginnt im Jahr 1989 als Steve Swanson, ein junger Programmierer aus Mount Pleasant in South Carolina, eine Firma für den Computerhandel mit Aktien namens Automated Trading Desk (ATD) gründete. ATD - die Firma gehört heute zu Citigroup - betrieb noch keinen Blitzhandel, das schafften die damals verfügbaren Computer nicht. Aber Swanson zeigte, dass man mittels mathematischer Algorithmen erfolgreich handeln kann. Im Laufe der Jahre wurden die Computer besser, und das Tempo wurde immer höher. Nach Berechnungen des Weltbörsenverbandes wickelten Blitzhändler 2005 gut 21 Prozent des Aktienhandels ab, 2009 waren es 61 Prozent.

Die Firmen sagen: Der Blitzhandel schafft Liquidiät und macht Handel billiger

Lewis unterstellt, dass der Hochfrequenzhandel ein Instrument ist, mit dem die Großen der Branche Kleinanleger über den Tisch ziehen. Dieser Pauschalvorwurf lässt sich nicht halten: Blitzhändler konkurrieren gar nicht mit Kleinanlegern, sondern mit ihresgleichen, mit Pensions- und Hedgefonds. Einige unter ihnen verfolgen allerdings eine hochproblematische Strategie: Sie zahlen der New York Stock Exchange Tausende von Dollar im Monat, damit sie ihre Computer möglichst dicht an den Computern der Börse aufstellen können. Sie bekommen ein paar Millisekunden Vorsprung vor der Konkurrenz und können Aufträge einsehen, noch ehe diese ausgeführt wurden, und darauf reagieren. Und sie selbst können den Markt mittels Scheinaufträgen bewegen, die sie dann im letzten Augenblick annullieren.

Der Generalstaatsanwalt von New York, Eric Schneiderman, nennt diese Strategie "Insiderhandel 2.0." und hat mit Ermittlungen begonnen. Auch die amerikanische Bundespolizei FBI hat sich eingeschaltet. Justizminister Eric Holder, der oberste Strafverfolger der USA, bestätigte vor dem Kongress, dass sich die Regierung um die "Integrität" der Märkte Sorgen macht. Ob diese Praktiken überhaupt Insiderhandel im Sinne des Gesetzes sind, ist allerdings offen.

Deshalb bereiten amerikanische Behörden jetzt schärfere Regeln vor. Die Börsenaufsicht SEC kündigte schon vor vier Jahren Vorschläge an, blieb aber bisher ihr Versprechen schuldig. Dagegen legte die für komplexe Finanzprodukte zuständige CFTC im vorigen September einen Regulierungsentwurf vor. Unter anderem will die CFTC die Zahl der Aufträge begrenzen, die eine Firma gleichzeitig platzieren kann. Außerdem sollen Aufträge frühestens nach 500 Millisekunden storniert werden können. Schließlich sollen sich Hochfrequenzhändler als solche registrieren müssen (heute firmieren sie meist als Hedgefonds).