Die Landesbischöfin von Hannover, Margot Käßmann, über die Mentalität der Gier und was Investmentbanker vom Apostel Paulus lernen können.
Die Würde eines Menschen definiere sich nicht über den Arbeitsplatz, sagt Margot Käßmann, die Landesbischöfin von Hannover. Es sei unverantwortlich, sich nur für Rendite zu interessieren. Für die Theologin kommt es auf die innere Haltung zur Aufgabe an, egal ob Reinigungskraft oder Manager. Jeder müsse Verantwortung für seine Taten übernehmen und die Kräfte dafür einsetzen, dass die Welt etwas besser werde.
Margot Käßmann: "Die Würde eines Menschen definiert sich doch nicht über seinen Arbeitsplatz." (© Foto: dpa)
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SZ: Frau Käßmann, wann hat Sie das letzte Mal ein Manager um Rat gefragt?
Margot Käßmann: Rat? Nicht direkt. Aber ich war in zwei Unternehmen eingeladen, um Vorträge zu halten - was mich gewundert hat. Es gab eine Zeit, da hieß es aus der Wirtschaft immer, der Markt reguliert sich selbst, die Kirche hat uns nichts zu sagen.
SZ: Nehmen wir mal an, ein Manager oder Unternehmer käme zu Ihnen, der damit ringt, Menschen entlassen zu müssen. Was würden Sie ihm raten?
Käßmann: Ich würde sagen, dass Transparenz für alle wichtig ist und Glaubwürdigkeit. Und ich würde ihn dazu ermutigen, Verantwortung zu übernehmen. Auch wenn sich am Ende herausstellt, dass es vielleicht doch nicht der richtige Weg war.
SZ: Mitarbeiter entlassen ist also moralisch vertretbar?
Käßmann: Nicht, wenn jemand gleichzeitig Gewinn macht.
SZ: Der Unternehmer muss also warten, bis er rote Zahlen schreibt?
Käßmann: Genau. Gewinn machen und Mitarbeiter entlassen, das verträgt sich nicht. Es gibt eine soziale Verantwortung von Unternehmen.
SZ: Sie sind aber streng.
Käßmann: Ja. Zu mir kam zum Beispiel mal jemand, der wollte seinen Betrieb in die Ukraine verlagern, weil es da billiger ist.
SZ: Das könnte doch gut für die Menschen in der Ukraine sein.
Käßmann: Könnte sein. Aber dem habe ich gesagt, er möge seinen Familiensitz dann doch bitte auch in die Ukraine verlagern. Ich meine, die Leute leben hier, sie profitieren von kostenfreien Schulen, können in jedes Krankenhaus gehen, die Straßen werden saniert, und dann investieren sie woanders und zahlen hier nicht mal Steuern dafür. Das finde ich unsolidarisch.
SZ: Wenn jetzt ein Investmentbanker käme, der vorher Millionen verdient hat und jetzt arbeitslos ist: Hätten Sie für den Verständnis?
Käßmann: Ich bin ja Seelsorgerin. So würde ich ihm sagen, was schon der Apostel Paulus gesagt hat: Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
SZ: Damit kann er vielleicht wenig anfangen.
Käßmann: Die Würde eines Menschen definiert sich doch nicht über seinen Arbeitsplatz. Für mich ist der erfolgreiche Unternehmer genauso viel wert wie der sterbende alte Mann. Ich würde ihm aber auch sagen: Jetzt sieh zu, wie du wieder Arbeit findest. Wenn er schon so gut mit Geld umgehen kann, könnte er zum Beispiel Schuldnerberater werden. Es gibt so viele Menschen in Not. Die Wartezeit bei unseren Beratungsstellen beträgt im Moment sechs Monate. Warum nicht mal was Soziales machen?
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Entspannter Vierbeiner
war die Beziehung der Arbeitnehmer zur ihren Unternehmen ausgeglichen. Es herrschte das Motto: Wenn es der Firma gut geht, geht es mir auch gut.
dann kam die Agenda 2010 und der turbo-Kapitalismus.
und jetzt stehen wir vor den Scherben.
Tickt was?
Es packt einen das kalte Grauen, immer wieder zu erleben, wenn Theologen sich gegenüber den für gesellschaftliche Fragen Zuständigen auch noch öffentlich äußern. Mithin erinnert es an die bekannten Situationen, versuchen Patienten ihren Arzt, den sie zufällig etwa morgens beim Bäcker treffen, dort nachträglich erneut zu examinieren.
ach .. Frau Käßmann, es gibt Unternehmen, die "verkaufen" ganze Unternehmensteile und damit sie die loswerden legen die noch etliche Millionen drauf... und schauen sie sich bitte mal an was in den Unternehmen geschieht.
Gehen sie doch mal bitte z. B. zum Herr Obermann und ändern sie da mal was, dort werden Leute richtig erniedrigt, wie Vieh von Ort zu Ort getrieben und "alles im Sinne der Kapitalgeber", Kosteneinsparen, bei Milliardengewinn.
Sie reden nur. und was für ...
Wäre schön, wenn die Kirchen es schaffen die Position einer moralischen Instanz zu besetzen und vorzuleben. Wirtschaft, Politik, Medien haben in dieser Hinsicht, bis auf Ausnahmen, versagt, bzw. das Fehlen von Moral offen zur Tugend erhoben. Diese Lücke muss gefüllt werden, warum nicht von den Kirchen?
Sagt (und das als Nicht-Kirchenmitglied)
Kai Hamann
Ich habe mit großem Interesse das Interview gelesen und finde mich in meiner Meinung bestärkt, dass die beiden christlichen Kirchen in den vergangenen Jahren doch recht zurückhaltend geäußert haben. Immerhin waren jene Bevölkerungskreise, die sich kritisch mit politischen und unternehmerischen Endscheidungen auseinander gesetzt haben, pausenlos allein. Ja es gab sogar den Anschein, dass sich die Kirchen mit den neo liberalen Strömungen angefreundet haben. Bekannt ist auch, dass Kardinal Lehmann angemahnt hatte, " dass wir Soziales neu denken müssen". Auch ist bekannt, dass Frau Bischöfin Käßmann auf Einladung der Robert Bosch-Stiftung an einem Seminar teil nahm. Nun kann es natürlich sein, dass sie dort den Standpunkt der Kirche vertreten hat. Das wäre zu wünschen. Andererseits erstellte die Bertelsmann-Stiftung Expertisen über die Zukunft der Organisation der EKD. Klare Worte über den Raubtier-Kapitalismus habe ich von beiden Kirchen nicht gehört. Auch als die Lebensmittelpreise explodierten und als man sich stark dafür machte, Getreide zu Treibstoff zu verarbeiten, verhielten sich die Kirchen jedenfalls nach meinem Geschmack eher schweigsam! Jetzt, nachdem sich herausstellt, dass die Kritiker recht behalten haben, bezog erst die Kath. ( Bischof Marx) und dann die evangelische Kirche deutlicher Stellung. Ich würde dringend anmahnen, dass beide Kirchen auf gemeinsame nun wirklich kritische Distanz zu den Machenschaften gehen, die auch aus dem neo liberalen Lager mit immer neuen, aber im Kern alten, Ideologien aufwarten.
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