Arme Städte, reiche Städte Deutschland droht zu zerfallen

Straßenbelag, der seit Jahren mit verschiedenen Asphaltsflächen ausgebessert wurde, hier bei Woldegk in Mecklenburg-Vorpommern.

(Foto: imago/Leo)

Hier Boomstädte mit überhitzten Mieten, dort verödende Orte in der Provinz: Der Bund muss dringend gegensteuern.

Kommentar von Harald Freiberger

Kaum ein Anblick ist trauriger als ein Ort, dessen Zentrum verödet: Das Wirtshaus hat geschlossen, für immer, das Kaufhaus gibt es schon lange nicht mehr, ein Schild an der Fassade weist vielleicht noch darauf hin, doch hinter den blinden Fenstern gähnt das Nichts. Baulücken hinter Bretterzäunen. Auf den Straßen kaum Menschen, und wenn, dann sind es alte.

Dies ist kein unrealistisches Szenario einer Geisterstadt. Es ist Realität im reichen Deutschland des Jahres 2017. Solche Orte gibt es hundertfach, wenn nicht tausendfach, weniger in boomenden Bundesländern wie Bayern und Baden-Württemberg, umso mehr dafür in ärmeren Gegenden wie dem Saarland, Rheinland-Pfalz oder Nordrhein-Westfalen.

Schon vor Jahrzehnten war das Stadt-Land-Gefälle ein Thema in Deutschland. Was eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung nun diagnostiziert, ist allerdings viel mehr als das. Ein gewaltiger Krater tut sich auf: zwischen Stadt und Land, zwischen reichen Städten und armen Städten, zwischen reichen und armen Bundesländern.

Der Bund muss sich viel stärker um das flache Land kümmern

Diese Kluft ist in den vergangenen Jahren größer geworden, und nichts deutet darauf hin, dass sich dies in den nächsten Jahren ändern wird. Arme Kommunen drückt schon jetzt eine enorme Schuldenlast. Sie haben immer weniger Geld, um die Grundversorgung ihrer Bürger zu sichern. Die reichen Kommunen profitieren dagegen davon, dass Firmen und Arbeitnehmer zuziehen, sie erhalten hohe Steuereinnahmen, mit denen sie Schulen, Verkehrswege und medizinische Versorgung ausbauen können.

Gut läuft es in den Boomregionen rund um Großstädte wie München, Hamburg oder Frankfurt, aber auch im Umkreis mittelgroßer Städte wie Freiburg oder Regensburg. Hier gibt es eine gesunde Wirtschaftsstruktur, die für Unternehmen auch in Zukunft attraktiv sein wird. Wer hat, dem wird gegeben. Die Kehrseite sind die explodierenden Mietpreise. Normalverdiener können sich solche Städte oft nicht mehr leisten, sie werden in Vororte gedrängt, die sich weiter ausdehnen.

Auch der Trend im Einzelhandel trägt dazu bei, dass sich die Schere weiter öffnet. Die Deutschen bestellen online und lassen sich ihre Päckchen nach Hause liefern. Wenn sie noch irgendwo einkaufen gehen, dann in der großen Stadt, deren Fußgängerzonen nach wie vor belebt sind. In vielen kleineren Orten dagegen geht der Einzelhandel zugrunde.

Das Ergebnis ist, dass Deutschland auseinanderzufallen droht: hier die prosperierenden Ballungsräume, die zunehmend mehr überhitzen, dort der Rest der Republik, in dem das Leben immer trauriger wird. Es läuft etwas gehörig falsch in diesem Land und auf dem Lande.

Was muss geschehen? Das Wichtigste ist, dass sich der Bund stärker um die Kommunen kümmert. Noch ist ihre Entwicklung Ländersache, doch gerade in den armen Bundesländern bleibt vieles auf der Strecke. Einen Ausgleich kann nur eine höhere Instanz schaffen, und das ist der Bund. Der erwirtschaftet bemerkenswerterweise Haushaltsüberschüsse, weil die Konjunktur boomt und weil er sich wegen der Negativzinsen billiger verschulden kann. (Im Übrigen: Ausgerechnet die Kommunen profitieren nicht von den Negativzinsen, im Gegenteil, sie zahlen inzwischen für ihre Einlagen bei den Banken.)

Was es nach der Bundestagswahl geben muss, ist ein nationaler Pakt für die Entwicklung der ländlichen Gebiete. Wie der genau aussieht, wie viel Geld von oben nach unten fließt, wie es verteilt wird, das muss im Detail geregelt werden. Entscheidend ist, dass endlich etwas geschieht.

Schließlich gibt es viel zu tun: Straßen und öffentlicher Nahverkehr müssen unterhalten und ausgebaut werden, die Internetverbindungen müssen schneller werden, außerdem braucht es gute Schulen und Kitas - sonst verlassen die Menschen das flache Land. Ein solches Land, auf dem das Leben wieder lebenswert ist, wäre ohnehin der bessere Ort zum Leben für Familien und Ältere, die sich die boomenden Städte und ihre Speckgürtel nicht mehr leisten können. Hilfreich wären auch Regelungen, die Ortszentren gezielter fördern, und solche, die verhindern, dass neue Baugebiete nur an den Ortsrändern entstehen.

Wenn der Bund das Land finanziell fördert, kurbelt er übrigens auch die Konjunktur im Inland an - etwas, das andere Länder ohnehin von der exportlastigen Bundesrepublik fordern. Es gibt keine Alternative: Das reiche Deutschland muss diesen fatalen Trend stoppen. Das Land darf nicht in der Mitte auseinanderfallen. Richtig schön ist es gerade nämlich weder auf der einen noch auf der anderen Seite.

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