sueddeutsche.de: Die Inflationsrate ist so hoch wie seit zwei Jahren nicht mehr. Eine Bedrohung?
Anzeige
Sinn: Es existieren gewisse latente Gefahren. Aber die Schätzung für nächstes Jahr ist zwei Prozent, für dieses Jahr 2,1 Prozent, obwohl wir die Mehrwertsteuererhöhung hatten. Das ist völlig ungefährlich. Man sollte von der Nullgrenze der Inflation einen gewissen Abstand haben. Zwei Prozent ist eine gute Zahl.
sueddeutsche.de: Dämpfend auf die Preisentwicklung wirkt der starke Euro - der andererseits wiederum die Exportchancen schwächt, weil deutsche Produkte im Nicht-EU-Ausland teurer werden.
Sinn: Letzteres ist problematisch. Wir liegen jetzt mit 1,42 Dollar oberhalb der Kaufkraftparität nach deutschem Warenkorb. Die Kaufkraftparität ist ein fiktiver Wechselkurs, der den Warenkorb in den betroffenen Ländern gleich teuer macht.
sueddeutsche.de: Sehen Sie politische Versuchungen, über eine Schwächung des Euros der Exportwirtschaft zu helfen?
Sinn: Wechselkurse sind durch die Zinspolitik der Notenbank beeinflussbar. Niedrigere Zinsen würden den Euro heruntertreiben - das ist genau das, was Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy stets von der Europäischen Zentralbank (EZB) fordert. Das aber würde die Gefahr einer Inflation mit sich bringen. Sarkozy sollte die Zinsen mal lieber der Europäischen Zentralbank überlassen. Da sitzen Fachleute, die das besser beurteilen können als er. Die EZB ist absolut unabhängig, und das ist auch gut so.
sueddeutsche.de: Lohnkonflikte wie jetzt bei der Bahn machen deutlich, dass die Arbeitnehmer wieder einen größeren Anteil am Volkseinkommen wollen. Wie viel Spielraum existiert?
Sinn: Nach wie vor sind die hohen deutschen Lohnkosten ein Problem für die Wettbewerbsfähigkeit der Industriearbeiter. Die Lohnkosten pro Stunde liegen auf dem dritthöchsten Platz der Welt. Hauptproblem ist das verarbeitende Gewerbe. Dort sind die Gewerkschaften sehr stark und haben Lohnstrukturen durchgedrückt, die die Industriebeschäftigung praktisch in den freien Fall gebracht haben. Leider sind Jobs in anderen Sektoren nicht in gleichem Umfang entstanden. Wir haben von den 1,25 Millionen Jobs, die wir von 1995 bis 2006 in der Industrie verloren haben, nur eine Viertelmillion anderswo neu geschaffen. Gemessen an den Erfordernissen der globalisierten Welt sind die Lohnstrukturen noch immer viel zu starr.
sueddeutsche.de: Auch über das Einkommen der Manager wird in Deutschland heftig diskutiert. Sind deren Gehälter auch zu starr nach unten?
Sinn: Unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit allemal. Nach meinem Gerechtigkeitsgefühl müsste die Lohnspreizung allenfalls durch den persönlichen Arbeitseinsatz erklärt werden - das wäre dann viel, viel weniger als das, was wir in unserer Marktwirtschaft haben. Die Marktwirtschaft ist einfach nicht gerecht. Aber sie ist effizient.
sueddeutsche.de: Was folgt daraus?
Sinn: Wenig. Man kann die Lohnspreizung der Märkte durch eine progressive Einkommensteuer ein wenig verändern, aber wenn man zuviel eingreift, funktioniert das System nicht mehr. Was nützt es, wenn ich mich darüber ärgere, wenn es anders nicht geht? Wenn ich versuchen würde, die Gehälter der Manager auf ein gerechtes Maß zu stauchen, dann gehen sie halt woanders hin. Manager sind flexibel. Dann ziehen sie nach London, dort müssen sie nicht einmal Steuern zahlen. Und die Arbeitsplätze für die Arbeiter gehen dann auch verloren.
sueddeutsche.de: Hilft die neue Transparenz - dass jeder bei börsennotierten Firmen nachrechnen kann, wie viel der Vorstandschef kassiert?
Sinn: Nein, überhaupt nicht. Transparenz bei den Managergehältern leistet nur dem Neidkomplex der Deutschen Vorschub. Das wiederum führt zu politischen Aktionen, und das hat negative ökonomische Konsequenzen, indem Firmenzentralen verlagert werden. Diese Neid-Diskussion ist keine gesunde Entwicklung.
sueddeutsche.de: Also lieber Augen zu und schweigen?
Sinn: Mit etwas mehr Ungerechtigkeit lebt es sich besser. Etwas mehr Ungleichheit in der Einkommensverteilung bewirkt auch für die weniger gut dabei Wegkommenden letztlich einen höheren Lebensstandard, als wenn man ein egalitäres System schafft, wo alle das Gleiche kriegen und alle gleichermaßen arm sind. Das haben wir doch im Sozialismus Ostdeutschlands probiert. Die Leute haben sich darüber aufgeregt, dass Erich Honecker einen Kühlschrank hatte - die ausgelebte Neidpräferenz ging so weit, dass eben keiner einen Kühlschrank hatte.
sueddeutsche.de: Ganz so einfach ist es nicht. Der Ökonom John Kenneth Galbraith zeigte die Gefahren auf, wohin es führt, wenn Manager weniger an ihre Firmen und mehr an ihr eigenes Wohlergehen denken.
Sinn: Jeder Mensch in der Marktwirtschaft denkt doch zunächst einmal an sein eigenes Wohlergehen, trotzdem funktioniert die Marktwirtschaft. Sie braucht nicht den guten Menschen, sondern funktioniert mit Menschen, die ihren eigenen Vorteil maximieren wollen.
sueddeutsche.de: Galbraith, einer der einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, beschrieb auch, dass Macht durch Gegenmacht begrenzt werden muss, also auch die der Manager.
Sinn: Ja, natürlich. Manager dürfen nicht machen, was sie wollen, sie haben ja die Aktionäre. Die sind bereit, tolle Vorstände hoch zu bezahlen. Wenn ein richtiger Manager kommt, der das Geschäft versteht, kann er für ein Dax-Unternehmen ein paar hundert Millionen mehr in die Kasse spülen. Im Wettbewerb der Firmen um gute Manager ergeben sich halt extrem hohe Einkommen. Auch wenn das mit Gerechtigkeit gar nichts zu tun hat.
sueddeutsche.de: Herr Professor Sinn, vielen Dank für das Gespräch.
Sie sind jetzt auf Seite 4 von 4
- Aquariumsgespräch mit Ifo-Chef Sinn (Video) "Mit Gerechtigkeit hat das nichts zu tun" 24.10.2007
- Aquariumsgespräch mit Ifo-Chef Sinn (Video) "Der Prozess geht unvermindert fort" 24.10.2007
- Aquariumsgespräch mit Ifo-Chef Sinn (Video) "Zum Glück hat Merkel den Aufschwung gebremst" 24.10.2007
- Aquariumsgespräch mit Ifo-Chef Sinn (Video) "Die Krise ist substanziell" 24.10.2007
- Aquariumsgespräch mit Ifo-Chef Sinn (Video) "Hartz IV ist selbst noch ein Hemmnis" 24.10.2007
(sueddeutsche.de/mah/lala)
Machtkampf in der Linken
Bitte beachten Sie unsere netiquette und unsere AGB
Man kann die Marktwirtschaft sehr wohl gerecht (im Sinn der großen Mehrheit der Bevölkerung) gestalten. Die Lösung steht unter bandbreitenmodell.de
@ wertbert: Der Kapitalismus ist vom System her schon zum Scheitern verurteilt, da er auf Wachstum beruht. Unter Auslassung jeder Ressourcendiskussion oder ähnliches ist das Ende des Kapitalismus spätestens dann erreicht, wenn in jeder Sparte ein Unternehmen ein Monopol errichtet hat.
Daher ist es zwingend erforderlich dem Markt Rahmenbedingungen vorzugeben, in denen sich die wirtschaftlichen Kräfte auswirken dürfen. Diese Bedingungen gehören aber ausschließlich von Nicht-Mitspielern bestimmt und beschlossen und nicht wie derzeit (hat schon vor 20 Jahren begonnen) von genau den Spielern, die am meisten von Regeländerungen profitieren. Das ist genau das was ich der Politik in Europa so anlaste: Das sie von einer Volksvertretung zu einer Elitenvertretung pervertiert ist.
Ich muss auch mal Herrn Sin verteidigen:
Er ist wenigstens "ehrlich" und sagt, dass es noch 30 bis
40 Jahre dauern wird,
bis die Löhne in den Nachfolgestaaten des ehemaligen
Ostblocks sich denen hier annähern werden.
Ausserdem sagt er im Gegensatz zu SPD und CDU
auch ehrlich, dass der beste Mindestlohn,
um Menschen in den Arbeitsmarkt zu bringen,
natürlich theoretisch, einer ist,
der niemandem wehtut:
also so 1 .
Im Gegensatz dazu sind 7,50 , wie es die Gewerkschaften fordern,
keinerlei Hilfe, weil man unter einem Mindestlohn von 15 - 20
im Grossraum München gar keine Mietwohnung bezahlen kann,
höchstens vielleicht einen Platz auf dem Zeltplatz oder
ein Wohnmobil (unter Voraussetzung, dass man pro Person mit
20 bis 30 qm rechnet).
Daher finde ich, dass eine harte aber klare Benennung der Tatsachen
wie es im Falle des Prof. Sinn oft vorkommt,
zur Lösung der Probleme am besten weiterhilft.
Die Frage ist ja auch nicht welcher individuelle Manager Schuld hat,
sondern eher noch welcher Politiker überhaupt
schon mal das Wort Derivat gehört hat oder sich
über die Regulierung derselben Gedanken machte,
als dies noch nicht bei Christiansen und Co. diskutiert wurde.
Es ist doch von Anfang an klar gewesen,
dass die BaFin nicht befugt ist,
wirklich in das Geschehen am Finanzmarkt einzugreifen,
sondern eher ein Placebo ist, dass sich noch die
Vorgängerregierung einfallen liess.
Ich nehme an, dass jetzt auch nichts weiter geschehen wird,
weder irgend eine Deutsche Bank mehr Kredite vergibt und
weiterhin Produkte wie Optionsscheine etc. angeboten werden.
Will Herr Steinbrück etwa zum Beispiel
Optionsscheine verbieten?
Aufgrund welcher Rechtsgrundlage soll dies möglich sein?
Hat jemand irgend eine einigermassen sachkundig klingende Lösung
von Frau Merkel, Herrn Röttgen,
Herrn Glos,etc.,etc. vernehmen können?
Ich denke, das wäre doch besser, es Fachleuten,
die auch mal was von Ökonomie verstehen , zu überlassen
und nicht laufend irgend welche Scheinlösungen,
wie Gelddrucken lassen oder rechtlich
keineswegs verbindliche Garantien für
1 Billion auszusprechen.
Aber wer eine Umsatzsteuererhöhung von 18 % ankündigt und
dann daraus 19 % macht,
ist in keinster Weise ernst zu nehmen.
Zu dem Herrn Sinn ist nicht viel zu sagen, der redet heute so morgen so, hat immer recht und tut so als hätte er wie es kommt vorausgesehen.
Es ist ein schlecht gelungenes, sehr teuer umgesetztes Beschäftigungsprogramm solchen ... ein Tätigkeitsfeld zu bieten.
Korrektur
Paging