Interview: Bernd Rasche

"Lernlinge" statt Lehrlinge, vom Filialleiter definierte Öffnungszeiten und Tanz als Vorbereitung auf den Verkäufer-Job - ein Gespräch mit DM-Gründer Götz W. Werner.

Götz W. Werner ist Gründer und Gesellschafter der Handelsfirma DM Drogerie Markt mit Sitz in Karlsruhe. Der Professor der Universität Karlsruhe sitzt im Aufsichtsrat der GLS Gemeinschaftsbank, leitet die Initiative Unternimm die Zukunft und ist Präsident des EHI Retail Institute e.V. (EHI). Er vertritt ein am Menschen orientiertes Unternehmensmodell. Im ersten Geschäftshalbjahr 2007/2008 setzte der Karlsruher Filialist in seinen 973 deutschen Märkten 1,63 Milliarden Euro um. Seit Mai 2008 ist Werner aus der Geschäftsführung in den Aufsichtsrat gewechselt.

DM-Gründer Götz W. Werner. (© Foto: dpa)

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sueddeutsche.de: In den Wirtschaftsmedien werden Sie gelegentlich in ironischem Unterton als Menschenveredler oder Anthroposoph bezeichnet - sehen Sie sich selbst auch so?

Götz W. Werner: Es wäre sehr positiv, wenn ich dieses Bild erfülle. Im Grunde geht es bei jedem Unternehmen darum, dass man eine Gemeinschaft bildet, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen und Erfolg zu haben. Und Ziele können Sie nur erreichen, wenn sich alle damit identifizieren. Genau das ist uns sehr wichtig.

sueddeutsche.de: Ihrer Meinung nach darf die Unternehmenskultur nicht das Sahnehäubchen auf dem harten Geschäft sein, sondern die Arbeit im Unternehmen muss selbst zur Kultur werden: Was macht das Besondere der Führung und Zusammenarbeit bei dm aus?

Götz W. Werner: Der Einzelne muss sagen: "Hier mache ich mit!". Mitarbeiter sollen sich nicht als Arbeitstiere für dm fühlen, weil sie Geld verdienen müssen. Vielmehr versuchen wir in den Filialen möglichst eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, in denen die Arbeitsziele auch mit den Lebenszielen des Mitarbeiters in Einklang gebracht werden können. Wenn man dann sagt, ich sei ein "Menschenveredler", dann hat man etwas nicht richtig verstanden. Ich glaube, dass die meisten Menschen ohnehin über sich selbst hinauswachsen und Ziele erreichen wollen.

sueddeutsche.de: Ist diese Art von Umgang mit dem Personal in der harten Wirklichkeit unserer globalisierten Wirtschaft für jeden Manager grundsätzlich umsetzbar?

Götz W. Werner: Natürlich, ich habe es doch in meinem immer größer werdenden Konzern selbst praktiziert. In der dialogischen Führung steht nicht die Direktive im Vordergrund, nicht der Direktor. Stattdessen ist bei uns der Vorgesetzte jemand, der oft durch Fragen an die Mitarbeiter führt und diese dann Antworten auf Probleme geben. Das bedeutet übrigens auch Entlastung. Leider sind wir in der Geschichte der Industrialisierung so sehr auf hierarchisches Denken und weisungsgebundene Arbeit fixiert, dass man sich schwer davon trennen kann.

sueddeutsche.de: Muss es in der Wirtschaft einen grundsätzlichen Wandel in der Führungskultur geben?

Götz W. Werner: Ja, denn unser Hierarchiedenken stammt noch aus dem 19. Jahrhundert. Im 21. Jahrhundert geht es darum, von diesem Bewusstsein Abstand zu nehmen und mit den Mitarbeitern möglichst auf Augenhöhe zu kommunizieren. Jedes Unternehmen und die ganze Gesellschaft beruhen in unserer heutigen wissensbasierten Welt stärker denn je auf Arbeitsteilung. Jeder, der am Arbeitsprozess beteiligt ist, hat seine Wichtigkeit an seiner Stelle - gleich, ob es der Vorstandsvorsitzende ist oder der Auszubildende. Leider funktionieren große Konzerne häufig noch wie in der Planwirtschaft recht technokratisch von oben nach unten.

Lesen Sie weiter, wie Leistungsbereitschaft zerstört werden kann.

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