Alternative zu Münzen und Scheinen Zahlen der Zukunft

Sollte man Bargeld abschaffen? An neuen Bezahl-Methoden wird experimentiert wie lange nicht. Ein paar davon sind bereits Alltag.

Von S. Bigalke, M. Hauck, L. Hampel, J. Schmieder und M. Schreiber

Natürlich war John Cryans These etwas überspitzt. In zehn Jahren, so prognostizierte der Deutsche-Bank-Chef diese Woche in Davos, werde das Bargeld abgeschafft sein, würden die Bürger ihre Einkäufe nur noch elektronisch bezahlen - mit Karte, über das Smartphone oder im Internet. Cash, so der Brite lapidar, sei "fürchterlich teuer und ineffizient" und letztlich helfe es nur noch Geldwäschern und Kriminellen.

In Deutschland, wo die Menschen gerne mit Scheinen und Münzen bezahlen, hat so eine Botschaft Wirkung: "Meines Erachtens wird der Anteil des unbaren Zahlungsverkehrs zunehmen und trotzdem wird Bargeld bleiben", beeilte sich Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele zu sagen. Womöglich nicht von ungefähr: Besteht doch eine der Hauptaufgaben der Frankfurter Behörde darin, Deutschland mit Bargeld zu versorgen. Dieser Aufgabe wird die Bundesbank zwar noch lange nachgehen dürfen. Aber auch in Deutschland bezahlen die Bürger auch Kleinbeträge immer häufiger ohne Bargeld: Laut der Unternehmensberatung Capgemini stieg der Anteil der bargeldlosen Transaktionen 2013 um 9,5 Prozent auf 19,9 Milliarden Zahlungen. Durchschnittlich also bezahlt jeder Einwohner 247 mal pro Jahr ohne Bargeld. Neuere Zahlen gibt es noch nicht, an dem Trend dürfte sich aber nichts geändert haben. Tatsächlich wird mit Bezahl-Möglichkeiten so viel experimentiert wie schon lange nicht mehr - nicht nur technisch. Gerade haben sich alle deutschen Banken zusammengeschlossen, um den Marktführer Paypal mit einem eigenen Bezahlverfahren für das Internet anzugreifen. Die EU-Kommission in Brüssel deckelt die Gebühren für Kreditkartenzahlungen, bald dürften deutlich mehr Händler das in Deutschland eher unbeliebte Zahlverfahren akzeptieren. Und: Start-ups, Banken, aber auch Apple oder Google, bieten bereits Konzepte, mit denen man per Smartphone bezahlen kann. Am Ende entscheidet sich die Zukunft des Bezahlens wohl an der Frage, wie praktisch die Methode ist. Da macht jeder, der ein Verfahren testet, seine eigenen Erfahrungen:

Handy als Geldbeutel

Das Smartphone hat sowieso jeder ständig griffbereit, was liegt also näher als damit auch zu bezahlen? Per eingebauten Funkchip und Nahfeld-Technologie muss man es nur an ein entsprechend aufgerüstetes Kassenterminal halten, fertig. So einfach ist es dann doch nicht. Zunächst muss der Kunde sein Smartphone in eine digitale Geldbörse, ein sogenanntes Wallet verwandeln. Das gibt es in den USA bereits von Apple und Google. Hierzulande versuchen sich daran zum Beispiel die Telekom mit M-Pass oder Vodafone mit dem Smartpass. Bevor man damit wirklich bezahlen kann, muss man noch eine App herunterladen - und braucht selbstverständlich Geld im Portemonnaie. Also erst einmal wie bei einem Prepaid-Handy über das Konto oder die Kreditkarte aufladen. Dann lassen sich per Smartpass Kleinbeträge bis 25 Euro einfach und kontaktlos begleichen, indem man das Handy an das Kassenterminal hält. Doch die Sache hat einen weiteren Haken. Allzu viele Händler machen in Deutschland nämlich bei diesem Modell noch nicht mit.

Ein Geschäft in Hong Kong. Hier kann man Bitcoins kaufen - eine digitale Nischen-Währung.

(Foto: Brent Lewin/Bloomberg)

Klick und Kauf

Damals, als Ebay der neue Zeitvertrödelungskosmos für flohmarktaffine Menschen war, trübte ein Phänomen die Freude am Kauf: das Warten. Darauf, dass der Verkäufer sah, dass man überwiesen hatte. Darauf, dass er die Kaffeemühle, Skijacke oder Handtasche zur Post brachte. Umso größer war die Freude, als Paypal eine Zahlungsmöglichkeit bei Ebay-Transaktionen wurde. Bezahlen, indem man seine E-Mail-Adresse eingab und ein Passwort! Kein mühseliges Suchen der Tan mehr - einmalig musste das Konto mit der Mail-Adresse verbunden werden, fortan ging alles schneller. So war Ebay die Plattform, die Paypals Erfolg begründete und wurde zu einer der meistgenutzten Methode des Online-Geldtransfers. Der Anbieter passte zum theoretisch gemeinschaftlichen Geist des Internets. Doch es kam, wie es oft kommt: Die hässliche Fratze zeigte sich, je größer der Anbieter wurde, etwa als er das Wikileaks-Spendenkonto sperrte. Auch mit der Einfachheit ist es nicht mehr weit her: Man muss nicht mehr nur das Passwort kennen, sondern sich Dinge wie den Secure-Code merken, den die Bank zusätzlich anfordert. Aber auch das soll einfacher werden: Die One-Touch-Option, Kaufen durch einmaliges Klicken, erfreut sich hoher Beliebtheit. Da bleibt mehr Zeit, die man woanders verschwenden kann - im Zweifelsfall aber auf Shoppingseiten im Internet.

Schulden "swishen"

Schnupfenwetter, Taschentücher vergessen, zum Glück gibt's auch in Stockholm überall Kioske. Fünf Kronen kostet die Tempo-Packung, etwa 53 Cent. Die kann man mit Karte zahlen, wie alles in Schweden, vom Busticket bis zum Hotdog in der Fußgängerzone. Sogar die Stockholmer Obdachlosenzeitung zahlt man längst mit Visa oder Mastercard. Deren Verkäufer haben zwar oft kein eigenes Dach über dem Kopf, aber ein Smartphone, das sie mit einem kleinen Kartenlesegerät verbinden können. Anders hätten sie kaum eine Chance auf großen Umsatz, die meisten ihrer Einkäufe zahlen die Schweden elektronisch. Nach einer Studie der Königlich Technischen Hochschule in Stockholm (KTH) könnte Schweden zur ersten bargeldlosen Gesellschaft der Welt werden. Die Summe an Scheinen und Münzen, die im Land noch in Umlauf sind, ist demnach in den vergangenen sechs Jahren von 106 Milliarden auf 80 Milliarden Kronen geschrumpft, das sind 8,5 Milliarden Euro. Nur etwa die Hälfte davon wird genutzt, der Rest ist unter Matratzen oder in der Schattenwirtschaft verschwunden. Wer sich Geld von einem Freund leiht, drückt dem anderen keine Scheine in die Hand. Er "swisht" ihm das Geld zu. Swish heißt eine App, die sich mehrere schwedische Banken teilen. Mit ihr kann man Geld in Echtzeit von seinem auf das Konto eines anderen Nutzers überweisen. Auch an vielen Kassen kann man per App bezahlen. Die ersten Geschäfte nehmen gar kein Bargeld mehr an. Viele Bankfilialen tun das schon längst nicht mehr.

Freundschaftsdienst 4.0

In Schweden leiht man sich nicht mehr ein paar Münzen - sondern bekommt sie per App aufs Smartphone.

Digitaler Revoluzzer

Es war so einfach, so bequem, so frei. Vor zwei Jahren konnte man sich in einem Café in Venice Beach von einem Typen in Badehose und Flip-Flops ganz einfach ein paar Bitcoins besorgen, die Währung des dezentral organisierten Zahlungssystems. Damit ließ sich dann auch gleich der Kaffee bezahlen. Der war, umgerechnet in US-Dollar, außerdem erstaunlich billig. Das war es also, das Geld der Zukunft. Das Zentralbanken nicht steuern konnten, sondern das über kryptologische Rechenarbeit geschürft werden musste. Das niemand zu politischen Zwecken missbrauchen konnte, sondern das so frei gehandelt wurde wie sich die Besitzer fühlten. Hach, war es schön, es den traditionellen Wirtschaftsheinis mal so richtig zu zeigen. Wer nun immer noch Bitcoins besitzt, hat zu Jahresbeginn über den gewaltigen Kursverlust gestaunt - der Wert eines Bitcoins fiel zwischenzeitlich um fast 100 Dollar. Auslöser war die Aussage des Bitcoin-Ingenieurs Mike Hearn, der die Währung für gescheitert erklärte. Es gibt zu viele Transaktionen, weshalb selbst das Bezahlen eines Kaffees bis zu einer Stunde dauern kann. Die Programmierer streiten, das Schürfen wird von wenigen chinesischen Unternehmen kontrolliert. Plötzlich fühlt man sich nicht mehr prächtig, sondern übertölpelt. Bitcoins, das ist kompliziert, mühsam, und gewiss nicht mehr frei.