Trendgetränk Matcha Latte Es grünt so grün

Was schmeckt wie gekochtes Ikea-Regal, klingt nach Regen auf dem Land und sieht aus wie geschredderter Laubfrosch? Das neue Szene-Getränk auf Tee-Basis: Matcha Latte. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern ist es allerdings gesund - und hat das Zeug dazu, elitär zu bleiben.

Von Lena Jakat

Das Grün macht sich gut unter den Hügeln aus Milchschaum, die das Getränk bedecken. Interessant, ohne ungesund auszusehen. Matcha Latte ist der neue Bubble Tea ist die neue Chai Latte. Behaupten jedenfalls derzeit allerlei Lifestyle-Zeitschriften und Star-Blogs. Als Beleg zeigen sie Bilder von Liv Tyler oder Meg Ryan, Paparazzo-Schüsse mit Sonnenbrille und Mütze. In der Hand halten die Hollywood-Diven darauf transparente Takeaway-Becher mit leuchtend grünem Inhalt. Mein Becher ist aus Pappe, der Inhalt so grün, als hätte man den irischen Jahresbedarf an Glücksklee hineingepresst.

Mit Sojamilch sei Matcha auch für Einsteiger (also Tee-Laien) geeignet, erklärt die Hippie-Dame im japanischen Teehaus, während sie das Pulver mit ein bisschen Wasser und einem Instrument anrührt, das aussieht, wie die Miniaturversion dieser spinnenartigen Kopfmassagegeräte: "Sonst kommst du nie wieder." Na dann. Erst auf der Straße wage ich zu probieren. "Nussig" nannte die Tee-Dame den Geschmack. Ich würde eher sagen: holzig. Wie ein sehr fein gemahlenes Regal aus Pressspan-Platten. Und bitter. Ikeas Billy-Regal in Bittermandel. Aber der zweite Schluck geht schon besser, der Sojamilch sei Dank.

Dass dieses In-Getränk gesund sein muss, ist offenkundig, denn ungesund schmeckt besser. Neben der Optik ist die Matcha Latte damit klar im Vorteil gegenüber dem ehemaligen In- und neuen Masse-Getränk, dem sogenannten Bubble Tea. Kommt wie Matcha aus Fernost und überschwemmt deutsche Klein- und Großstädte gerade mit Geschmacksrichtungen, die sich der Lehrer im Chemie-Leistungskurs sich in seinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Enthält neben den Aromastoffen so viel Zucker, dass der flüssige Aggregatszustand fast Staunen macht. Und Verbraucherschützer auf die Barrikaden ruft. Der sprichwörtliche Blasen-Tee steht damit nicht nur in einer unrühmlicher Reihe mit dem Kindertee, der am Dienstag mit dem Windbeutel ausgezeichnet wurde, dem Negativpreis der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch: Eine Tasse des Instant-Tees für Kleinkinder enthält zweieinhalb Stück Zucker.

Das klingt freilich recht harmlos im Vergleich zu Bubble Tea. Der wurde vergangene Woche nicht nur in den Olymp der ungesunden Ernährung aufgenommen - seitdem ist er auch unter dem goldenen M erhältlich. Er kann für Kleinkinder sogar tödlich sein, theoretisch jedenfalls. Sie könnten sich an den süßen Gelee-Kügelchen verschlucken, die man durch den großen Bubble-Tea-Strohhalm einsaugt, fürchten Ärzte. "Geraten die Kügelchen über die Luftröhre in die Lunge, können sie zu einer Lungenentzündung oder sogar zu einem Lungenkollaps führen," warnte Wolfram Hartmann, der Präsident der Kinder- und Jugendärzte jüngst. In etlichen Bubble-Tea-Shops weisen inzwischen Schilder darauf hin, dass der Verzehr für Kinder unter sieben Jahren nur in Begleitung der Erziehungsberechtigten gestattet sei.

In den USA schwören Hollywood-Sternchen während ihrer - berufsbedingten - ständigen Schlankheitskuren auf Matcha und seine entschlackende Wirkung. Zudem profitiert das Getränk von dem Boom veganer Küche, schließlich funktionieren Grünteepulver und Sojamilch ganz ohne tierische Produkte. Im Land der Coffeeshop-Ketten ist die grüne Milch längst Massenware geworden.

Hierzulande hätte der Matcha allerdings das Zeug dazu, eine Delikatesse für Hipster zu bleiben. Dem speziellen Geschmack sei Dank - und dem Preis. Die Produktion des japanischen Matcha-Tees ist sehr aufwändig. Er wächst nur auf bestimmten Plantagen und muss vier Wochen vor der Ernte mit dunklen Netzen von der Sonne abgeschirmt werden. Das bezahlt auch der trendbewusste Endverbraucher in Europa.

Was ihn zudem als In-Getränk qualifiziert: Das grüne Gebräu eignet sich ausgezeichnet dazu, mit Fachwissen auf Waldspielplätzen und in den Schlangen an Ökosupermarktkassen zu glänzen. Schließlich blickt Matcha auf eine 750 Jahre alte Tradition zurück, war dort die Geheimmedizin des Kaiserhofs und später das Lieblingsgetränk der Samurai und wird auch heute noch in den traditionellen Teezeremonien verwendet. Oder wie es die Hippie-Dame aus dem Teehaus formuliert: "Trink ihn nächstes Mal hier, das könnte Stunden füllen."

Ob es ein nächstes Mal geben wird, ist allerdings fraglich. Das In-Getränk und ich sind uns noch nicht so grün.