Schneckenkaviar Erfolg auf der Schleimspur

Schmeckt nach Pilzen und Kräutern, kostet bis zu 1600 Euro pro Kilo: Schneckenkaviar.

Es muss nicht immer Salami sein. In Italien begeistert derzeit eine gewöhnungsbedürftige Delikatesse die Gourmets, die so gar nicht landestypisch ist: Schneckeneier.

Von Andrea Bachstein, Rom

"Doch, sie haben uns schon für verrückt gehalten", sagt Davide Merlino, und das ist auch kein Wunder, wenn ein paar junge Leute in einem sizilianischen Dorf verkünden, sie wollten ausgerechnet mit Schneckeneiern ein Geschäft aufziehen. Dafür sind Merlino und sein Partner jetzt aber gerade in Rom ausgezeichnet worden vom italienischen Agrarverband "Coldiretti". Der vergibt "Grüne Oscars" in verschiedenen Kategorien für besonders innovative und umweltgerechte Produkte - manchmal sind die überraschend und etwas gewöhnungsbedürftig. Ins Klischee der weltweit geschätzten italienischen Lebensmittel von Artischocken bis Zitronen, von Wein, Öl, Pasta oder Schinken und Salami passen sie jedenfalls erst einmal nicht.

So hat in der Kategorie für Erfindungen die Unternehmerin Angelina Muzzu gesiegt, die auf Sardinien ein Verfahren entwickelt hat, mit dem sie aus Kürbissen feine Badeschwämme herstellt. Für Unternehmenskultur ist der Chef von "Sikalindi" prämiert worden, der es nicht einsah, dass massenhaft die Blätter des für seine Früchte geschätzten Kaktus "Fico d'India" weggeworfen werden - und deshalb jetzt in Apulien aus den widerstandsfähigen Fasern Möbel herstellt.

Von Kosmetik aus Edelweiß über Schaf-Mozzarella und H-Milch, die fast so gut wie frische schmeckt, bis hin zu Pilzen, die mithilfe von Kaffeesatz wachsen, reichen die prämierten Produkte. Aber die Schneckeneier von "La Lumaca Madonita" aus dem Ort Campofelice di Roccella bei Palermo erregen am meisten Interesse, auch wenn sie nur einen zweiten Platz belegt haben.

Bis zu 1600 Euro pro Kilo

Die weißen Perlen kommen als "Schneckenkaviar" in den Handel, und die Sizilianer, die auch 15 Tonnen Speise-Schnecken pro Jahr verkaufen, sind inzwischen größter italienischer Produzent dieser Spezialität. Bis zu 1600 Euro kostet ein Kilo dieses "Kaviars", der sich langsam seinen Platz erobert in Delikatessläden und Gourmet-Restaurants. Der Geschmack, sagt Davide Merlino, sei mit nichts zu vergleichen außer dem der Weinbergschnecken selbst: "Der Kaviar schmeckt nach Pilzen und Kräutern, ganz besonders."

Erfunden als kulinarische Spezialität haben die beiden Italiener den Kaviar der schleimigen Kriecher nicht. Ehe sie 2009 ihre eigene Zucht auf zwei Hektar angefangen haben, sind Merlino und sein Partner Michelangelo Sansone drei Jahre lang zum Lernen unterwegs gewesen in Frankreich und Spanien. Daraus haben sie dann ihr eigenes System entwickelt, sie arbeiten zudem mit Biologen der Universität Neapel zusammen, um optimale Bedingungen für die Schnecken bieten zu können.

Der Anfang sei schwer gewesen, erzählt Merlino: "Wir hatten überhaupt keine Erfahrung auf dem Gebiet, haben alles aus dem Nichts aufgebaut und mussten viel Widerstand überwinden." Jetzt seien aber in Campofelice di Roccella "alle froh" über ihre verrückte Idee, "auch der Ort profitiert davon", sagt Merlino. Er und seine Mitarbeiter seien Liebhaber von Schneckenfleisch und Schneckenkaviar, aber Merlino weiß, dass die Idee, Schneckeneier zu essen, nicht jedem Appetit macht. Solche Leute, erzählt er, versuchten sie dann zu überreden: nicht gleich Nein sagen, erst mal probieren. Um Zaudernde zu überzeugen, müssten sie aber oft mit gutem Beispiel vorangehen.