Gender-Marketing für Kinder 1918: Pink für Jungen und Blau für Mädchen

Als dann geschlechtsspezifische Farben langsam aufkamen, war die Farbzuweisung zunächst sogar umgekehrt: "Es gilt die generell anerkannte Regel, dass Pink für Jungen gebräuchlich ist und Blau für die Mädchen", heißt es 1918 in einem amerikanischen Branchenblatt für Kinderbekleidung. "Der Grund liegt darin, dass Pink eine entschlossenere und stärkere Farbe ist, die Jungen eher entspricht, während Blau, das zarter und eleganter ist, hübscher für das Mädchen ist."

Die stereotype Farbzuweisung hätte also genau andersherum ausgehen können, was alle Eltern wissen, die schon mal die unzähligen im Kindergarten herumgereichten Freundebücher ausfüllen und vorlesen durften. "Der Max mag Rosa, und der Henry auch", schreit das kleine Mädchen ganz richtig dazwischen: Unter Lieblingsfarben steht bei Jungs nämlich genauso oft Rot und Rosa wie bei Mädchen Blau und Grün.

Dass Rosa heute zu Mädchen gehört und Blau zu Jungs, scheint fast zufällig zu sein; die Farben wurden, so will es der Mythos, irgendwann in einer US-Kinderkleidungsfirma eben gerade so festgelegt. Wie alle Kleinkinder folgt das kleine Mädchen also nur brav den Konventionen, die es seit Geburt verinnerlicht hat. Es lehnt die dunkelblauen Hosen vom großen Cousin strikt ab, weil es doch ein Mädchen bleiben möchte. Und der kleine Nachbarjunge, der Rosa so liebt, wird lernen, dass er es besser nicht trägt, wenn er nicht gemobbt werden möchte.

"Die Pinkifizierung bleibt"

Der Spielzeug- und Textilbranche kommt das sehr gelegen: Je individualisierter die Produkte, desto mehr kann man verkaufen. In der Nachkriegszeit und später, als durch die pränatale Diagnose das Geschlecht des Kindes früh festgestellt werden konnte, begann die Blütezeit des Gender-Marketing. Alles musste nun doppelt gekauft werden, wenn man einen Jungen und ein Mädchen hatte. Längst geht es nicht mehr nur um Strampler, es geht um die gesamte Ausstattung - vom pinken Kinderzimmer bis zum pädagogisch zweifelhaften rosa Werkzeugkasten.

Erst muss alles rosa sein, später ist bunt gewünscht. Geschäfte geben kleinen Mädchen vor, was sie lieben müssen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Eines Tages, irgendwann um den Schuleintritt herum, ist sie dann vorbei, die rosa Periode. Wörter wie "cool" schleichen sich in den Wortschatz der Sechsjährigen, sie sind ja fast schon halb erwachsen, und eines ist ganz schnell nicht mehr cool: Rosa, die Farbe, die schon Pablo Picasso so liebte. Das ist was für die Kleineren, für Babys. "Aber: Die Pinkifizierung bleibt", sagt Schmiedel, "die Verniedlichung. Und die Idee, dass Mädchen schön und sanft sein sollen." Eine Wunschvorstellung, gegen die man sich nur schwer wehren kann. "Und dann wird am Frankfurter Flughafen sogar noch ein rosa Frauenparkplatz eingerichtet, mit extrabreiten Parkstellen."

Das kleine Mädchen ist da schon weiter. Jetzt ruft es, unüberhörbar: "Ich. Will. Alles. Bunt."