Dem Geheimnis auf der Spur Der Reiter aller Reiter

Die Skulptur am Nordpfeiler des Georgschors im Bamberger Dom wurde um 1235 gefertigt.

(Foto: Mauritius images)

Ein Kaiser, einer der Heiligen Drei Könige oder vielleicht sogar der Messias? Seit Jahrhunderten wird wild spekuliert, wen ein Reiterstandbild aus dem Mittelalter im Bamberger Dom wirklich zeigt.

Von Florian Welle

Nehmen wir an, es gäbe noch die Sendung "Was bin ich?" Nehmen wir weiter an, beim Prominentenraten wäre einmal der Bamberger Reiter zu Gast bei Moderator Robert Lembke gewesen. Das Rateteam hätte sich die Zähne ausgebissen und das Schweinderl wäre sehr schnell sehr voll gewesen.

Die Frage, wen das berühmteste Kunstwerk im prächtigen romanisch-gotischen Bamberger Dom St. Peter und St. Georg darstellen soll, ist eines der großen Rätsel der Kunstgeschichte und treibt die Gemüter seit mehr als 200 Jahren um. Sie füllt Bibliotheken, dabei fällt bereits in der ältesten schriftlichen Quelle, die den Reiter erwähnt, ein konkreter Name. In dem Dokument von 1729 herrscht kein Zweifel über die Identität der um 1235 von einem unbekannten Meister gefertigten Plastik: Der Domreiter sei niemand anderer als der Hl. König Stephan I. von Ungarn.

Die Nazis wollten in dem Mann auf dem Pferd sogar den Inbegriff des Ariers sehen

Bis heute spricht einiges für diese Theorie. Doch ist sie nur eine von vielen. Zählt man alle Namen zusammen, mit denen der ohne Kriegsgerät dargestellte Reiter je in Verbindung gebracht wurde, kommt man auf weit über zehn: von Kaiser Konstantin über König Philipp von Schwaben bis zum Messias aus der Offenbarung des Johannes. Die geheimnisvolle Figur war von jeher Anlass für Spekulation, Verklärung bis hin zum Missbrauch. Der Dichter Stefan George raunte 1907: "Du Fremdester brichst noch als echter spross/Zur guten kehr aus deines volkes flanke./Zeigt dieser dom dich nicht: herab vom ross/Streitbar und stolz als königlicher Franke!" Die Nazis sahen dann im Reiter keine historische Person, sondern den Inbegriff des Ariers.

Bei so viel Ungewissheit hält man sich zunächst besser an ein paar Fakten. Gewiss ist, dass die aus Sandsteinblöcken modellierte Figur von den Hufen bis zur Krone über zwei Meter misst, also lebensgroß ist. Gewiss ist auch, dass sie sich von Anfang bis heute am selben Ort befindet: am Nordpfeiler des Georgenchors. Gewiss ist schließlich, dass sie einst wunderbar bunt erstrahlte, ehe auch sie ein Opfer der Stilreinigung unter König Ludwig I. von Bayern wurde. Neuere Farbuntersuchungen haben ergeben, dass es sich um ein weißes Pferd mit dunklen Flecken gehandelt haben muss. Der Umhang des Reiters war ursprünglich rot gefasst, die Krone, der Gürtel und die Sporen glänzten gülden. Und das Haar ist nicht blond gewesen, wie die Nazis glauben machen wollten, sondern dunkelbraun, wenn nicht gar schwarz.

Soweit der Faktencheck. Wer aber könnte nun der in würdevoller Haltung hoch zu Ross sitzende, so ungemein vornehm anmutende junge Mann gewesen sein, dessen Erschaffung Hand in Hand ging mit dem Neubau der Kirche nach dem verheerenden Brand des Heinrichsdoms von 1185? Lässt man einmal die Theorie außen vor, die in dem Standbild ein Symbol für die Dynastie der Staufer sehen will, gibt es vor allem zwei bedenkenswerte Überlegungen. Gesucht wird ein König, denn der Domreiter trägt eine Königs- und keine Kaiserkrone. Gleichzeitig deutet der über dem Reiter befindliche Baldachin auf einen Heiligen hin.

Der Klassiker unter den Theorien erkennt in ihm den Hl. König Stephan I. von Ungarn. Dieser wurde um 969/975 geboren und starb 1038. Stephan heiratete Gisela, die Schwester Kaiser Heinrichs II., und christianisierte seine Heimat. 1083 wurde er heiliggesprochen und fortan auch in Bamberg verehrt.

Erhärtet wird dieses Argument, wenn man sich die Blickrichtung des Reiters ansieht: Für Vertreter der Hl. Stephan-Theorie schaut er huldigend in die Mitte des alten Heinrichsdoms, genau dorthin wo einst das heilige Kaiserpaar Heinrich und Kunigunde begraben lag. Aber es existieren noch mehr Indizien, etwa weitere dynastische Verflechtungen. So war Gertrud, die Schwester des Bamberger Bischofs Ekbert von Andechs-Meranien, auf den der Dom-Neubau u. a. zurückgeht, seit 1203 mit Andreas II., König von Ungarn, verheiratet. Und wo fand Ekbert Zuflucht, als er vorübergehend wegen des Verdachts der Mitwisserschaft der Reichsacht verfiel, nachdem man 1208 König Philipp von Schwaben ermordet vor seiner Haustür auffand? Genau: bei seinem Schwager Andreas II.

Klingt überzeugend? Nicht für diejenigen, die in dem Kunstwerk einen der Heiligen Drei Könige erkennen wollen. Der Vorschlag flackert immer wieder auf. Schon für Willibald Sauerländer besaß er im Katalog zur Ausstellung "Bayern. Kunst und Kultur" von 1972 "die größte Wahrscheinlichkeit". Neue Nahrung gewinnt die Dreikönigsthese durch jüngste Untersuchungen der Kunsthistorikerin Dorothea Diemer, dokumentiert in dem 2015 erschienenen Inventarband zum Bamberger Dom des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege.

Matthias Exner, der ihn betreute, fasste in einem Interview mit der Bayerischen Staatszeitung die wichtigsten Argumente Diemers zusammen. Demnach würde der Reiter gemeinsam mit der Figur der Prophetin Hanna, in der man bislang immer die Hl. Elisabeth sah, zum Bildprogramm eines östlichen Lettners gehören, der drei Szenen aus der Kindheit Jesu zeigen sollte. Wohl aus Geldmangel wurde jedoch die Chorschranke bis auf die beiden Figuren nie ausgestaltet, so dass man sie kurzerhand einzeln platzierte. Die Hypothese stützt sich auf kürzlich in Frankreich aufgefundene Lettner-Fragmente mit ähnlichen Szenen.

Der Disput um die Identität der Figur wird weiter andauern. Von Playmobil gibt es eine sehr schöne farbige Kopie. Spätestens im absichtslosen Spiel kann sich jeder unwidersprochen seinen eigenen Domreiter imaginieren.