Dem Geheimnis auf der Spur Aalgemeinwissen

Fressen und gefressen werden: Der Bestand des Raubfisches ist inzwischen stark gefährdet.

(Foto: De Agostini/Getty Images)

Er schwimmt 8000 Kilometer ohne zu essen, nur um sich zu paaren, und lässt sich nicht züchten: Der Aal ist seit Jahrhunderten ein rätselhaftes Tier - und auch heute wissen die Forscher nur wenig über den Raubfisch.

Von Rudolf Neumaier

Die Autoren des "Damen Conversations Lexikons" von 1834 spekulierten noch, zu welcher Gattung der Aal zu zählen sei: "Ob zu den Schlangen, zu den Fischen oder zu den Amphibien, zu den eierlegenden oder zu den lebendig gebärenden Thieren". Das hat sich inzwischen geklärt: Der Aal ist ein Fisch. Aber ein Wunderwesen ist er immer noch.

Seit gut hundert Jahren forschen ihm die Biologen hinterher. Ein dänischer Wissenschaftler fand damals heraus, dass die Europäischen Aale zur Fortpflanzung in die Sargassosee wandern. Sie liegt im Osten von Florida zwischen Bermuda im Norden und den karibischen Inseln im Süden. Die Aale schwimmen also bis zu 8000 Kilometer, um sich zu paaren. Sie nehmen auf dieser Reise keine Nahrung auf. Und nach der Paarung sterben sie. Ihre Weidenblattlarven lassen sich von den ozeanischen Strömen zurück nach Europa schwemmen und wachsen auf diesem Weg bis zu sieben, acht Zentimeter Länge heran, bevor sie sich kurz vor Erreichen der Küsten zu sogenannten Glasaalen umwandeln.

In der Literatur ist der Aal mindestens so prominent wie der Hecht im Karpfenteich

Aber warum wandern die Aale ausgerechnet in die Sargassosee? Und warum nur dorthin und zwar wirklich alle Aale, die nicht auf dem Weg von den Turbinen eines Wasserkraftwerkes in Stücke gehäckselt, geangelt, gefischt oder gefressen werden? Was steuert die Aale aus Rhein, Oder, Elbe und all den anderen Flüssen und den mit ihnen verbundenen Seen in die Sargassosee? Wie pflanzen sie sich dort fort? Warum lässt sich ihr Fortleben bis heute nicht - wie bei den allermeisten anderen Tierarten - durch künstliche Vermehrung sichern?

Reinhold Hanel, der in Hamburg das Thünen-Institut für Fischereiökologie leitet, forschte schon vier Mal in der Sargassosee. Doch bei den entscheidenden Fragen steht auch der Fischereibiologe noch vor einem Rätsel. Wie andere Wissenschaftler versah er Aale mit Sonden, etwa drei Zentimeter langen Zylindern mit Antennen. Das ist nur bei Weibchen möglich, die wesentlich größer werden als männliche Aale. Aber Aale mit Sonden sind beim Schwimmen gehandicapt - und leichte Beute für Raubfische. Kanadische Forscher schickten zum Beispiel Aale aus dem St.-Lorenz-Strom mit Daten-Transmittern auf den Weg: alle Fische wurden gefressen. Eine solche Sonde kostet etwa 4000 Euro. Die Ironie dieser Kalamität liegt dann immer darin, dass die Wissenschaftler mit den übertragenen Körpertemperaturdaten aus dem Magen des Aalfressers feststellen können, wer sich das Tier einverleibt hat: ein Hai oder ein Wal.

Erst auf der Reise in die bis zu 5000 Meter tiefe Sargassosee reifen in den Aalweibchen die Eier. Sie bewältigen nicht nur eine gewaltige Distanz, sondern auch riesige Vertikalstrecken: Nachts schwimmen die Aale in 100 bis 200 Metern Wassertiefe, tagsüber in 800 bis 1000 Metern. "Möglicherweise schützen sie sich so vor Feinden", sagt Hanel, "vermutlich steuern sie damit aber auch die Gonadenreifung oder nutzen dieses Verhalten für die Navigation."

In der Literatur ist der Aal mindestens so prominent wie der sprichwörtliche Hecht im Karpfenteich. Aristophanes erwähnt ihn in seiner "Lysistrata", Ibsen, Balzac, Gutzkow und Brentano bemühen ihn als Metapher für Dünnes, Glattes, Flinkes, Fettes, Geschmeidiges, Schlankes, Behendes. Der Aal eignet sich für Bilder und für Mythen - die Städte Ahlen und Aalen haben ihn wie selbstverständlich seit dem Mittelalter in ihren Stadtwappen.

Seit Günter Grass' Roman "Die Blechtrommel" und dessen Verfilmung durch Volker Schlöndorff hat der Aal einen hohen Ekelfaktor. Er wird hier mit Schädeln geschlachteter Pferde gefangen, was zweifelsohne sehr authentisch ist. Denn der Aal frisst alles Fleischliche, was ihm vor die Schnauze kommt, um für seine lange Reise ins atlantische Laichgebiet das nötige Fett auf die Gräten zu bekommen.

Andererseits schadet es dem stark gefährdeten Aal keineswegs, wenn sich Menschen vor ihm ekeln. Am besten lässt sich sein Bestand an den Jungaalen messen, die der Golfstrom aus der Sargassosee nach Europa zurückschwemmt. "Bei diesen Glasaalen stellen wir eine Abnahme um mehr als 90 Prozent im Bereich der Nordsee und um mehr als 98 Prozent in anderen Regionen im Vergleich mit den Zahlen der 70er-Jahre fest", sagt Reinhold Hanel. Viele deutsche Feinkost-Fischtheken verzichten längst darauf, Aal anzubieten. In Flüssen wie dem Main werden laichfertige Aale mit riesigen Reusen gefangen und tonnenweise per Lastwagen in den Rhein transportiert, wo zumindest keine Turbinen sie daran hindern, in den Ozean zu wandern. Vom Main aus hätten sie keine Chance, die dreißig Wasserkraft-Todesfallen lebend zu überwinden.

Besonders gefährdet ist der Aal auch, weil er das Geheimnis um seine Fortpflanzung noch nicht preisgegeben hat: Wie lässt er sich reproduzieren? Biologen können die Elterntiere mit Hormonen inzwischen so weit stimulieren, dass die Gonaden reifen und nach Abstreifen von Eiern und Samen eine künstliche Befruchtung erfolgen kann. Aber bislang hat es noch kein Forscher geschafft, die gewonnenen Larven zum Fressen und zum Heranwachsen zu bringen. Das gelingt nur in der Sargassosee. In der Natur.

Man kann sich nur wundern über dieses rätselhafte Wesen. Früher schrieben die Menschen ihm denn auch wundersame Kräfte zu: Das Fett des Aales heile Taubheit und lindere Pockenmale. Und "es dienet auch", wie es in Nicolas Lémerys "Vollständigem Materialien-Lexicon" aus dem Jahr 1721 heißt, "das Haar wachsen zu machen". Die Haut des Aales werde zur "Zertheilung der Geschwulsten" gebraucht. Der Aal als Aalheilmittel - wie schön, dass es solche Mythen gibt.