Werder Bremen Heikle Selbstverzwergung

Nicht mehr viel Zeit bleibt für Trainer Viktor Skripnik, um seine Mannschaft in eine wettbewerbstaugliche Form für den Rückrundenauftakt gegen Schalke zu bringen.

(Foto: Alex Grimm/Getty Images)

Nach dem bestenfalls durchwachsenen Trainingslager in Belek fällt es beim SV Werder besonders schwer, positive Schlüsse für die Rückrunde abzuleiten.

Von Frank Hellmann, Belek

Oft sagen Bilder mehr als viele Worte, sagt man. Wer die vergangenen Tage die Trainingseinheiten des SV Werder auf dem Regnum Sports Center von Belek beobachtet hat, der kam immer wieder zu der Szene zurück, wie Viktor Skripnik auf dem Platz gedankenverloren den Kopf und Hände auf eine im Rasen steckende Stange stützte. So verfolgte Bremens Cheftrainer Übungsformen, bei denen vor ihm Torsten Frings ein Spielchen Zwei-gegen-Zwei auf kleinem Feld und hinter ihm Florian Kohfeldt eine taktische Übung mit Metallfiguren auf halbem Platz leitete. Der gebürtige Ukrainer wirkte dabei sehr nach innen gekehrt.

Die Denker-Pose als Sinnbild? Ahnte da einer im Trainingslager an der türkischen Mittelmeerküste, wie schwer seine Aufgabe für die am kommenden Sonntag mit einem Auswärtsspiel beim FC Schalke 04 beginnende Rückrunde werden dürfte? Auch die mitgereisten Anhänger machten sich in Belek am Platzrand ihre Gedanken. Denn wer parallel andere Teams beobachtete, der merkte schnell: Fast nirgendwo sonst fiel das Grundlagentraining bisweilen so schwer wie beim SV Werder, der nach der Hinrunde nicht zufällig auf dem Relegationsrang überwintert.

Durchwachsene Bilanz in Belek

Irgendwie ist schwer auszumachen, ob der Double-Gewinner von 2004 heute noch uneingeschränkt bundesligatauglich ist. Zweifel sind beim derzeitigen Status quo erlaubt. Die Bilanz von neun Tagen Belek - Werder reiste am Samstagmorgen zurück - fällt durchwachsen aus, zumal Mittelfeldspieler Philipp Bargfrede wegen Achillessehnenproblemen vorzeitig die Heimreise antrat und Linksverteidiger Janek Sternberg einen Bänderriss erlitt.

Die Testspiele dienten als Beleg für den Wankelmut: Der erste Doppelpack gegen Erzgebirge Aue (1:3) und Sivasspor (0:0) verlief ernüchternd. Am Freitag sah es etwas besser aus: Einem 1:0 gegen den aserbaidschanischen Erstligisten Inter Baku (Torschütze Claudio Pizarro) folgte ein 2:2 gegen den österreichischen Tabellenzweiten Austria Wien (Fin Bartels und Levin Öztunali per Elfmeter). Bezeichnend allerdings, dass die Norddeutschen in der Nachspielzeit der zweiten Partie den Ausgleich kassierten. Skripnik ärgerte dieser Fakt immens, aber er lobte: "Wir sind an die Grenze gegangen."

Gleichwohl bleibt die Frage, ob der Coach mit seinem qualitativ limitierten Kader einen Kraftakt wie im Vorjahr wiederholen kann. Zur Erinnerung: Die damals ebenfalls in höchster Abstiegsnot gefangenen Hanseaten starteten mit drei Siegen - gegen Hertha, Hoffenheim und Leverkusen - ins Fußball-Jahr 2015 und legten damit bereits den Grundstein für den Klassenerhalt. "Ich bin jetzt knapp drei Jahre in Bremen, und wir haben uns immer früh aus dem Abstiegskampf verabschiedet", betont Geschäftsführer Thomas Eichin. Dennoch spricht er von einer komplett neuen Situation als vor einem Jahr. Damals habe durch den Verkauf von Davie Selke Geld zur Verfügung gestanden, um etwa defensiv mit der Verpflichtung von Abwehrchef Jannik Vestergaard nachzubessern.

Die Folgen eines Abstiegs wären fatal - und vermutlich langwierig

Diesmal kommen nur kreative Billig-Lösungen infrage. Wie zwei Testspieler, die in Belek ein paar Tage antraten: der US-Nationalspieler Jordan Morris und der ungarische Internationale Laszlo Kleinheisler. Speziell der 21-jährige Kleinheisler setzte am Freitag viele Akzente - der 1,70 Meter große Mittelfeldspieler mit den roten Stoppelhaaren hat sich mit seinem Arbeitgeber FC Videoton überworfen.

Werder will erst noch eine endgültige Beurteilung vornehmen, aber laut Sportdirektor Rouven Schröder muss Kleinsheislers Abreise in die Heimat nicht bedeuten, "dass das Ticket nicht über Ungarn nach Bremen führen kann." Dass der dünn besetzte Kader noch an Tiefe gewinnen muss, ist unbestritten. "Wir werden nichts tun, wovon wir nicht überzeugt sind", sagte Aufsichtsrat Marco Bode. Das Kontrollgremium habe aber keinen Ausgabenstopp verhängt. "Niemand hat hier ein anderes Ziel, als die Bundesliga zu halten."

"Wir schaffen das" - wirklich?

Aber wo führt die Selbstverzwergung eines Vereins hin, der noch vor einem Jahrzehnt gemeinsam mit dem FC Bayern die Trends im deutschen Fußball setzte? "Der Übergang vom Sparzwang zur Selbstzerstörung ist fließend - und Werders Niedergang deshalb schon lange keine sportliche Krise mehr, sondern eine strukturelle", stellte kürzlich der Weser Kurier kritisch fest. Ein Abstieg könnte bedeuten, dass einer der beliebtesten Standorte der Liga dauerhaft in der Versenkung verschwindet.

Es wirkt so, als verschiebe die Werder-Leitung viele der dringenden Fragen. In der verzweifelten Hoffnung darauf, dass es schon irgendwie gut geht. Auf der Mitgliederversammlung hatte Vorstandschef Klaus Filbry zwar das Merkel-Mantra des Wir-schaffen-das anzubieten, aber der Inhalt dahinter wirkte merkwürdig leer. Nun im Trainingslager warb Bode erneut um Verständnis für den Werder-Weg, der ja vorsieht, "am Trainerteam festzuhalten und der Mannschaft zu vertrauen." Fehlende Punkte seien fehlender Konstanz zuzuschreiben. Aber klar ist für den ehemaligen Nationalspieler auch: "Wir haben gehofft, dass wir schon weiter sind. Wir sind definitiv nicht zufrieden." Die Pose von Viktor Skripnik könnte zu den Worten nicht besser passen.