Weitsprung der Frauen Nadel im Sandhaufen

Im kuriosen Weitsprung-Finale bringt die Startnummer auf ihrem Rücken Ivana Spanovic um eine Medaille. So bleibt ihr am Ende nur Platz vier - und der Leichtathletik eine Debatte um die Notwendigkeit von Startnummern.

Ivana Spanovic legt großen Wert auf ihr Äußeres. "Alle reden immer darüber, was ich anhabe, über meine Haare, meine Nägel, mein Make-up", sagte die Weitspringerin in einem Interview mit dem Weltverband IAAF. Sie sei eben ein Mädchen, sie brauche das. Vier Jahre ist das jetzt her. Am späten Freitagabend holte diese Aussage Spanovic wieder ein. Denn plötzlich sprachen wieder alle über ihr Äußeres - aber diesmal ging es weder um ihren blauen Sprunganzug noch um ihre streng zurückgekämmten, dunkelbraunen Haare.

Es war 21.35 Uhr, als der 27-jährigen Serbin das kleine Stück Papier zum Verhängnis wurde, das mit Sicherheitsnadeln hinten an ihrem Anzug befestigt war. Spanovic lag im Weitsprung-Finale auf Platz vier und musste alles riskieren, um noch in die Medaillenränge zu kommen. Ein Zentimeter fehlte ihr auf den Bronze-Rang, vier und fünf Zentimeter auf Silber und Gold. Als sie wenig später aus der Sandgrube stieg, wusste sie, dass es ganz knapp werden würde. Ihr Satz ging in Richtung der Sieben-Meter-Marke, zum ersten Mal an diesem Abend zeichnete sich der Ansatz eines Lächelns auf ihrem Gesicht ab. Die Medaille war plötzlich wieder in Reichweite.

Die Serbin Ivana Spanovic beim Weitsprung der Frauen - ihre lose befestigte Startnummer verhindert wohl den Sieg.

(Foto: Richard Heathcote/Getty Images)

"Ich dachte zunächst, ich habe die Weite", würde Spanovic später sagen. Dann kam das Mess-Ergebnis: 6,91 Meter, fünf Zentimeter kürzer als ihr zweiter Versuch - und deutlich kürzer, als es die ersten Bilder hatten vermuten lassen. Erstmals löste sich Spanovic' Pokerface auf. Sie protestierte beim Kampfgericht, allerdings ohne Erfolg. Der genauere Blick auf die TV-Bilder löste auf: Die Startnummer an ihrem Rücken hatte sich beim Sprung teilweise gelöst und einen Abdruck im Sand hinterlassen. Minimal, aber nachweislich. Das sei nicht zum ersten Mal passiert, gab sie später zu.

Der Protest der Serben wird abgeschmettert

Das serbische Team legte noch am Abend Einspruch gegen das Ergebnis bei der Wettkampfleitung ein, dieser wurde abgelehnt. Zu eindeutig war auf den TV-Bildern zu erkennen, wie die Startnummer den Sand berührte. Und zu klar ist in diesem Fall auch das Regelwerk formuliert. Gemessen wird vom Absprungbalken zum nächstliegenden Abdruck im Sand. Dieser wird in der Sprunggrube hinterlassen durch irgendein Körperteil oder durch etwas, das, als es den Abdruck verursachte, am Körper befestigt war.

Spanovic musste sich nach Bronze in Moskau 2013, Peking 2015 und Rio 2016 diesmal mit Platz vier begnügen, hinter Brittney Reese (7,02 Meter) aus den USA, der unter olympischer Flagge startenden Russin Darya Klischina (7,00) und US-Amerikanerin Tianna Bartoletta (6,97). Die Serbin hat der Leichtathletik eine neue Debatte über die Notwendigkeit von Startnummern beschert. Sie dienen der Präsentation von Sponsoren, fielen in London aber vor allem auf, wenn sie im Wind über die Bahn flatterten oder lose vom Rücken eines Athleten weghingen - so wie beim entscheidenden Sprung am Freitagabend.

Ivana Spanovic sagte 2013 im IAAF-Interview auch, dass gute Kleidung sie glücklich mache. Ihr Weitsprung-Outfit inklusive Startnummer dürfte seit Freitag nicht mehr dazugehören. Doch vielleicht hat sie dafür schon eine Lösung parat, die auch dem Leichtathletik-Weltverband hilft. Viele ihrer Freunde sind Modedesigner, die sich in nächster Zeit sicher Gedanken machen werden, wo und wie Spanovic die Startnummer in Zukunft befestigt.