Urteil des IOC Simulierte Härte

Das IOC suspendiert Russland? Nicht wirklich. Trotz Staatsdopings darf ein großes Team nach Pyeongchang. Prompt schließt Präsident Putin einen Boykott aus.

Von Thomas Kistner, Lausanne

Entschlossen wachsweiches vermitteln: IOC-Chef Thomas Bach und Kommissionsleiter Samuel Schmid treten in Lausanne vor die Presse.

(Foto: Jean-Christophe Bott/AP)

Alles war gut eingefädelt. In Sotschi 2014, wo Russlands Athleten unter staatlicher Regie einen Doping-Massenbetrug hingelegt und die Winterspiele zur Farce gemacht hatten. Und auch am Dienstag in Lausanne, als das Internationale Olympische Komitee (IOC) einen Fluchtweg aus dem Dilemma fand. Wie das gigantische Schwindel-Projekt seinerzeit am Schwarzen Meer, so funktionierte nun auch das Blendwerk am Genfer See sehr ordentlich. Als Thomas Bach, der IOC-Präsident, am Dienstagabend den Entscheid zum Russland-Doping präsentierte, überwog zunächst sogar der Eindruck, das IOC habe Russlands Systembetrug hart bestraft.

Aber die Feinanalyse der Zehn-Punkte-Sanktion machte rasch klar: Das IOC ist wieder nur eingeknickt vor den Kreml- Regenten, wie bei den Spielen in Rio 2016. Es hat, angesichts des steigenden öffentlichen Drucks, nur das Unvermeidliche vollzogen: Russland darf im Februar 2018 nicht offiziell als Team starten bei den Winterspielen in Südkorea. Es darf die Spiele aber durchaus als offizieller Teilnehmer beenden. Diesen taktischen Winkelzug verwob das IOC so raffiniert in eine Zehn-Punkte-Erklärung, dass der erste Anschein der von grimmiger Entschlossenheit war. Knallhart klingen, wachsweich handeln - das blieb die Maxime.

Im Detail sieht der Strafkatalog zum Staatsbetrug so aus:

Erstens: Russlands Athleten müssen in Pyeongchang keineswegs neutral starten, wie zunächst gedacht. Vielmehr treten sie im Namen ihrer Heimat an: "Olympische Athleten aus Russland (OAR)" wird auf den Uniformen stehen; niemand sollte sich wundern, wenn dieser Schriftzug zufällig die Nationalfarben weiß, blau, rot trüge. Und sind bei diesen Winterspielen nicht auch "olympische Athleten aus Deutschland" dabei, aus den USA, von anderswo?

Dopende Athleten werden hart bestraft, wenn Staaten dopen, ist das IOC weniger streng

Zweitens: Russlands Olympia-Tross wird nach Aktenlage sogar mit voller Nationalausstattung an den Spielen teilnehmen. Zu diesen gehört auch die Schlussfeier, und das IOC behält sich vor, den jetzt verhängten Bann über das Olympiakomitee ROC "zu Beginn der Schlusszeremonie" aufzuheben. Dass dies passieren wird, darauf darf gewettet werden. Dann dürfen Russlands Athleten, wie die Vertreter aller Olympiakomitees, so an- und auftreten wie sie wollen. Also mit nationalen Fahnen, Symbolen und Sportuniformen.

Drittens: Russlands Team - Pardon: Die "olympischen Athleten aus Russland" dürfen wie gewohnt eines der größten Aufgebote stellen. Es genügt der Nachweis, nicht in Systemdoping verstrickt zu sein, den letzten Segen spendet ein Gremium, das aus Vertretern der olympischen Welt inklusive des IOC-Chefmediziners Richard Budgett besteht. Dieses Gremium wird als "unabhängig" bezeichnet.

Viertens: Der Dopingbetrug hat durch das IOC-Urteil nun eine dramatische Differenzierung erfahren. Individualvergehen werden mit bis zu lebenslanger Sperre bestraft; der einzelne Athlet ist dann für immer erledigt. Dopingverstöße aber, die ein Staat mit behördlicher Präzision an den arglosen Aufgeboten der restlichen Welt begeht, werden mit komfortablen Sanktionen belegt - diese schließen sogar die bedingte Spiele-Teilnahme mit ein.

Fünftens: Das IOC vermied es konsequent, zu benennen, wer für das nebulös eingeräumte Staatsdoping verantwortlich ist. Zwar sperrte es einige Funktionäre und alle Vertreter des Moskauer Sportministeriums für Südkorea; der 2014 amtierende Sportminister Witalij Mutko wurde sogar lebenslang von allen Spielen verbannt. Bei Mutko aber lassen die Olympier die Kommando-Struktur enden, und auch das nur vage: Es sei "nicht mit Gewissheit festzustellen, wer dieses System initiiert oder geleitet hat", heißt es im Report des Schweizer Ex-Sportministers Samuel Schmid, der die Rolle des Staates in der Affäre zu untersuchen hatte. So reichte es nur zu einem Achselzucken: Mutko trage halt "die Verantwortung für das administrative Versagen". Indes hat die Administration nach Aktenlage keineswegs versagt, sondern alle Betrugsvorgaben korrekt umgesetzt, und Mutko selbst taucht wiederholt als ordnende Kraft auf. Glaubt das IOC also wirklich, das Sportministerium habe unter Mutko, der inzwischen zum Vize-Premier aufgestiegen ist, ein Eigenleben geführt - und damit auch die Kreml-Spitzen unter Wladimir Putin blamiert?

In Lausanne waren Bachs Leute sehr bemüht zu dementieren, dass der deutsche IOC-Boss die wesentlichen Eckpunkte vorab schon mit Putin ausgekartelt habe. Die zwei hätten nie gesprochen, hieß es immerzu. Doch reden lässt sich auf vielen Wegen. Und siehe da: Der Präsident ist zufrieden. "Wir werden bestimmt keinen Boykott verkünden", sagte Putin am Mittwoch während einer Ansprache in einem Automobilwerk in Nischni Nowgorod. "Wir werden unsere Olympioniken nicht daran hindern, am Wettbewerb teilzunehmen." Das hatte zuletzt noch ganz anders geklungen.

Doch tatsächlich war den Russen und dem IOC seit Ende Oktober klar, dass die bis dahin verfolgte Linie nicht mehr zu halten sein würde: den Sotschi-Betrug nur per Geldstrafe zu ahnden, auf Basis der schon für Rio 2016 gepflegten Behauptung, das Beweismaterial des Sonderermittlers Richard McLaren reiche nicht aus für härtere Strafen. Bei der Session im September in Peru hatte das IOC sogar sein Regelwerk um den Geldbußen-Passus ergänzt.

Aber dann zerstörte Grigorij Rodtschenkow alle Pläne. Der Mann, der selbst ein Kopf des Russland-Dopings war und das Moskauer Labor leitete, bevor er Ende 2015 in Ungnade fiel und Zuflucht im Zeugenschutz-Programm der USA suchte - Rodtschenkow griff in seinen Giftschrank. Und plötzlich lag der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) die komplette Datenbank des Moskauer Labors von Anfang 2012 bis August 2015 vor - Material, das auch den Austausch positiver Urin-Proben in negative zu entschlüsseln hilft. Das machte Sperren für mehr als zwei Dutzend russische Sotschi-Helden unumgänglich, die nun nicht mehr darauf pochen konnten, dass gegen sie ja keine Positivbefunde vorliegen. Während die Sotschi-Prüfkommission unter IOC-Mitglied Dennis Oswald nun Bannsprüche im Akkord verhängte, traktierte Rodtschenkow die Schmid-Kommission mit Eideserklärungen zur staatlichen Doping-Verwicklung. Und sicherheitshalber gingen der Kronzeuge und sein US-Anwalt auch an die Medien.

Während hohe Sportfunktionäre wie ROC-Ehrenpräsident Leonid Tjagaschew öffentlich anregten, man solle Rodtschenkow einfach "erschießen", wurde dem IOC klar, dass es nun zumindest eines Signals bedürfe. Rodtschenkow würde sonst weiteres Material an die Medien geben. Der rettende Dreh fand sich in der Simulation eines harten Ausschlusses, der in Wahrheit keiner ist: weil man mehr als 100 "olympische Athleten aus Russland" bei den Spielen begrüßt - die am Ende sogar mit der eigenen Fahne durchs Stadion paradieren.

Wie schwach und mutlos die Institutionen der Milliardenindustrie Spitzensport sind, zeigt nun weniger der Umstand, dass das IOC ohnehin der Letzte ist, der das Russland-Doping als Systembetrug zur Kenntnis nimmt. Die strukturelle Schwäche dieses straff organisierten Kommerzgebildes zeigte sich in den Reaktionen derjenigen, die eigentlich mit der Betrugsbekämpfung befasst sind und vom IOC bislang tapfer den Komplett-Ausschluss Russlands gefordert hatten. Von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) bis zur deutschen Agentur Nada: Sie zeigen sich plötzlich zufrieden mit dem, was das IOC als Verbannung Russlands propagiert.

Ob sie das IOC-Papier nicht zu Ende studiert haben? Vielleicht haben sie bei Punkt eins aufgehört, der besagt, das ROC sei ab sofort suspendiert. Statt bis Punkt neun konzentriert zu lesen, wo es heißt: Der Bann wird vielleicht schon bei den Spielen wieder aufgehoben. Und zwar ohne dass Russland überhaupt eingestehen muss, dass es das Staatsdoping gab.