Tour de France Ein Geschmack von Vergangenheit

Neben dem Routineprogramm diverser Dopingaffären war zu erwarten, dass sich mit Carlos Sastre und Cadel Evans zwei alte Bekannte um den Sieg bei der Tour de France streiten.

Von Andreas Burkert

Ob die beiden älteren Herren wussten, wer neben ihnen stand? Michael Douglas, 62, und Pat Riley, 63, waren immerhin bestens gelaunt, als sie ihm auf dem Podium von Alpe d'Huez behilflich waren, das Gelbe Trikot anzuziehen. Carlos Sastre, ein hagerer Mann von 60 Kilogramm, sah in diesen Sekunden etwas verloren aus zwischen den beiden Schwergewichten des amerikanischen Showbiz. Schauspieler Douglas und NBA-Coach Riley von den Miami Heat hatten sich von Doug Ellis zur Tour de France einfliegen lassen, der US-Millionär unterstützt Team Garmin. Mit Carlos Sastre Candil werden sie aber wohl nicht wirklich etwas anfangen können, aber so geht es ja manchem im Peloton. Er ist ohnehin sehr schüchtern, ganz anders als Lance Armstrong, der früher ebenfalls gerne prominenten Heimatbesuch in Frankreich empfing. Robin Williams oder Arnold Schwarzenegger stellten sich dann für Fotos neben den zumindest in Europa längst entzauberten Champion. Nur Amerika kennt Armstrong bis heute nicht wirklich.

Carlos Sastre (vorne), ein alter Haudegen aus Bjarne Riis' kritisch beäugter CSC-Equipe.

(Foto: Foto: AP)

Die Tour de France dagegen weiß seit der wieder einmal aufregenden Route entlang der 21 spektakulärsten Serpentinen des Radsports ganz genau, was neben dem Routineprogramm diverser Dopingaffären noch zu erwarten ist: der Sieg der Vergangenheit. Sastre, 33, ein alter Haudegen aus Bjarne Riis' kritisch beäugter CSC-Equipe, wird nach seinem Coup double (Libération) die 95. Rundfahrt gewinnen - oder eben doch der bisherige Favorit Cadel Evans, der andere Vertreter der alten Garde.

Eine erzwungene Versöhnung

74 Sekunden muss der Australier im welligen Zeitfahren am Samstag zwischen Cérilly und St.-Amand-Montrond gutmachen auf den Spanier, "das steckt in meinen Beinen", sagt der spezialisierte Rouleur, den heute der belgische Lotto-Rennstall bezahlt. Davor fuhr der 31-Jährige für Saeco. Und Mapei. Und Team Telekom. Doch das Tour-Organ L'Équipe, angetan vom perfekt tarierten Spannungsbogen, titelte am Donnerstag unverdrossen selig: "Was für ein Samstag!"

In Frankreich gilt eben auch weiterhin die alte Zeitrechnung, nicht nur in den Affärenspalten. Riis, 44, ist ja hier 2007 "persona non grata" gewesen, wie Tourdirektor Christian Prudhomme damals stänkerte. Denn der Däne hatte nach den vielen Enthüllungen zur dunklen Telekom-Vergangenheit im unvermeidlichen Betrugsgeständnis angemerkt, er wisse nicht genau, wo das Gelbe Trikot von seinem erdopten Toursieg 1996 sei, vermutlich könnten es die Franzosen in seiner Garage finden. Riis' Charakterkopf tauchte nun ausgerechnet in Alpe d'Huez wieder großformatig in den Fernsehkameras auf, wo nach Sastres Solo ins Maillot Jaune und den erstaunlichen Platzierungen der luxemburgischen Schleck-Brüder Andy (Dritter) und Frank (Fünfter) "eine großartige Teamleistung" zu kommentieren war.

Der Tour steht demnach eine erzwungene Versöhnung mit dem CSC-Teamchef ins Haus, obwohl dessen weiterhin nicht komplett entschlüsselte Historie die Gegenwart des Rennens und seiner Equipe belastet. Immer noch behauptet Riis ja, er habe von der Blutpanscherei seines einstigen Kapitäns Ivan Basso beim spanischen Doktor Fuentes keinen Schimmer gehabt. Dabei hatte er den noch bis Herbst gesperrten Italiener stets als "meinen Sohn" bezeichnet und das Team um den Lombarden aufgebaut.

Das Duell zweier Traditionalisten

Auch Sastre, nach seiner Zeit bei Once seit 2001 dabei, ordnete sich stets unter; schon früher diente er als Adjutant Meistern wie Abraham Olano, Laurent Jalabert, Alex Zülle, Joseba Beloki und eben Basso, die rückblickend, nunja, doch sehr irdische Geschöpfe gewesen sind. Ein Siegfahrer ist Sastre bisher nie gewesen, seinen letzten Erfolg vor Alpe d'Huez konnte er nicht mal feiern. Denn 2006 in Morzine war er ursprünglich Zweiter hinter dem später wegen Dopings gestrichenen Amerikaner Floyd Landis.

Jetzt ist der Tour-Vierte von 2007 in Alpe d'Huez allen um zweieinhalb Minuten vorausgefahren, auch dank der Unterstützung der neuerdings vorzüglichen Kletterer aus der Familie Schleck. Cadel Evans hat sich jedenfalls schwer verausgaben müssen, um seine intakten Chancen für Samstag nicht einzubüßen. Dann werden wohl Frank Schleck, der Österreicher Bernhard Kohl als Außenseiter und der Russe Denis Menschow um den dritten Podiumsplatz streiten. Doch das Duell zweier Traditionalisten des Radsports wird bis dahin schon reichlich hochgejazzt werden zum Knüller einer Rundfahrt, die zum x-ten Mal auf Bewährung fährt - und das Auflagenkonto längst heillos überzogen hat. Hinter dem Establishment kommt ja nichts, die nachrückenden Jahrgänge sind entweder daheim und unter Polizeiaufsicht wie Epo-Sünder Riccardo Ricco. Oder sie muten an wie Brüder Bassos - wie im Falle der Schlecks. Ihr leiblicher Vater Johnny wurde übrigens Donnerstag vom französischen Zoll gestoppt, Beamte durchsuchten (ergebnislos) sein Auto.

Übervater Riis verweist derweil auf sein kostspieliges Antidoping-Programm, das der renommierte Experte Rasmus Damsgaard überwacht. Doch Riis' Landsmann ist wohl letztlich ebenfalls eher Diener seines Herrn. Damsgaard hat ja bereits leise die Sanktionsmöglichkeiten beklagt, einige Auffälligkeiten hatten die von ihm - öffentlich gemachten - Blutparameter aufgewiesen. Doch bekannt geworden sind in den angeblich drei Fällen bei CSC weder Namen noch Konsequenzen. Somit bleibt einstweilen nur der Samstag als Termin für Neuigkeiten, es wird spannend. Douglas und Riley sollten kommen. Sie stehen doch auf Thriller.