Toni Kroos in Leverkusen Fröhlich zwischen Deprimierten

Der FC Bayern hat Toni Kroos bis zum Sommer 2010 an die Werkself ausgeliehen und hofft, dass Kroos ausgerechnet bei einem Klub reift, der genauso ist, wie der Spieler selbst: bisweilen genial, viel zu oft aber auch etwas nachlässig und naiv.

Von Daniel Theweleit

Wer Toni Kroos Fußballspielen sieht, der findet immer diese Momente, an denen sich die Künstler unter den Fußballspielern identifizieren lassen. Am vorletzten Wochenende, als Bayer Leverkusen beim 1. FC Köln gewann, wechselte Trainer Bruno Labbadia Kroos eine halbe Stunde vor dem Ende ein, die erste Aktion des Spielers war ein feiner, kurzer Pass in den Strafraum. Einige Sekunden später stand es 1:0 für Leverkusen.

Bei Bayers 1:1 gegen Werder Bremen stand der im Winter von Bayern München ausgeliehene Kroos nun erstmals in der Startformation der Werkself, und seine herausragende Veranlagung war wieder nicht zu übersehen. Fast jeder gefährliche Ball in die Spitze lief über den Juniorennationalspieler, auch Tranquillo Barnettas 1:0 bereitete er mit einer klugen Ablage vor. "Das war Klasse", lobte Sportdirektor Rudi Völler, "er hat tolle Aktionen gehabt und einen richtig guten Eindruck gemacht."

Kein Wunder, dass Kroos am Abend der Fröhlichste unter lauter Niedergeschlagenen war. Bayer ist nun Neunter, der Rückstand auf den angestrebten fünften Platz auf sechs Zähler angewachsen, Kroos jedoch sagte: "Ich sehe das 1:1 positiv, wir haben jetzt drei mal nicht verloren." Der junge Mittelfeldspieler war beflügelt von seiner Beförderung.

Vor einigen Wochen konnte sich nämlich noch niemand vorstellen, dass Kroos den in der Vorrunde überragenden Renato Augusto von seinem Platz im rechten Mittelfeld verdrängen würde - nun saß der Brasilianer nur auf der Bank. Und als er nach 77 Minuten eingewechselt wurde, verließ nicht Kroos das Feld, sondern Barnetta. "Der Toni hat im Training von hinten Druck gemacht, hat sich rangekämpft, so muss es sein", sagte Trainer Bruno Labbadia.

Aber Kroos' zweite Bundesligapartie über 90 Minuten (die erste absolvierte er am ersten Spieltag für die Bayern gegen den HSV) zeigte auch, wo die Schwächen des Talents liegen. Als "Defensiv-Schlampe", hat der Kölner Stadt-Anzeiger Kroos bezeichnet, manchmal wirkt er antrittsschwach, und am Sonntag entschloss er sich mehrfach einen Tick zu spät für den Weg in die Defensive.

Einmal verfolgte er Mesut Özil, und als der Bremer zu enteilen drohte, versuchte Kroos ein Foul - doch selbst dafür fehlte ihm das Tempo. "In ein paar Situationen hat man gemerkt, dass er noch nicht ganz so in dem System drin ist", sagte Labbadia, aufgrund seiner offenkundigen Defizite wurde Kroos einmal gar aus der U21 in die U20 zurückversetzt. Am Sonntag attestierte Labbadia seinem Schüler aber "alles in allem ein gelungenes Debüt in der Startelf".

Der FC Bayern, der Kroos bis zum Sommer 2010 an die Werkself ausgeliehen hat, hofft, dass Kroos ausgerechnet bei einem Klub reift, der genauso ist, wie der Spieler selbst: bisweilen genial, viel zu oft aber auch etwas nachlässig und naiv. Theoretisch könnte Bayern-Manager Uli Hoeneß den Offensivspieler sogar schon in diesem Sommer zurückholen, dann müssten sie allerdings eine Aufwandsentschädigung nach Leverkusen überweisen.

Obwohl Kroos das Potential besitzt, die frappierende Münchner Schwäche bei Standardsituationen zu beheben, ist das kaum zu erwarten, denn Hoeneß will "einen fertigen Spieler" zurückbekommen. Und die Leverkusener Zeit von Toni Kroos, dessen 18-jähriger Bruder Felix bei Hansa Rostock ebenfalls gerade zum Stammspieler herangewachsen ist, hat ja erst jetzt so richtig begonnen.