Talent-Show in Norwegen Und jetzt: Weltfrieden

Doping? Nein! Fairness? Ja bitte! Bei den Olympischen Jugendspielen in Lillehammer schult der Sport sein Personal für die Show von morgen. Die eigenen Krisenherde werden dabei lieber nicht angesprochen.

Von Thomas Hahn, Lillehammer

Die Räumlichkeiten im Athletendorf zum Beispiel findet Dirk Schimmelpfennig pädagogisch wertvoll. Schimmelpfennig, 53, Vorstand Leistungssport im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), ist dieser Tage für seinen Verband als Chef de Mission bei den Olympischen Jugendspielen in Lillehammer unterwegs. Und mit Wohlwollen hat er zur Kenntnis genommen, dass die norwegischen Veranstalter ihre Gäste nicht mit übertriebenem Luxus versorgen. Sie sind im Studentenwohnheim untergebracht, die Zimmer sind klein und mit Stockbetten ausgestattet. Hier kann kein Nachwuchs-Olympionike die Idee entwickeln, er sei schon als Teenager im Himmelreich des Ringe-Kosmos angekommen. "Das ist ein angemessen demütiger Einstieg in den Olympia-Circuit", sagt Schimmelpfennig. Ihm ist das wichtig. "Damit hier niemand abhebt und etwas erlebt, das er als überzogen oder unnormal empfindet."

Ist das IOC dazu geeignet, jungen Leuten zu erklären, was richtig und nobel ist?

Die Nachwuchs-Sportler sind schließlich nicht zum Vergnügen bei den Jugendspielen, die am Freitagabend an den Lysgaards-Schanzen eröffnet wurden. Die Spiele sind für die Teilnehmer eine Art Praxistest im Rahmen ihrer Ausbildung zum olympischen Leistungsträger, "eine Zwischenstation", wie Schimmelpfennig sagt. Sie sind ja erst zwischen 15 und 18 Jahre alt, als Talente erkannt und gefördert, aber noch längst nicht zur Blüte gebracht. Sie sollen einen ersten Eindruck vom Flair der olympischen Kunstwelt bekommen, aber die Jugendspiele auch nicht gleich so toll finden, dass sie einen Erfolg dort wie die Traum-Erfüllung feiern. Sie sollen lernen, als aufrechte Vertreter der olympischen Idee zu funktionieren.

Das zehntägige Aktiv-Praktikum für die 1100 Teilnehmer aus 71 Nationen sieht deshalb nicht nur einen Wettkampfplan mit 70 Entscheidungen vor, in dessen Rahmen das Internationale Olympische Komitee (IOC) mögliche Zukunftsdisziplinen wie Querfeldein-Langlauf oder Monobob-Fahren testet. Sondern auch ein kulturelles Rahmenprogramm, bei dem die Jugendlichen lernen können, wie man sich im Umgang mit den Medien verhält. Wie man sich gesund ernährt. Wie man ein Vorbild ist. Das Konzept learn&share umfasst fünf Themen: Deine Karriere. Dein Körper und Geist. Deine Geschichte. Deine Entdeckung. Dein Handeln. Im Pressetext dazu heißt es, dass man dabei auch lernen könne, "wie man Doping und Ergebnis-Manipulation vermeidet".

Man kann das nachvollziehen, dass das IOC seit 2010 alle zwei Jahre im Wechsel von Sommer und Winter sein eigenes Nachwuchs-Fest auflegt. Es braucht Personal für die Ringe-Show von morgen, dafür muss es etwas tun, schließlich ist Olympia nur noch ein Aspekt von vielen in der globalen Erlebniswelt der Jugend von heute. "Insgesamt ist es heute sicherlich nicht einfacher, Jugendliche für den Sport zu motivieren", sagt Schimmelpfennig.

Aber gerade beim Thema Verantwortung und olympische Werte wird die Jugendspiele-Geschichte kompliziert. Denn als moralische Instanz haben die großen Sportverbände oft keine gute Figur gemacht. Korruption ist mehr denn je ein Thema. Allein die jüngsten Enthüllungen um den Leichtathletik-Weltverband, bei dem sich laut Welt-Anti-Doping-Agentur Wada überführte Doper aus ihren Sperren herauskaufen konnten, könnten ausreichen, um eine ganze Generation von Anständigen nachhaltig abzuschrecken. Und weil das IOC zur Lobby eines kommerziellen Olympismus zählt, stellt sich die Frage, ob es wirklich geeignet ist dafür, den Spitzenathleten von morgen zu erklären, was richtig und nobel ist.

Selbstkritische Rückschau gehört jedenfalls nicht zur bevorzugten Methode des IOC. Nein, sagt Angela Ruggiero, 1998 Eishockey-Olympiasiegerin für die USA, heute Chefin der IOC-Koordinierungskommission für die Lillehammer-Spiele, die jüngsten Krisenherde des Sports würden "nicht speziell angesprochen". Es gebe ja den Wada-Stand auf der Kultur-Messe in der Haakons-Halle, an dem die Jugendlichen von sich aus danach fragen könnten. Der Jugend aktiv ein Bewusstsein für die Fehler der Vergangenheit zu geben, ist also nicht vorgesehen. Der Nachwuchs soll nach vorne denken und sich mit Schlagworten wie Fairness, Ehrlichkeit, Anti-Doping gegen falsche Einflüsse impfen lassen. "Wir versuchen das Problem zu bekämpfen, bevor es passiert", sagt Ruggiero entschlossen, "wir wollen die Jugendlichen mit Wissen bewaffnen."

Guter Tipp für den Nachwuchs: "Schütze den Winter, lass das Auto stehen, nimm das Rad."

Das findet auch Dirk Schimmelpfennig "ganz wichtig" und "notwendiger denn je". Mit jeder neuen Affäre wird das Vertrauen des Publikums in den Spitzensport dünner. Sein Wert als Werbe-Bühne ist bedroht. Die Athleten von morgen müssen eine Wende schaffen mit dieser Moral, die das IOC ihnen jetzt demonstrativ vorführt. Dafür wiederum müssen sie selbst dran glauben, dass die belasteten Verbände aus jener Vergangenheit lernen, über die das IOC so ungern spricht. "Ich glaube, dass es unsere Aufgabe ist, den Athleten zu erklären, dass viele Menschen sich darum bemühen, diese Missstände des Leistungssports zu beseitigen", sagt Schimmelpfennig, "man muss ihnen eine positive Entwicklung aufzeigen, ein Signal." Olympische Erziehung ist in gewisser Weise auch ein Image-Programm.

Pressekonferenz in der Haakons-Halle. IOC-Präsident Thomas Bach gibt ein ausführliches Auftakt-Statement, in dem er erklärt, welchen Beitrag die Jugendspiele zum Weltfrieden leisten. Er spricht von der integrativen Kraft des Sports. Er sagt: "Die Flüchtlingskrise wird nicht von unserer Generation gelöst werden." Auf der anschließenden Runde durch die Stände der Kulturmesse ist man dann von weiteren klugen Sprüchen umgeben. "Jeder Athlet hat das Recht auf einen sauberen Sport." - "Schütze den Winter, lass das Auto stehen und nimm das Rad." Und tatsächlich wirken die Jugendspiele von Lillehammer auf einmal wie die Werkstatt einer besseren Welt, in der man leicht vergessen kann, welches Unrecht auch schon entstanden ist im Namen der mächtigen olympischen Leistungssport-Industrie.