SSC Neapel Tikitaka alla vesuviana

„Als die loslegten und zeigten, was die können, blieb mir der Mund offen stehen.“ – Manchester Citys Trainer Pep Guardiola staunte zwar, musste sich am Ende aber nicht ärgern.

(Foto: Andrew Boyers/Reuters)

Trainer Maurizio Sarri hat eine Mannschaft herangezogen, deren Spieler sich blind verstehen - doch auf europäischer Bühne wird ihr das Schönspielen zum Verhängnis.

Von Birgit Schönau, Neapel

"Wow", sagt der Pep. Und wenn der Pep "wow" sagt, dann meint er: Donnerwetter. "Als die loslegten und zeigten, was die können, blieb mir der Mund offen stehen." Ungefähr eine halbe Stunde dauerte das, da entfaltete Napoli sein Tikitaka alla vesuviana, derart feurig, rasant, spektakulär, dass Guardiolas Manchester City sich vergebens vor dieser Eruption vulkanischer Spielfreude in Deckung zu bringen suchte. "Ein unglaublich perfektes Kurzpass-Spiel", staunte Pep. Tatsächlich erreichte der neapolitanische Lavafluss sein Ziel: Lorenzo Insigne spielte knapp vor dem Strafraum Dries Mertens an, der beförderte den Ball mit der Hacke an den Absender zurück und Insigne schob ihn ins entfernte rechte Eck zum 1:0 (21.).

Es war eine jener Kombinationen, wie man sie aus Pep Guardiolas Barcelona kannte, derart leichtfüßig, dass sie fast schwerelos daherkommen, so folgerichtig, dass sie selbstverständlich wirken. Mertens, der 30-jährige, nur 169 Zentimeter große Belgier und Insigne, der 26-jährige, gerade 163 Zentimeter große Neapolitaner sind das neue Traumpaar des italienischen Calcio. Spieltag für Spieltag zeigen sie derart hinreißenden Fußball, dass halb Italien der Mund offen steht. Souverän führt Napoli die Tabelle an - sicher hat auch die Krise des Dauermeisters Juventus den Höhenflug befördert, mehr noch aber die konstante Arbeit von Trainer Maurizio Sarri, der in seinem dritten Jahr in der süditalienischen Metropole eine Mannschaft herangezogen hat, deren Spieler sich blind verstehen.

"Einer der besten Kollegen, die ich in meiner Karriere getroffen hat", schwärmte Guardiola nach dem Spiel und gestand gleich noch: "Wir haben wirklich Angst gehabt." Der Pep verteilte diese Komplimente indes in der großzügigsten Siegerlaune, nachdem er dem verehrten Sarri so viele Tore verpasst hatte wie noch niemand zuvor. Manchester City gewann 4:2 und verbuchte so den vierten Sieg in Serie. Und Neapel hinterließ, wie es der italienische Volksmund ebenso sarkastisch wie treffend in solchen Fällen formuliert, einen fantastischen Eindruck und drei Punkte.

City war nicht hier, um zu staunen. Sondern, um mindestens mit gleicher Münze zurückzuzahlen

Bereits in der 34. Minute hatte Nicolas Otamendi per Kopf den Ausgleich hergestellt, und nach der Pause machte City gegen die nun sichtlich verstörten Neapolitaner unbarmherzig weiter. 2:1, diesmal durch Kopfball von John Stones (48.), zertifiziert durch die Torlinientechnik, nachdem der Ball von der Latte ins Netz getropft war. Die Gastgeber bäumten sich noch einmal auf und schafften das 2:2 mit einem Strafstoß von Jorginho. Da war noch eine halbe Stunde zu spielen und Manchester City nutzte diese Zeit sehr effizient. Immer kurzatmiger erschienen nun die Schönspieler von Napoli, immer selbstbewusster die kernigen Briten. Sicher, Lorenzo der Prächtige erfand weiter unglaubliche Wow-Bälle und Mertens der Flame perfekte Kurzpässe. Einen erwischte José Callejon, beförderte ihn jedoch übers Tor. Allesamt Spielzüge zum Einrahmen, aufregend ästhetisch, verschwenderisch schön. City aber war nicht hier, um zu staunen. Sondern, um mindestens mit gleicher Münze zurück zu zahlen.

Ein Konter von Leroy Sané musste das neapolitanische Publikum sehr an den unvergessenen Diego Maradona erinnern. Wie der 21-jährige frühere Schalker den Ball am Mittelkreis holte und blitzschnell nach vorn rannte. Kurz vor der Strafraumlinie wurde er gestoppt, aber da stand schon Sergio Agüero, der Vater von Maradonas Enkelsohn. Und der holte mit dem linken Fuß aus zu einem kraftvoll geschossenen 3:2. In der Nachspielzeit besiegelte Raheem Sterling dann den Epilog. "Ein ungerechtes Ergebnis", fand Insigne, und was ihn persönlich betraf, stimmte das sogar. Insgesamt aber spiegelte das Resultat die realen Kräfteverhältnisse. Guardiolas City mochte technisch nicht überlegen sein, bewies aber mehr Kondition und Flexibilität. Sarri hat keine Reservisten zur Verfügung, die seine brillanten Stammspieler adäquat ersetzen könnten. Das führt dazu, dass der SSC Neapel quasi ohne Rotation laufen muss, "und das gegen Mannschaften, die regelmäßig 24 Stunden länger pausieren dürfen als wir", wie Sarri klagt.

Die Müdigkeit kann indes nicht der Grund dafür sein, dass die Neapolitaner bereits die dritte Niederlage in ihrer Gruppe kassierten und die Achtelfinal-Teilnahme in weite Ferne gerückt ist. Sarri ist allzu verliebt in sein schönes Spiel, er vernachlässigt die Arbeit an der Defensive, weil er in seiner Hybris glaubt, die europäische Konkurrenz genauso schwindlig spielen zu können wie die Rivalen in der Serie A. Das kann, wie gegen Manchester City, bestenfalls mal eine halbe Stunde richtig fantastisch aussehen. Dann aber bräuchte man gegen derart starke Gegner die guten alten italienischen Sekundärtugenden. Damit der große Kollege Pep Guardiola nicht nur "Wow" sagt, sondern sich richtig ärgert.