Eine lesenswerte Doppelbiographie stellt den Fußballer und KZ-Aufseher Otto "Tull" Harder dem Boxer und KZ-Häftling Johann Trollmann gegenüber.
Otto Harder, Tull genannt, entdeckt zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Fußball für sich. Er stammt aus etwas besserem Hause, in dem der neumodische Fußball abgelehnt wird, und deshalb wird er vom Vater geschlagen, wann immer dieser entdeckt, dass der Sohn gespielt hat.
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Otto "Tull" Harder: Fußballer, Nazi, KZ-Aufseher. (© Foto: dpa)
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Johann Trollmann, Rukeli genannt, entdeckt in den zwanziger Jahren des 20.Jahrhunderts das Boxen für sich, und er entwickelt einen eigenen Stil; viele Zuschauer sehen eher einen Tänzer als einen Schläger vor sich.
Was Roger Repplinger in seiner Doppelbiographie "Leg dich, Zigeuner" wirklich brillant bewerkstelligt, ist, wie er diese beiden Biographien durch die Zeit und aufeinander zu bewegt. Harder nimmt am Ersten Weltkrieg teil, er gewinnt mit dem Hamburger SV die deutsche Fußball-Meisterschaft 1923 und 1928, er trinkt, er säuft, er ignoriert seine Magengeschwüre, er ist nicht ganz dumm und nicht ganz schlau und wird zum Nazi und KZ-Aufseher. Trollmann ist jünger, er wird in Hannover allmählich zu einem Boxer, den man bewundert oder verachtet, je nachdem.
Ein großes Problem in der Darstellung
Die Frauen bewundern ihn, schreibt Repplinger, und die aufgeschlossenen Männer. Die ihn verachten, sind die, die Boxen als "deutschen Faustkampf" sehen wollen. Wie Repplinger diesen Stil beschreibt, das ist dokumentarisches Erzählen erster Güte: Wie er das Leichte Trollmanns, der Sinto war, gegen all das Schwere setzt, das als deutsch galt, das ist exzellent beschrieben, hier ist die Dokumentation so stark und packend, dass man sich als Leser fragt, warum sich zuvor im Buch so ein großes Problem eröffnen musste.
Dieses Problem ist: Kann man ganz genau wissen, was Otto Harder gedacht hat, als sein Vater ihn schlug? Kann man ganz genau wissen, was Johann Trollmann gedacht hat, als er an einem Regentag zu Hause saß? Natürlich kann man es nicht wissen, aber in Repplingers Buch steht es zu lesen. Harder "stellt sich vor, dass ein anderer geschlagen wird, nicht er. Er sieht zu, wie ein anderer geschlagen wird ... Er stellt sich vor, dass ein anderer die Schmerzen aushalten muss. Das hilft. Die Zähne zusammenbeißen hilft auch." Trollmann "könnte Steine übers Wasser titschen lassen. Man muss die Hand in einer bestimmten Weise halten ... Alleine macht das keinen Spaß. Nein, heute geht er nicht an die Leine. Er bleibt hier. Es ist schöner, dem Regenwasser auf der Straße zuzugucken."
Der Biograph schwingt sich zum Autor der Figuren auf
Repplinger erklärt sich in einem Nachwort: "Die Gedanken von Rukeli Trollmann und Tull Harder kenne auch ich nicht und weiß nicht, was sie gefühlt und gesagt haben. Der Leser muss sich an diesen Stellen darauf verlassen, dass der Autor seine Figuren versteht, sicher kann man sich da nicht sein." Das ist ein mindestens erstaunlicher Ansatz, denn Harder und Trollmann sind eben nicht "Figuren" des Autors, sie sind Personen, die gelebt haben.
Vor allem anderen muss jeder Leser dieses Buchs die Frage mit sich verhandeln, ob er dem Autor dabei trauen will, wie er die Gedanken der Protagonisten nachempfindet oder, ehrlich gesagt: erfindet. Ganz viel in diesem Buch ist exzellent recherchiert und fesselnd aufgeschrieben, aber in diesem Punkt hat sich der Rechercheur und Biograph zum Autor der Figuren aufgeschwungen, die nicht seine sind, er ist ein auktorialer, ein allwissender Erzähler geworden.
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