Sommermärchen-Affäre Zwanzigers Handschrift

Weist die Vorwürfe zurück: Theo Zwanziger.

(Foto: dpa)

Der ehemalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes geriert sich gerne als Aufklärer. Ein Vermerk lässt ihn nun in einem ganz anderen Licht erscheinen.

Von Klaus Ott, Hans Leyendecker und Georg Mascolo

Für einen Fernsehkrimi, einen Tatort etwa, taugt die Affäre um das Sommermärchen 2006 kaum. Viele Darsteller, unübersichtliche Handlung, da könnten die Zuschauer leicht den Überblick verlieren. Das gilt erst recht für die Frage: Wer ist Held und wer ist Schurke?

Bei den internen Ermittlungen im Deutschen Fußball-Bund (DFB), mit denen die heutige Verbandsspitze die Affäre um die WM 2006 entschlüsseln will, rückt auch ein vertrautes Gesicht in den Mittelpunkt. Theo Zwanziger, 70, früher DFB-Präsident, der sich zwischenzeitlich als Aufklärer gerierte. Zwanziger sei schwer belastet, heißt es aus Verbandskreisen und bei Insidern, die wissen, was so alles gefunden wurde. Unter anderem ein Vermerk mit Zwanzigers Handschrift, der dokumentiert, wie genau im WM- Organisationskomitee (OK) ein Zahlungsvorgang manipuliert worden sein soll - bis exakt jene 6,7 Millionen Euro herauskamen, die als Kulturzuschuss für die WM getarnt wurden und die im Frühling 2005 über den Weltverband Fifa an den früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus flossen. Als Ausgleich für ein Jahre zuvor heimlich von Louis-Dreyfus gewährtes Darlehen, das wohl dubiosen Fifa-Zwecken diente.

Nach Recherchen von SZ, NDR und WDR spielt der Vermerk vom 18. April 2005 mit Zwanzigers Handschrift mittlerweile eine zentrale Rolle bei der Aufklärung der Millionen-Schieberei. Zwanziger gehörte damals dem Präsidium des WM-OK an. Das hatte seinerzeit dem eigenen Aufsichtsrat mitgeteilt, man wolle eine Fifa-Gala zum WM-Auftakt mit sieben Millionen Euro unterstützen. Anschließend wurden aber im OK 300 000 Euro herausgerechnet, die für die eigene Personalkosten einzubehalten seien. So kam genau jener Betrag zustande, den man Dreyfus schuldete und für den man eine "Buchungsstelle" brauchte.

So hat es der frühere DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt den Freshfields-Ermittlern erklärt, als die ihm den Vermerk vorlegten. Schmidt war ebenso wie Zwanziger Vizepräsident des OK. Waren die Personalkosten also nur ein Rechentrick? Diese Vermutung liegt nahe. Als die Schieberei vom April 2005 vor wenigen Monaten aufflog, sagte der frühere Innenminister und WM-Aufsichtsrat Otto Schily einen bemerkenswerten Satz: Wenn dem Kontrollgremium 6,7 Millionen Euro als Kulturzuschuss genannt worden wären, "hätte es vermutlich Nachfragen gegeben", wie dieser Betrag zustande komme. Die runden sieben Millionen erschienen allen Beteiligten schlüssig.

In DFB-Kreisen heißt es, Zwanziger habe mit dem Vermerk den Weg gewiesen, den Betrag "passend zu machen". Zwanziger widerspricht. Das sei "dummes Zeug" und "Geschwätz von DFB-Leuten". Der frühere Verbandschef verweist auf den früheren Generalsekretär Schmidt: "Diese Vorlage kam von Herrn Schmidt." Anfang 2005 war Zwanziger mit Schmidt zu Louis-Dreyfuß ins Tessin gereist, um zu eruieren, ob der bereit sei, das Darlehen zu erlassen. Was die konkrete Zahlung angeht, gibt Zwanziger indes an, er habe erst nach der Überweisung der 6,7 Millionen von deren eigentlichem Zweck erfahren, nämlich der Rückzahlung des Dreyfus-Darlehens. Er habe dieses Vorgehen dann akzeptiert, weil ihm im OK erklärt worden sei, das Darlehen habe für eine normale Provisions-Zahlung an die Fifa gedient. Erst Jahre später sei ihm aufgrund anderer Erkenntnisse der Verdacht einer schwarzen Kasse für einen Stimmenkauf bei der Vergabe der WM 2006 nach Deutschland gekommen. Der Vermerk legt nun nahe, dass Zwanziger stärker involviert war. Zwanziger widerspricht: Der Vermerk, sagt er, "beweist meine Version".