Skispringer Noriaki Kasai Der alte Hüpfer

Und dieser Mann soll 43 Jahre alt sein? Noriaki Kasai jubelt über seinen dritten Platz beim Weltcup in Wisla, Polen, Anfang März.

(Foto: Alik Keplicz/AP)

43 Jahre und kein bisschen müde: Der Japaner absolviert am Sonntag in Titisee seinen 500. Weltcup - und hält in der ersten Liga mit. Warum bei ihm die Gesetze des Alterungsprozesses nicht greifen.

Von Thomas Hahn

Noriaki Kasai hat ein bisschen mit sich gehadert am Samstag in Titisee-Neustadt. Im zweiten Durchgang des Weltcup-Skispringens auf der Hochfirstschanze bekam er den Rückenwind nicht in den Griff und landete für seinen Geschmack zu früh. Zwölfter ist Kasai in der Endabrechnung geworden, was natürlich unerhört ist für einen Mann, der in dieser Saison schon fünfmal auf dem Podest stand und derzeit mit Abstand der beste japanische Skispringer ist.

Ein Reinfall. Ein bitterer Rückschlag. Oder? Alles Quatsch.

Auch dieser zwölfte Platz ist wieder das Symptom einer kleinen Sport-Sensation, die der Japaner Kasai spätestens seit seiner Auferstehung als Spitzenspringer in der Saison 2013/14 Wettkampf um Wettkampf fortschreibt. 43 Jahre ist Noriaki Kasai mittlerweile alt, geboren am 6. Juni 1972. Wenn er an diesem Sonntag in Titisee-Neustadt das nächste Springen des Weltcup-Wochenendes bestreitet, wird das sein 500. Einsatz in der höchsten Leistungsklasse seines Sports sein. Und dieses Jubiläum hat er nicht mit Hängen und Würgen erreicht, als abgeschlagener Oldie, der es einfach nicht lassen kann. Sondern als einer aus dem oberen Drittel der ersten Liga.

Der Tagessieger von Titisee könnte sein Sohn sein

Wer sich im Geschäft der Weitenjagd zuverlässig unter den ersten 30 platziert und damit Weltcup-Punkte sammelt, hat in jedem Alter viel geschafft. Wer selbst bei widrigen Bedingungen wie selbstverständlich niedrige zweistellige Resultate einfährt, ist ein echter Könner. Und erst recht erschließt sich die Dimension der Kasai-Leistung, wenn man sich die Altersstruktur der anderen anschaut. Der Samstagssieger von Titisee-Neustadt, Johann André Forfang aus Norwegen, könnte Kasais Sohn sein, er ist 20. Der Slowene Peter Prevc, der überragende Springer dieser Saison, am Samstag Zweiter, ist 24. Und dessen Bruder Domen, am Hochfirst als Vierter sehr gut platziert, ist sogar erst 16. Kasai hält in einem Sport mit, der normalerweise ein Spielfeld für junge bis sehr junge Männer ist.

Kasai wäre im Grunde ein Fall für eine tiefergehende sportwissenschaftliche Untersuchung. Bei ihm scheinen die Gesetze des Alterungsprozesses nicht zu greifen. Skispringen ist auch eine Schnellkraftübung, gerade die Spritzigkeit kann man aber normalerweise nicht über die Jahre retten. Wer selbst Mitte 40 ist, weiß, wie zwangsläufig und unaufhaltsam man immer langsamer und langsamer wird.

Kasai hat den Wandel überstanden - aber wie?

Und noch erstaunlicher wird Kasais Karriere, wenn man bedenkt, wie anders das Skispringen noch war, als Kasai in den Weltcup Einstieg. Bei seinem ersten Weltcupsieg in Harrachov im März 1993 schwebten die Athleten noch als Leichtgewichte in weiten Anzügen zu Tale. Die athletischen Anforderungen waren ganz andere als heutzutage, da die Anzuggröße streng vorgeschrieben ist und es Regeln gibt, die zu wenig Körpergewicht mit dem Abzug von Skilänge bestrafen. Aber Kasai hat den Wandel überstanden. Wie hat er das gemacht?

Kasai spricht nicht gut genug Englisch, um diese Frage für sein internationales Publikum umfassend beantworten zu können. Interviews mit ihm und Dolmetscher sind immer nett, aber auch etwas dünn. Er verweist auf seine Erfahrung und sagt, dass er sich immer noch jung fühle. Aber wahr ist wohl, dass hinter der erstaunlichen Laufbahn des alten Kasai mehr steckt als nur seine Beharrlichkeit und seine exzellente Sprungtechnik. Die Gründe dafür kann man auch aus der japanischen Mentalitätsgeschichte herleiten und aus einem Sportsystem, das in gewisser Weise Sportprofis auf Lebenszeit hervorbringt. Skispringer sind in Japan Angestellte von Firmenteams und leben von ihrer Arbeit ganz gut. Kasai ist eine Art Springertrainer bei Tsuchiya Home, der Ski-Mannschaft eines Wohnungsbauunternehmens in Sapporo. Weiterzumachen war für ihn immer die lukrativste Alternative.

Gleichzeitig pflegt Japans Gesellschaft einen hohen Respekt vor dem Alter. Nachwuchsarbeit wiederum ist nicht die größte Stärke des japanischen Sports. So konnte es dazu kommen, dass Noriaki Kasai nach seinem Weltcupsieg Ende Februar 2004 in Park City/USA in eine sehr lange Phase der Mittelmäßigkeit stürzen konnte, ohne aus dem Nationalteam gespült zu werden. Die Phase dauerte fast ein Jahrzehnt. In anderen Ländern hätten ihn die Jungen verdrängt. Aber im japanischen Skiteam gab es keine Jungen, die besser waren als Kasai. Und in der Saison 2013/14 war der Alte dann auf einmal wieder ganz oben: Sieg im Januar 2014 am Kulm bei Bad Mitterndorf, wenig später Silber-Gewinn bei Olympia in Sotschi. Kaum zu glauben.

Als Japaner verspürt er Verpflichtung gegenüber seinem Arbeitgeber

In japanischen Medien wird Kasai natürlich ausführlicher zitiert. Denen hat er mal gesagt, dass er auch deshalb nicht aufgehört habe, weil er eine Verpflichtung gespürt habe gegenüber seinem Arbeitgeber, der nämlich trotz wirtschaftlicher Krise das Skispringen immer gefördert habe. Und er hat während seiner ersten richtig guten Ü40-Saison 2013/14 mal erklärt, was für ihn besonders wichtig war auf seinem Weg zurück an die Spitze: nämlich abzunehmen. Bei den damals erfolgreichen Kollegen Kamil Stoch aus Polen und Gregor Schlierenzauer aus Österreich sah er, dass es für sie besser war, weniger Körpergewicht, dafür kürzere Ski zu tragen. "Sowohl bei Schlierenzauer als auch bei Stoch sind die Ski extrem kurz. Aber sie haben gewonnen. Deswegen dachte ich, wenn man das Gewicht leichter macht und die Ski kürzer, kommt man in der Luft weiter vorwärts", sagte Kasai. Die Entscheidung hat sich bezahlt gemacht.

Und jetzt zeigt Noriaki Kasai, dass man auch mit Mitte 40 noch was schaffen kann im Sport, wenn man nur gut genug auf seine Linie achtet.