1860 schlägt Düsseldorf 3:2 Münchner Therapiesitzung

"Endlich beenden wir mal einen verrückten Nachmittag mit einem Grinsen": Der Jubel fällt beim TSV 1860 ausgelassen aus.

(Foto: Marc Müller/dpa)

Einen in den Schlussminuten so abgezockten TSV 1860 haben die Fans zuletzt in der Relegation gegen Kiel erlebt: Die Löwen gewinnen ein rauschhaftes Fußballspiel und stehen auf dem Relegationsplatz.

Von Philipp Schneider, München

Nach diesem rauschhaften Fußballspiel, das Episoden für mindestens drei Erzählungen geboten hatte, stand Kai Bülow mit leicht zerzaustem Haar im Bauch der Fröttmaninger Arena, als ihn die Vergangenheit mal wieder einholte. Bülows Geschichte ist viel zu gut, um verschwiegen zu werden. Jene Geschichte, die davon handelt, dass es ausgerechnet der Relegationsheld Bülow gewesen war, der den TSV 1860 München soeben mit seinem wichtigen Tor auf den Weg zum Relegationsplatz gebracht hatte. Auf den Weg auf jenen Rang also, auf dem 1860 die vergangene Saison beendet hatte und auf den es nun, fast neun Monate später, nach dem 3:2 (1:0) gegen Fortuna Düsseldorf wieder zurückgekehrt ist.

"Endlich beenden wir mal einen verrückten Nachmittag mit einem Grinsen und nicht mit traurigen Gesichtern in der Kabine", sagte Bülow. Er grinste nicht. Die Münchner hatten erstmals seit drei Monaten wieder gewonnen, sie hatten den SC Paderborn dank eines besseren Torverhältnisses überholt, und sie hatten den Rückstand auf den rettenden 15. Tabellenplatz (wo weiterhin die Fortuna zu finden ist) nicht auf zwölf Punkte anwachsen lassen, sondern auf sechs verkürzt.

Die Löwen wussten nicht, wie sie jubeln sollten: Es war so lange her!

"Das nimmt etwas Druck aus der Sache, obwohl natürlich noch viel zu machen ist", sagte Trainer Benno Möhlmann, brachte die Thematik in bewährt trockener Manier auf den Punkt. Und Mittelfeldspieler Michael Liendl merkte an, er und seine Mannschaftskollegen hätten "gar nicht mehr gewusst, wie wir jubeln sollen. Weil es schon so lang her ist".

Dabei hatte Liendl ja selbst eine erzählenswerte Episode beigetragen zu der Geschichte; war es doch der bei der Fortuna in der Vorsaison aussortierte Mittelfeldstratege gewesen, der nach einem 2:0 durch Sascha Mölders (47.), dem 2:1 von Lukas Schmitz (66.) und dem zwischenzeitlichen Ausgleich von Ihlas Bebou (77.) den entscheidenden Foulelfmeter an seinem ehemaligen Klubkameraden Michael Rensing vorbei ins Netz getreten hatte (80.).

Möhlmanns mutiger Plan

Aus Sicht des TSV 1860 war dieses Spiel am Ende keine gewöhnliche Zweitliga-Partie. Dieses Spiel entsprach einer Therapiesitzung. Kaum auszudenken, was losgewesen wäre rund um Wirtin Christls Löwenstüberl, hätte Sechzig in der sportlich angespannten Lage seine zwischenzeitliche Zwei-Tore-Führung nicht in drei Punkte zu wandeln vermocht. Aber so?

So ließ sich behaupten, dass von Anbeginn alles nach Plan lief, einem taktisch mutigen. Möhlmann machte aus der personellen Not eine Tugend und beorderte Liendl für den am Knöchel verletzten Daniel Adlung auf den Flügel. Und zum ersten Mal seit dem 0:1 gegen den 1. FC Nürnberg nach der Winterpause ließ er Sascha Mölders und Rubin Okotie wieder gemeinsam stürmen. Die richtige Entscheidung. "Wir müssen eine Mischung aus guter Defensive und ordentlichem Fußball nach vorne finden", sagte der Trainer anschließend: "Und im Moment haben wir sie gefunden. Wenn auch nicht über 90 Minuten."

Mölders rennt wie ein 22-Jähriger

Die Fortuna, deren Trainer Marco Kurz vor dem Spiel eine Art Offensivspektakel angekündigt hatte, ließ sich in der Vorwärtsbewegung immer wieder überrumpeln und zu einer erstaunlichen Reihe an Fehlpässen verleiten. Und so kam 1860 immer wieder zu Chancen. Levent Aycicek, der an nahezu jeder Offensivaktion beteiligt war, probierte es aus der Distanz (8.). Und nach einer Viertelstunde fand eine seiner präzisen Flanken Okotie, dem der Ball sechs Meter vor dem Tor lediglich die Frisur zerzauste (27.). Kurz darauf schraubte sich Bülow nach einem Eckball von Liendl in die Luft und besorgte die Führung (29.). "Deshalb bin ich bei Standards ja mit vorne drin", befand er trocken.

Die Partie war gerade erst wieder angepfiffen, als der bis dahin offensiv unauffällige (und defensiv unsichere) Linksverteidiger Maximilian Wittek einen erstaunlichen Pass aus der eigenen Hälfte in die Spitze schickte. Mölders rannte los als sei er 22, ließ sich auch von den Verteidigern nicht weiter beirren, die links und rechts an ihm klebten wir Fliegen an den Wangen einer Almkuh, dann schob er ein mit der Ruhe und Umsicht eines 30-Jährigen.

1860 verspielt schon wieder eine Führung - und schlägt nochmals zu

Die Fortuna hatte zwar im Spielzentrum keine Ideen, dafür aber im Bereich rund um die Eckfahne: Flach und scharf zog Demirbay einen Standard in den Strafraum, Haggui ließ den Ball passieren, Lukas Schmitz schlenzte ins Netz (66.). Eine kleine Führung hatten die Münchner schon zuletzt beim 1:1 gegen Bochum verspielt, nun gaben sie eine noch größere aus der Hand: Der eingewechselte Ihlas Bebou traf nach simplem Doppelpass zwischen Sararer und Joel Pohjanpalo zum Ausgleich. "Da waren wir natürlich sauer, weil das so nicht passieren darf", referierte Bülow unwidersprochen.

Aber dieser 23. Spieltag sollte nicht so traurig enden für den TSV 1860 München wie die 20 sieglosen in dieser Saison. Also wurde kurz darauf Mölders vom überaus emsigen Pohjanpalo gefoult. Und Liendl verwandelte vom Elfmeterpunkt. Einen in den Schlussminuten so abgezockten TSV 1860 hatten die Fans zuletzt in der Relegation gegen Kiel erlebt. "Es wurde auch Zeit", sagte Möhlmann. "Wir haben ja längst eine Situation, die immer schwieriger wird, wenn wir nicht punkten."