Paralympische Rad-WM Vergoldete Touristin

Christiane Reppe auf ihren Handbike bei den Paralympics in Rio 2016.

(Foto: dpa)

Zunächst sah es so aus, als dürfte Handbikerin Christiane Reppe wegen eines Meldefehlers nicht an den Paracycling-Weltmeisterschaften teilnehmen. Am Ende verließ sie Südafrika doppelt gekrönt.

Von Christopher Gerards, Pietermaritzburg/München

Wer verstehen will, was die Handbikerin Christiane Reppe in den vergangenen Tagen erlebt hat, muss sich nur zwei Fotos anschauen. Das eine ist auf ihrem Facebook-Kanal erschienen, vor gut eineinhalb Wochen. Reppe verzieht darauf den Mund, zieht die Augenbrauen zusammen und hält zwei Zettel in die Luft, die Dopingkontrolle für die Paracycling-WM. Über das Foto hat sie geschrieben: "Irgendwie bin auch ich manchmal sprachlos... Da lässt die UCI mich nicht starten bei der Paracycling Weltmeisterschaft und schickt mir dann aber trotzdem die Dopingkontrolle vorbei!"

Das andere Foto erschien nicht auf ihrem Facebook-Kanal, sondern in ziemlich vielen deutschen Medien. Es ist das Foto einer Frau, die die Arme hochreißt und lächelt, mit einer Goldmedaille um den Hals. Es ist ebenfalls ein Foto von Christiane Reppe, aber es erzählt eine andere Geschichte als das erste. Diese Geschichte, sie handelt von einer Frau, die als Touristin zur WM fuhr und sie als Doppelweltmeisterin verließ.

13 Medaillen haben die deutschen Behindertensportler in Südafrika vor dem Abschluss der WM am Sonntag gewonnen, in Straßenrennen und Zeitfahren, im Handbike und auf dem Rennrad, und unter all diesen Titeln ragen jene der Handbikerin Christiane Reppe, 30, aus Dresden heraus. Bis Montag war sie die Paralympics-Siegerin und doppelte Weltmeisterin, die nicht bei der WM antreten konnte, weil ihr Verband sie nicht rechtzeitig gemeldet hatte. Die nur nach Südafrika reiste, um ihr Team zu unterstützen, um den Social-Media-Kanal zu bespielen. Und dann: Durfte sie doch starten und gewann zwei Goldmedaillen, letztere an diesem Samstag.

Reppe weiß nicht genau, warum sie doch starten durfte

Das kam so: Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) hatte ihren Namen nicht auf die Meldeliste des Weltverbandes UCI geschrieben, ein Fehler in der Verwaltung. Der Verband räumte das selbst ein und versuchte, Reppe noch nachzumelden - zunächst vergeblich. Reppe, der als Fünfjähriger wegen eines bösartigen Tumors das rechte Bein amputiert worden war, fürchtete sich schon vor den Folgen. Davor, dass ihr nun, da sie keinen Titel würde gewinnen können, Fördergelder wegbrechen würden; dass sie Prämien verlieren würde; dass Sponsoren absprängen. "Im schlimmsten Fall gehen mir viele Tausend Euro flöten", sagte Reppe vor eineinhalb Wochen der SZ und fügte an: "Ich bin so gut drauf gewesen, im besten Fall hätte ich zwei Goldmedaillen gewonnen."

Und letztlich kam es genau so.

Reppe weiß nicht genau, was die UCI dazu bewegt hat, sie doch bei der WM starten zu lassen. Offenbar, so hat sie erfahren, lag es daran, dass nicht sie den Fehler begangen habe, sondern der Verband. Vielleicht lag es an den Anstrengungen des Bundes Deutscher Radfahrer und des DBS; vielleicht lag es auch am öffentlichen Druck, zahlreiche Medien hatten über ihren Fall berichtet. Die UCI begründete ihre Entscheidung nicht.

Am Montag saß Reppe jedenfalls mit ihren Team-Kollegen im Auto, auf dem Weg von Johannesburg nach Pietermaritzburg, als sie der Anruf des DBS erreichte: Sie dürfe doch starten, teilte man ihr mit. "Ich wusste nicht, was ich sagen soll", erzählte Reppe der SZ nach ihrem zweiten Titelgewinn. Denn sie war derart desillusioniert gewesen, dass sie ihr Handbike gar nicht erst mit nach Südafrika genommen hatte. Um abzuschließen, um nicht mehr weiter hoffen zu müssen.

Der Vater bringt das Handbike nach Südafrika

Es war dann so, dass Reppe ihren Vater Hans-Jürgen Reppe anrief. Sie hatte ihm mitteilen wollen, dass ein Logistik-Unternehmen vorbeikommen werde, um ihr Handbike abzuholen. Da sagte ihr Vater: "Ach, weißte was: Hast du was dagegen, wenn ich runterkomme? Dann bringe ich das Bike nach Südafrika." Die Tochter erläuterte ihm am Telefon, wie er das Rad auseinanderbauen, welche Dinge er noch einpacken müsse. "Er hat den Anruf um 14 Uhr bekommen und saß dann um 18.40 Uhr im Flieger von Dresden nach Frankfurt. Und dann ist er weitergeflogen." Der DBS half mit, beschaffte ihm einen Mietwagen, und rechtzeitig zum Rennen am Donnerstag hatte Reppe ihr Handbike.

Was dann geschah, war nicht wirklich überraschend, Reppe gewann das Einzelzeitfahren am Donnerstag wie das Straßenrennen am Samstag. In ihrer Startklasse H4 trat sie nur gegen zwei Gegnerinnen an, gegen die Russin Swetlana Moschkowitsch und die Schweizerin Sandra Graf. "Es war ein ziemlich hartes Rennen", sagte Reppe nach dem Straßenrennen, das sie mit knappem Vorsprung gewann. Schwierige Anstiege seien dabei gewesen, und "weil ich mehr wiege als die anderen, musste ich härter drücken". Aber den Zielsprint habe sie "gut durchziehen" können. Beschweren wollte sie sich ohnehin nicht: "Jetzt habe ich zweimal Gold gewonnen, unglaublich. Darauf werde ich nach dem Trubel der vergangenen Tage anstoßen."