Olympische Spiele "Die Kernfrage ist: Traust du den Leuten?"

SZ: In der Dopingbekämpfung haben Sie viel bewegt. 2002 wurden neue Epo-Tests dem Deutschen Mühlegg und zwei Russinnen zum Verhängnis. 2004 in Athen brachten Sie die Volkshelden Kenteris und Thanou mit Zielkontrollen zur Strecke. 2006 in Turin ließen Sie die Polizei ins Olympiadorf, die Razzia brachte Österreichs Wintersport ins Wanken. In Peking aber wurden angeblich nicht mal alle Testverfahren angewendet. Das Labor war mäßig bestückt, der Laborchef klagte über gebrauchte Geräte. Und die Beobachter der Wada durften gar nicht ins Labor - sind das keine Rückschritte?

Rogge: Die Labors und Geräte sind heute nicht mehr unter IOC-Aufsicht, die werden von der Wada akkreditiert. Also sind wir nicht zu beschuldigen. Und von einem Laborchef werden Sie wohl immer die Klage hören: Oh, die Spiele kommen, ich brauche neue Maschinen.

SZ: Es ist jedoch auf einige Faktoren wie Insulin nicht getestet worden.

Rogge: Aber generell bin ich wirklich irritiert von der Legende, die in Ihrem Land umgeht über all das, was nicht getestet wurde. Nehmen Sie SARMs (fördert den Muskelaufbau ohne anabole Nebeneffekte, d. Red.). Kürzlich fragt mich ein deutscher Fernsehreporter: Warum haben Sie nicht auf SARMs getestet? Ich sage, weil es keinen Test gibt. Frage: Warum haben Sie nicht auf Designerdrogen getestet? Antwort: Weil es keinen Test gibt. Ich mailte Dr. Schänzer (Chef des Kölner Antidoping-Labors, d. Red.) an, er antwortete: Diese Legende hat bei der Deutschland-Radtour begonnen. Die Organisatoren hätten gesagt, es würde alles getestet, null Toleranz, nichts wird passieren. Das war irreführend. Sie wollten ehrlich sein, das bezweifle ich nicht, aber es gab falsche Informationen. Man könne SARMs und Designerdrogen testen - beides ist nicht wahr. Es lässt sich bezüglich Designerdrogen nur etwas Verräterisches im Blut bestimmen, wir wissen aber nicht, was es ist. Wir kennen diese Methode, aber sie ist nicht zugelassen. Wir bewahren also die Proben acht Jahre auf, und wann immer ein neuer Test da ist, wenden wir ihn an. Das ist wie mit dem Epo-Stoff Cera - bei den Spielen war der Test nicht ausgereift. Aber jetzt wenden wir ihn an.

SZ: Seit der Verbesserung der Epo-Tests ist Eigenblutdoping besonders beliebt - wurde darauf getestet?

Rogge: Auch bei Eigenblut fehlt der wissenschaftliche Beweis. Und Olympia ist nicht der Ort für Experimente. Denn wir hatten auch noch den Zeitfaktor: Wir mussten jeden Tag 360 bis 400 Proben im Labor untersuchen, rund um die Uhr, wir brauchten die Ergebnisse ja sehr schnell. Also suchten wir nur, was sicher nachweisbar ist, und nicht nach Substanzen, denen sich ein Laborspezialist viele Stunden lang widmen müsste. Das können Sie nach den Spielen tun, bei den Nachtests.

SZ: Dann erlebte Peking nur das Grobverfahren, und die 500 Nachtest lassen noch so lange auf sich warten, bis die neuen Tests reif sind?

Rogge: Insulin und Cera sind jetzt testbar. Und SARMs werden wir testen, sobald das möglich ist - in einigen Wochen. Wir geben 400 Peking-Proben ins Labor nach Lausanne, 100 nach Köln, einige gehen nach Paris wegen Cera. Und wenn bis 2015 noch ein neuer Test kommt, werden wir ihn auch machen.

SZ: Bis dahin sind die besonders verdächtigen Proben doch längst vertestet.

Rogge: Es gibt ein quantitatives Problem. Um die Rechte der Athleten zu wahren, werden B-Proben nicht angerührt. Und von den A-Proben verschwindet mit jedem Test etwas. Deshalb wollen wir nur wichtige Dinge testen, mit Methoden, die absolut abgesichert sind.

SZ: Zielen diese 500 Nachtests auf ausgesuchte Athleten?

Rogge: Zielkontrollen sind doch das einzige, was funktioniert, sie erhöhen die Trefferchance enorm. 2002 haben wir Mühlegg und die Russinnen nicht im Wettkampf, sondern mit Überraschungstests in ihren Häusern in Salt Lake gefangen. Ihre Wettkampftests waren okay, aber wir hatten einen Verdacht, also haben wir die Kontrolleure losgeschickt.

SZ: Auch die Betrüger lernen dazu...

Rogge: Deshalb erstellen wir mit Experten von Wada und den Verbänden Verdachtsprofile. Wir fertigen Blutprofile an, die anzeigen, da muss etwas sein. Dann schicken wir Fahnder. Wir beobachten Ausschläge in der Leistung. Oder Verbesserungen, die unglaubwürdig sind. Oder Athleten, die mit Trainern oder Doktoren von schlechter Reputation arbeiten. Wir nehmen auch die ins Visier, die öfter verspätet oder gar nicht angetroffen werden.

SZ: Wurden in Peking die Überflieger Usain Bolt und Michael Phelps besonders intensiv getestet?

Rogge: Beide wurden außerhalb des Wettkampfes mindestens zwei- bis dreimal getestet, Bolt hat sich sogar beschwert: Er müsse bald ohne Blut rennen.

SZ: Glauben Sie daran, dass ein ungedopter Athlet mit offenem Schuh Weltrekord rennt und dabei fast ins Ziel joggt?

Rogge: Das fragen viele. Es ist der ewige und natürliche Verdacht gegen jeden, der eine großartige Leistung zeigt.

SZ: War die nicht größer als großartig?

Rogge: Bolt lief mit 17 Jahren 19,65 Sekunden über 200 Meter. Er hat sich fünf Jahre weiter entwickelt, und wurde oft getestet. Ich habe keinen Grund zu zweifeln.

SZ: Wirklich nicht? Jamaika hat nicht mal der karibischen Wada-Filiale angehört. Und Amerikas Doping-Guru Victor Conte, der die besten US-Läufer von Marion Jones bis Tim Montgomery so perfekt getunt hatte, dass sie bei hunderten Tests nie aufflogen, hat schon Ende 2007 einen jamaikanischen Doping-Ring angezeigt. Er gab der Wada Namen und Telefonnummern. Ex-Wada-Chef Pound räumte ein, dieser Ring sei nie untersucht worden.

Rogge: Herr Conte hat vieles gesagt, das will ich nicht kommentieren. Aber Phelps' Leistungen sind stetig gewachsen, das war eine Entwicklungssache.

SZ: Und seine kurze Regenerationsphase zwischen den Läufen?

Rogge: Im Schwimmen muss die Muskulatur nicht, wie beim Laufen, ständig Stöße abfedern, sie liefert harmonische Bewegungen. Man sieht das an der deutlich geringeren Laktatproduktion. Ein Schwimmer kann alle 40 Minuten antreten, ein Fußballer alle drei Tage, ein Marathonläufer nur einige Male im Jahr.

Auf der nächsten Seite: Jacques Rogge über gefälschte Geburtsdaten, die regelrechte Versteigerung der Spieleorte 2012 und 2014 und eine Garantie von Wladimir Putin.