Olympia-Bewerbung 2024 "Die ideale Olympia-Stadt"

Nach Bostons Rückzug gilt nun Los Angeles als aussichtsreicher US-Kandidat: Viele Sportstätten gibt es bereits, ein Großteil der Bevölkerung ist dafür.

Von Claus Hulverscheidt, New York

Wie sehr das Herz der Amerikaner selbst für Randsportarten schlägt, ließ sich Anfang Juli im "200 Fifth" im New Yorker Stadtteil Brooklyn besichtigen. Die Sportsbar mit ihren mehr als hundert Fernsehbildschirmen war pickepackevoll, und als Carli Lloyd in der 16. Minute des Endspiels der Frauen-Fußball-WM zum 4:0 für die USA traf, brachen alle Dämme. Bierbecher flogen, Barhocker kippten, ein Orkan aus Schreien und Klatschen hob an und mündete in lange, rhythmische "USA-USA"-Rufe. An mangelnder Sportbegeisterung der Menschen also kann es nicht gelegen haben, dass das Olympische Komitee des Landes (Usoc) seine Pläne, die Stadt Boston ins Rennen um die Austragung der Sommerspiele 2024 zu schicken, jetzt kurz vor Meldeschluss zurückziehen musste.

Es war wohl eher eine Mischung aus Ungeschicklichkeit, finanziellen Ungereimtheiten und Skandälchen, die der Bewerbung der Ostküsten-Metropole schließlich den Garaus machten - gepaart mit einer weltweit wachsenden Aversion vieler Bürger gegen Großveranstaltungen im Allgemeinen und intransparente Organisationen wie das Internationale Olympische Komitee (IOC) oder den Fußball-Weltverband Fifa im Besonderen. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur AP sind 89 Prozent der Amerikaner grundsätzlich dafür, dass die USA Olympische Spiele ausrichten - ein Wert, mit dem nur wenige Länder der Welt aufwarten können. Geht es allerdings um Spiele in der eigenen Region, sinkt die Zustimmungsrate auf 61 Prozent, sollen zudem Steuergelder fließen, ist schon fast jeder Zweite gegen Olympia.

In Boston gelang es Bürgermeister Martin Walsh nie, eine wirkliche Mehrheit der Menschen für die Spiele zu begeistern und den Verdacht auszuräumen, dass sich am Ende ein kleines Grüppchen von Unternehmern und Funktionären zu Lasten der Stadtkasse bereichern könnte. So war etwa im März bekannt geworden, dass das Bewerbungskomitee "Boston 2024" Deval Patrick, den früheren Gouverneur von Massachusetts, als "Welt-Botschafter" angeheuert hatte - für 7500 Dollar pro Tag. Es gab sicher mehr Kritiker als jene "etwa zehn Leute bei Twitter", die Bürgermeister Walsh am Montag für das Scheitern der Bewerbung verantwortlich gemacht hatte.

Den Fluss hinunter: Die Bewerbung Bostons, hier die Skyline der Stadt, für die Olympischen Sommerspiele 2024 ist gescheitert.

(Foto: AP)

Das Usoc steht nun unter Zeitdruck, denn bis Mitte September müssen die Amerikaner dem IOC mitteilen, ob sie einen anderen Bewerber gegen die mutmaßlichen Konkurrenten Paris, Hamburg, Rom und Budapest ins Rennen schicken wollen. Wahrscheinlichster Kandidat ist Los Angeles, dessen Bürgermeister Eric Garcetti bereits Interesse bekundete: Er sei und bleibe der Auffassung, "dass Los Angeles die ideale Olympia-Stadt wäre", erklärte er nach dem Verzicht Bostons und kündigte Gespräche mit dem Usoc an. Der Verband wird sich wohl auch mit den Bürgermeistern von Washington und San Francisco in Verbindung setzen, die die Spiele ebenfalls gerne ausrichten würden. Beide Städte haben im Vergleich mit Los Angeles aber wohl kaum eine realistische Chance.

Für L.A. spricht nicht nur, dass sich in Umfragen gut drei Viertel der Bürger für Olympia in ihrer Heimat aussprechen. Vielmehr verfügt die kalifornische Metropole auch schon über einen Großteil der erforderlichen Sportstätten, darunter das Olympiastadion von 1932 und 1984 sowie das Staples Center, in dem unter anderem die Basketballer der Lakers und der Clippers ihre Spiele austragen. Viele Bürger haben die erstmals komplett privat finanzierten Spiele von 1984 auch deshalb in guter Erinnerung, weil das damals prognostizierte Verkehrschaos ausgeblieben war und am Ende ein Millionengewinn übrig blieb.

Dass Chef-Olympionike Thomas Bach von den USA einen Alternativvorschlag zu Boston geradezu erwartet, liegt auf der Hand, denn das IOC hat die amerikanischen und europäischen Fernsehübertragungsrechte für die insgesamt vier Winter- und Sommerspiele der Jahre 2018 bis 2024 an die US-Sender NBC und Discovery verkauft - für sagenhafte 6,3 Milliarden Dollar. NBC zahlt 4,9 Milliarden, die Discovery-Gruppe, zu der der Spartensender Eurosport gehört, 1,4 Milliarden Dollar. Die Beträge sind vor allem für NBC kaum durch Werbung refinanzierbar, wenn alle vier Spiele außerhalb der USA und womöglich in ganz anderen Zeitzonen stattfinden.

Rückzug: Bostons Bürgermeister Martin Walsh macht "etwa zehn Leute bei Twitter" für das Scheitern der geplanten Bewerbung verantwortlich.

(Foto: Winslow Townson/AP)

Zumindest ein bisschen hat der Sender das IOC damit im Griff. Auch können die USA argumentieren, dass sie als größter Sport- und TV-Markt der Welt seit 1996 in Atlanta keine Olympischen Sommerspiele mehr ausgetragen haben und daher schlicht einmal wieder an der Reihe sind.

"Waren wir schon, ist erledigt" - dieses Etikett haftet L.A. an, weil es die Spiele schon zweimal hatte

Dennoch warnten die Kommentatoren großer US-Zeitungen am Dienstag, dass eine Bewerbung von L.A. kein Selbstläufer würde. So wäre der Kandidat nach der Niederlage gegen Boston bei der Vorauswahl im Januar nur zweite Wahl. Auch hafte der Stadt in der Sportwelt ein "Da-waren-wir-schon-das-ist-erledigt-Etikett" an, weil sie die Spiele schon zweimal ausgerichtet habe, schrieb die Los Angeles Times.

Bisher hat man in den USA Paris die Favoritenrolle zugeschoben, während Hamburg und Rom kaum Chancen eingeräumt werden. Die Aussichten der Hansestadt haben sich deshalb durch den Verzicht Bostons auch nicht nennenswert erhöht. Los Angeles hingegen macht derzeit als Ausrichter der Special Olympics, der Weltspiele für geistig behinderte Kinder und Erwachsene, Werbung für sich selbst. Zur Eröffnungsfeier am vergangenen Samstag, die live im Fernsehen übertragen wurde, kamen 61 000 Menschen, die die Sportler aus aller Welt begeistert feierten. Genau dieses Bild wollen Bach und seine IOC-Getreuen weltweit von Olympia zeichnen.

Im "Beantown Pub" im Zentrum Bostons feierten derweil am Montagabend die Olympia-Gegner ihren Sieg. Amanda Achin aus dem Stadtteil Dorchester sagte dem Boston Globe, sie habe nie geglaubt, dass ihr Protest Erfolg haben könnte. "Ich bin so glücklich, dass ich so falsch gelegen habe", erklärte sie. In den Pub gekommen waren allerdings gerade einmal zwei Dutzend Aktivisten. Im "200 Fifth", beim WM-Sieg der US-Frauen vor drei Wochen, hatten zehn Mal so viele Menschen gejubelt.