100 Meter:Entthront

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Wer ist denn hier der Sieger? 100-Meter-Weltmeister Justin Gatlin (l.) verbeugt sich vor der Karriere des dieses Mal drittplatzierten Usain Bolt. (Foto: Jewel Samad/AFP)

Usain Bolt verpasst bei seinen letzten Weltmeisterschaften die Titelverteidigung über 100 Meter. Der Jamaikaner startet schlecht und wird am Ende nur Dritter - hinter den Amerikanern Christian Coleman und Justin Gatlin, dem neuen Weltmeister.

Ausgerechnet in seinem letzten ganz großen Rennen hat Justin Gatlin den Usain Bolt vom Sprint-Thron gestoßen. Der Jamaikaner verlor bei der WM in London erstmals ein Finale über 100 Meter im direkten Duell und muss sich nach 9,95 Sekunden mit Bronze begnügen. Sein alter Rivale Gatlin aus den USA - mehrfach in seiner Karriere des Dopings überführt - gewann Gold in 9,92 Sekunden. Zweiter wurde sein Landsmann Christian Coleman (9,92).

"Mein Start hat mich heute gekillt. Ich habe mein Bestes gegeben", sagte Bolt, der noch eine Stunde nach dem Rennen von den letzten Fans im Stadion gefeiert wurde: "Dieser Ort ist wundervoll, ich weiß diese Zuneigung sehr zu schätzen. Diese Liebe, diese Unterstützung hier bedeutet mir so viel. Es tut mir leid, dass ich diesem Publikum keine bessere Leistung bieten konnte."

Gatlin wurde nach seinem Sieg ausgebuht, der 35-Jährige richtete mehrfach den Zeigefinger auf den Mund in Richtung des Publikums. Vor zwölf Jahren war Gatlin schon einmal Weltmeister, seither hatte er Bolt vergeblich gejagt. Nun weinte Gatlin hemmungslos, er ging vor Bolt auch auf die Knie und huldigte dem Dominator der vergangenen Jahre.

Es hatte sich schon angedeutet, dass Bolt in diesem Jahr schlagbar sein könnte

"Ich habe versucht, mich so gut wie möglich zu konzentrieren. Es ist absolut surreal, jetzt gewonnen zu haben. Obwohl ich gewonnen habe, ist das der große Moment von Usain Bolt", sagte Gatlin. "Er ist der größte Champion aller Zeiten. Ich danke Usain dafür, dass er zu Zeiten meiner eigenen Karriere gelaufen ist. Er hat mir (nach dem Rennen, Anm. d. Red.) gesagt, dass ich es nicht verdient habe, so ausgebuht zu werden."

Das 100-Meter-Finale von London war Bolts letztes großes Einzelrennen, nach den Titelkämpfen beendet der achtmalige Olympiasieger seine Karriere. 2009, 2013 und 2015 hatte er WM-Gold über die prestigeträchtigen 100 Meter gewonnen, 2011 war er wegen eines Fehlstarts disqualifiziert worden.

Bolt wollte mit aller Macht ungeschlagen in Rente gehen, doch es hat nicht sollen sein: Mit mittlerweile 30 Jahren fiel sein sonst so unwiderstehlicher Schlussspurt diesmal deutlich weniger kraftvoll aus. Dabei hatte sich der Weltrekordler und Olympiasieger trotz einer holprigen Vorbereitung zuletzt gesteigert und äußerst selbstbewusst präsentiert. Doch wie im Vorlauf erwischte Bolt wieder einen schwachen Start - trotzdem ließ er sich ausgiebig feiern."Es ist Zeit loszulegen. Also lasst uns loslegen", hatte Bolt vor dem Finale gesagt: "Wenn ich bei einer Weltmeisterschaft antrete, solltet ihr wissen, dass ich vollstes Vertrauen in mich habe. Ich bin bereit." Doch es hatte sich schon angedeutet, dass Bolt in diesem Jahr schlagbar sein könnte.

Bolt selbst verspürt nach eigenem Bekunden keinen Bammel vor der Rente

Der Körper machte dem Schlaks wieder einmal zu schaffen, Bolt war nur als Nummer sieben der Welt an die Themse gereist. Wie schon vor Olympia in Rio ließ er sich im Vorfeld zwar erneut in München von seinem Lieblingsarzt Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt am Rücken behandeln, doch die Probleme blieben offenbar zu groß. Bolt wurde schneller, aber nun war er wirklich zu stoppen: Seine Fans konnten es nicht glauben. Bolt ist nach wie vor eine Größe in der Leichtathletik, er faszinierte die Massen nach wie vor. Keine Frage, Bolt wird auch als geschlagener König fehlen.

"In meinem ganzen Leben habe ich noch keinen Sportler - neben Muhammad Ali - erlebt, der die Menschen so in seinen Bann gezogen hat", hatte Weltverbands-Präsident Sebastian Coe vor dem Finale gesagt: "Ich bin großer Boxfan, daher wage ich diesen Vergleich: Damals, als Ali aufgehört hat, fragten sich auch alle plötzlich, wer ihm nachfolgen, wie es weitergehen werde. Das gleiche Szenario erlebt jetzt die Leichtathletik, weil Bolt abtreten wird. Die Antwort ist: Du ersetzt weder Ali noch Bolt!"

Bolt selbst verspürt nach eigenem Bekunden keinen Bammel vor der Rente. "Es wird eine Freude sein, sich zurückzulehnen" und "sich zu erinnern", sagte er. Was er vermissen wird? "Die Menge im Stadion. Das Training werde ich definitiv nicht vermissen." Bolt hat schon angekündigt, auf dem Oktoberfest in München jetzt "mehr Biersorten ausprobieren" zu wollen. Und Kinder will Bolt haben, "ganz sicher".

© SZ vom 06.08.2017 / sid - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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