Leichtathletik-Skandal Alte Freunde unter sich

Zieht viele Blicke auf sich, lässt aber auch viele Fragen zurück: Richard Pound (Mitte), der Leiter der unabhängigen Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Bei der Präsentation seines mit Spannung erwarteten Berichts kritisiert Richard Pound den Leichtathletik-Weltverband - schützt aber Präsident Coe und das Olympia-Geschäft.

Von Thomas Kistner

Groß war die Erwartung an den zweiten Untersuchungsbericht der unabhängigen Wada-Kommission zum staatlich gestützten Doping in der russischen Leichtathletik und dessen Absicherung durch den Weltverband IAAF; gut 100 Journalisten aus ganz Europa hatte der Ermittlerstab unter dem Kanadier Richard Pound in ein Konferenzhotel bei München gelockt. Doch dann war der Ertrag der Präsentation so dünn, dass nicht mal das einzige Torpedo zündete, das der Report beinhaltet: Wurden die Sommerspiele 2020 unter korrupten Umständen an Tokio vergeben?

Den Verdacht entwickelt der Report aus Gesprächsprotokollen von IAAF-Marketendern. Demnach hatte Olympiabewerber Istanbul die Gunst des langjährigen, von Frankreichs Strafbehörden im Zentrum der Affäre verorteten Weltverbandschef Lamine Diack (Senegal) verloren. Die Türken hätten keine "vier bis fünf Millionen Dollar" als Sponsorbetrag für die Diamond League oder die IAAF aufgebracht, besagt Fußnote 36 des Reports - im Gegensatz zu Japan. Der Konkurrent habe bezahlt. Tokio erhielt den Zuschlag für 2020. Am Freitag dementierte Japans Olympiaminister Toshiaki Endo empört.

Indes ist laut Günter Younger, deutscher Kriminalbeamter und Mitglied des dreiköpfigen Pound-Stabs, zu klären, ob die protokollierten Aussagen des Diack-Sohns Papa Massata nur Prahlerei seien - oder substantiell. Dafür müsse nach den Verträgen gesucht werden, die Kommission hatte hier keine Zuständigkeit. Also müsse nun die IAAF Klarheit schaffen.

Und da beginnt der Interessenskonflikt.

Kurz vor den Sommerspielen in Rio de Janeiro geht es um alles: die olympische Kernsportart Leichtathletik in der Existenzkrise, die Sportnation Russland vorläufig ausgeschlossen - und jetzt steht die Glaubwürdigkeit der Spielevergabe in Frage. Längst berührt die Affäre das Internationale Olympische Komitee, das Dachgremium, das sich bisher clever als distanziert-mahnender Beobachter geriert.

Diese Gemengelage erklärt nun auch, warum die Medienvertreter verstört aus München abzogen und auch aus den USA scharfer Protest ertönt. In Chicago konstatiert der führende Sportkommentator Phil Hersh "eine surreale Kehrtwende", die New York Times fragt: "Was hat die Wada mit Pound gemacht?" Die Wada? Oder das IOC, dessen Alterspräsident Pound ja ist? Der Kommissionschef hatte sogar von "Drecksäcken" im Kontext der Russland-Affäre gesprochen. Zu IAAF-Präsident Sebastian Coe hatte er befunden, der habe "lange Gelegenheit gehabt, das Problem anzugehen". Und im Report äußert sein Stab Unverständnis, dass das IAAF-Council vom Treiben der Diack-Clique "nichts mitgekriegt" haben will.

Heikles Material zur Vergabe der Sommerspiele 2020 wurde an die Strafbehörden übermittelt

In München sah Pound plötzlich alles anders, warf sich vor Coe und bügelte Rücktrittforderungen ab. Für die Aufräumarbeiten kann er sich "keinen Besseren als Lord Coe vorstellen" - der gar persönlich aus London nach Unterschleißheim geeilt war und sich dort bemüht diskret unter das Medienvolk mischte.

Tatsächlich hat Coe, der seit 2007 Vizepräsident war und Diack im Sommer an der IAAF-Spitze beerbte, eine fragwürdige Rolle gespielt. Er will nie etwas davon mitbekommen haben, dass ein Zirkel um den Präsidenten und dessen Söhne - Papa Massata war IAAF-Marketingberater - auffällige Blutwerte von zwei Dutzend russischen Topathleten zu vertuschen half. Gegen Schmiergeld. Aus dem ahnungslosen wurde dann der gutgläubige Lord, der noch im Sommer 2015, als längst substantielle Belege von ARD und Sunday Times vorlagen, nur eine "Kriegserklärung" der Medien gegen seinen Sport witterte.

So wirkt der Umgang mit der Russland-Affäre wie eine verdeckte Rettungsaktion für das olympische Milliardengeschäft in Rio. Wozu passt, dass Pound auch den gesperrten Russen, die bisher keine Einsicht zeigen, die Tür weit offen hält; er hält die Zeit bis Sommer für ausreichend, um das staatlich gepuschte Dopingsystem in Putins Reich zu säubern. So lautete die Münchener Botschaft der Aufklärer: Coe bleibt IAAF-Boss, und Russland ist in Rio dabei.

Pounds Report ist 89 Seiten stark; eröffnet wird er mit einer Grußadresse an den "lieben Präsident Reedie". Der Brite Craig Reedie, Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, ist Landsmann Coe eng verbunden - und der Mann, der im April 2015 gegenüber russischen Dopingoffiziellen Betroffenheit darüber äußerte, dass im Zuge der Enthüllung Störungen zwischen Wada und Moskauer Regierung entstanden sind. Reedie gab große Milde zu erkennen und versicherte, die Untersuchung erfolge ohne "politische Absicht" - die Wada sei halt aus Teilen der Welt unter Druck gesetzt worden, zu ermitteln. Als die Mail aufflog, erklärte die Wada, der Chef habe nur klarstellen wollen, dass die Untersuchung ganz bei der Kommission läge.

Pound ist Doyen des IOC, Reedie sitzt im IOC-Vorstand, Landsmann Coe wird bei der nächsten Session dorthin berufen - der Mann, der 1981 als Athletenvertreter gemeinsam mit dem Deutschen Thomas Bach bei der IOC-Session in Baden-Baden auf die Abschaffung des Amateurparagrafen gedrängt hatte: Es war der Kongress, der das IOC reich machte.

Bach ist heute IOC-Präsident. Dass der einflussreichste Funktionär des Globus die Entwicklungen um sein edelstes Gut, die Sommerspiele, besorgt verfolgt, darf vermutet werden. Auch ist seine Wertschätzung für den alten Weggefährten Coe bekannt. Der wiederum musste im Vorjahr sogar einen eigenen Interessenskonflikt vor einem Londoner Parlamentsausschuss erklären: Als gut dotierter Nike-Botschafter hatte er für die Vergabe der Leichtathletik-WM 2021 an Eugene (USA) lobbyiert. Wie ein Mailverkehr zeigt, just bei seinem sinistren Vorgänger Diack. Eugene erhielt die WM ohne Bewerbungsprozess, die Stadt ist Stammsitz von Nike. Coe wies jedes Fehlverhalten zurück.

Was ist zu erwarten, wenn dieser Mann ins IAAF-Archiv schauen muss; etwa, um die Frage um die Spielevergabe 2020 zu klären? Würde er dem IOC, selbst auf dem Sprung dorthin, eine Affäre bescheren? Die Interessenskonflikte sind mit Händen zu greifen in jenem Teil der Sportwelt, der gern missbilligend auf den Fußballsumpf um die Fifa schaut. Immerhin, die Causa IAAF hat auch eine positive Parallele zum Fifa-Skandal: Hier wie da sind Strafbehörden aktiv. Pariser Staatsanwälte jagen den Diack-Clan; Vater Lamine sitzt im Land fest, Sohn Papa wird von Interpol gesucht. Bei solchen Ermittlern sei auch die Olympia-Frage in guten Händen, sagte Kommissionär Younger in München: "Wir haben den Franzosen empfohlen, da reinzuschauen." Und das Material zu Fußnote 36 gleich übermittelt.