Kommentar Zeitspiel für Russland

Die Beleglage ist klar: Das IOC muss Russland von den Winterspielen 2018 ausschließen. Doch zu einem Kollektivbann wird es, wie 2016 vor Rio, wohl nicht kommen.

Von Johannes Aumüller

Der Countdown der südkoreanischen Organisatoren nimmt es schon jetzt auf die Sekunde genau. Noch etwas mehr als 21 Millionen Sekunden dauert es bis zur Eröffnungsfeier der Winterspiele 2018 - und damit wohl auch etwas mehr als 21 Millionen Sekunden bis zum nächsten Angriff des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) aufs globale Gerechtigkeitsempfinden. Geschieht nicht noch ein sportpolitisches Wunder, wird wie schon 2016 in Rio de Janeiro auch in Pyeongchang eine stattliche russische Delegation unter russischer Flagge einziehen. Trotz aller staatlichen Dopingvergehen.

Die IOC-Lesart geht so: Im Dezember legte der Anwalt Richard McLaren den Bericht über das Dopingausmaß in Russland vor. Seither prüfen zwei interne Gremien die Ergebnisse. Die eine kümmert sich um die individuelle Schuld von Athleten (Oswald-Kommission), die andere und entscheidendere um die Systemfrage (Schmid-Kommission). Bis zum Winter soll es ein Ergebnis geben. Aber dabei handelt es sich offenkundig um ein durchsichtiges und zeitbringendes Manöver des IOC und seines deutschen Chefs Thomas Bach. Die wohl zutreffendere Motivation formulierte gerade Richard Pound, seines Zeichen dienstältestes Mitglied des Ringe-Clans und Bach-Kritiker: "Das IOC scheint alles zu unternehmen, damit man nicht mit dem Finger auf Russland zeigen kann."

Insbesondere bei der Schmid-Kommission ist die Frage, was die eigentlich herausfinden kann und soll. Die Fakten liegen seit McLarens Publikation auf dem Tisch, gut dokumentiert auf mehr als 1000 Seiten. In Russland gab es über Jahre ein staatlich orchestriertes Dopingsystem, von dem Hunderte Sportler profitierten. Das Sportministerium war dabei, der Geheimdienst FSB, das Kontrolllabor, die nationale Anti-Doping-Behörde. Was will Schmid noch erfahren: dass der Kapitän Oleg schuldig ist und der Corporal Dmitrij womöglich nicht, wie Pound ätzte? Und selbst wenn: Welche Bedeutung hätte es? Der FSB war dabei, fertig. Es ist eine amüsante Vorstellung, dass ein kleiner Geheimdienst-Mann ohne Rücksprache mit den Instanzen anfängt, das Staatsdoping zu unterstützen.

Nein, die Beleglage ist klar, eine Änderung der Dopingkultur in Russland nicht zu bemerken, und es kann nur eine Konsequenz geben: Das IOC muss das russische olympische Komitee ausschließen. Wer als System betrügt, gehört als System bestraft. Das müsste im Übrigen gar nicht zwangsläufig bedeuten, dass Pyeongchang ganz ohne russische Athleten stattfindet. Es wäre etwa denkbar, dass bisher nicht positiv getestete Sportler unter neutraler Flagge starten. Doch solche Szenarien würden Russlands politischer Führung missfallen, die bei Olympia gerne Hymne und Flagge des Landes hören und sehen möchte. Und dass in der Causa etwas passiert, was Russlands Führung missfällt, ist ob der engen Drähte Bachs und seiner IOC-Getreuen nach Moskau sehr unwahrscheinlich.