Kommentar Spanische Marionetten

Die Doping-Vorwürfe der früheren Sportministerin Frankreichs sind die Eskalation eines Disputs, der seit den 90ern geführt wird zwischen Madrid und Paris.

Von Javier CÁceres

Die Geschichtsbücher lehren, dass es zahlreiche, oftmals blutige Konflikte zwischen Spaniern und Franzosen gegeben hat; Nachbarschaftsverhältnisse sind tendenziell eine schwierige Angelegenheit. Nun sind die Zeiten, da Pfaffen den Spaniern von der Kanzel erklärten, das biblische Tötungsverbot entfalte keine Geltung, wenn das Opfer ein Franzose sei, schon etwas länger vorbei. Aber auch jetzt, da beide Länder seit Jahrzehnten Partner in der Europäischen Union sind, herrschen beiderseits der Pyrenäen Animositäten vor. Sie brechen sich nurmehr auf einem Terrain Bahn, in dem auch Blut fließt, allerdings eher gepanschtes: in der Welt des Sports.

Eine frühere Sportministerin Frankreichs, Roselyne Bachelot, brachte die Spanier soeben in Wallung, als sie am Rand der Debatten um den Dopingfall der Tennis-Queen Maria Scharapowa öffentlich erklärte, die siebenmonatige Knieverletzung von Tennisprofi Rafael Nadal aus dem Jahr 2013 sei bloße Mär gewesen. In Wahrheit habe es sich um einen verdeckten Dopingfall gehandelt. Spaniens Sportheld número uno sei vom Welt-Tennisverband aus dem Verkehr gezogen worden. Heimlich, still und leise, auf dass der Ruf des besudelten weißen Sports nicht weiter leide. Der Vorwurf ist nicht neu. Der frühere österreichische Tennisprofi Daniel Köllerer erhob ihn bereits im Herbst 2013. Dass er nun von einer früheren Spitzenpolitikerin kommt, hat eine veritable Staatsaffäre ausgelöst.

Spaniens amtierende Regierung ließ ihren ranghöchsten Sportpolitiker, Miguel Cardenal, zurückschlagen, und er tat es mit Wonne. Frau Bachelot habe wegen ihrer "Aggression" auf den tadellosen Nadal die Ehre verwirkt, eine "Dame" genannt zu werden, Begriffe wie "pathologisch" und "frivol" träfen sie besser, zumal sie keine Beweise vorgelegt habe. Damit befand sich Cardenal auf der Linie von Toni Nadal, der Onkel und Trainer von Rafael nannte Bachelot "stupide". Rafael wiederum leugnete jegliche Illegalität. Und kündigte eine Klage an.

Der Disput dauert an, seit Spaniens Radlegende Indurain Tour-Siege in Serie abräumte

Der Disput ist nur die Eskalation eines Konflikts, der seit den 90ern tobt, seit Spaniens Radlegende Miguel Indurain einen Tour-Sieg nach dem anderen abräumte. Später folgten Vorwürfe gegen die Fuß- und Basketballer. Auch jetzt gibt es prompt ein Echo: Die Anwürfe kämen nur, weil spanische Radler auf den Pflastersteinen der Champs-Élysées und spanische Tennisspieler auf roter Asche die beiden französischen Heiligtümer Tour und Roland Garros eroberten, derweil die Franzosen das Nachsehen haben. In zwei Worten: aus Neid. Als hätte es diverse Dopingaffären, allen voran die Operación Puerto um den spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes, nie gegeben. Als sei der Zweifel an Spaniens Sporterfolgen nicht längst so global wie das Internet.

Dass nun die amtierende konservative Regierung in Madrid die Backen aufbläst, ist fast schon belustigend. Denn es ist dieselbe Regierung, die jene erst 2009 gegründete Anti-Doping-Agentur in einer Neusprech-Attacke in "Agentur für den Gesundheitsschutz im Sport" umbenannte. Sie wird von derselben konservativen Volkspartei getragen, die Mittelstrecklerin Marta Domínguez als Senatorin mitschleppte, obwohl sie bis zur Halskrause im Doping-Sumpf saß. Und es ist dieselbe Regierung, die sich nicht entblödete, dem Botschafter in Paris zu befehlen, der Marionettensendung Les Guignols eine Protestnote zu schicken: Spaniens Sportler waren von den Puppen als Junkies verspottet worden. Schon klar: Die Dinge liegen auch anderswo im Argen. Auch hier. Aber ein weiteres westliches Land, dessen politische Führung die Augen vor dem Phänomen Doping derart fest verschließt, wird man kaum finden.