Kommentar Kein Pardon

Der DFB ruft in der WM-Affäre ein Schiedsgericht an, um Millionen-Ansprüche nicht verjähren zu lassen. Die neue Führung meint es also ernst mit einem Neuanfang.

Von Thomas Kistner

Die Nachricht des Wochenendes in Sachen Sommermärchen-Affäre: Der DFB hat eine Schiedsstelle eingeschaltet, um mögliche Schadensansprüche nicht verjähren zu lassen. Mal wieder geht es um die so berühmte wie dubiose 6,7-Millionen-Euro-Zahlung 2005 - Ende 2015 wären strafrechtlich relevante Handlungen in diesem Kontext unter Umständen verjährt. Also hat sich der Verband an die Öffentliche Rechtsauskunft- und Vergleichsstelle in Hamburg gewandt, mit sogenannten Güteanträge gegen Franz Beckenbauer, Fedor Radmann, Theo Zwanziger und Co., auch gegen den Weltverband Fifa. Dieser Schritt verhindert eine Verjährung. Und sieh an: Dafür, dass er unter anderem seiner Lichtgestalt Beckenbauer so ein Verfahren zumutet, gerät der Verband nun in Rechtfertigungsnöte. Warum eigentlich? Würde die Fifa attackiert für so ein konsequentes Vorgehen gegen Sepp Blatter? Ist der Leichtathletik-Weltverband nicht deshalb unter Druck, weil er allzu feinfühlig mit Ex-Funktionären umgeht, die ihn in die Krise lavierten?

Wie der DFB die Aufklärung der WM-Affäre betreibt, entspricht den harten Forderungen, die all die Daueraffären des Sports untermalen, von Fifa- bis IAAF-Sumpf. Während andernorts neue Leute in alte Systeme nachrücken und weiter nach den alten Regeln spielen, probt der DFB die Zäsur: Da der neue DFB mit den Interimschefs Rainer Koch und Reinhard Rauball und dem designierten Präsidenten Reinhard Grindel - dort der alte, verkörpert durch Leute, deren Wirken bei der WM-Organisation nun Strafbehörden im In- und Ausland beschäftigt.

Wer die Vorgänge seriös betrachtet, trennt also zwischen altem und neuem DFB. Alter DFB: der Artistentrupp, der am "Hochreck der Verschleierung" turnte, wie es der geschasste Rechtsdirektor Stefan Hans formuliert hat. Das ist der Topmanager, der ein WM-2006-Affärendossier inklusive der falsch deklarierten 6,7-Millionen-Zahlung lange vor dem großen, ahnungslosen Teil des DFB-Präsidiums verdeckt hielt, und der den dubiosen Vertrag von WM-Bewerberchef Beckenbauer mit dem Skandal-Funktionär Jack Warner ebenfalls als einer der ersten detailliert kannte. Der neue DFB betrachtet Hans, den Schöpfer des "Hochreck"- Begriffs, als einen der eigentlichen Vortuner an diesem Gerät - und er zeigt gerade gleich doppelt klare Linie: Am Vorgehen gegen Hans ist auch der Umgang mit anderen zu bemessen, wenn bald der interne Report der Kanzlei Freshfields und später die Erhebungen der Strafbehörden vorliegen. Hans muss nicht der letzte bleiben, den die Affäre den Job kostet.

Auch der Gang zum Schiedsgericht zeigt, dass der neue DFB nichts auf der Kameradschaftsebene regeln will. Klar, dass das den Betroffenen nicht passt. Aber soll der DFB seine Rechtsansprüche lockerer betreiben, wenn zweistellige Millionenverluste drohen? Soll er stillen Kredit für Lichtgestalten gewähren? Soll er auf fromme Versprechen bauen: ausgerechnet im Umgang mit der Fifa, oder gar mit dem umraunten Strippenzieher Radmann?

Wie der Verband verfährt, ist professionell und tadellos. Zieht er das durch, kann es am Ende wirklich ein neuer DFB sein.