Kommentar Der gespielte Witz

Nicht zuletzt das ungefähr 15 Jahre währende Gezänk um ein Anti-Doping-Gesetz in Deutschland zeigt: Der globale Sport ist zum gespielten Witz verkommen.

Von Claudio Catuogno

Der Fußballtrainer Arsène Wenger, 66, seit 19 Jahren in London beim FC Arsenal und eine Art moralische Instanz in der flirrenden Milliardenbranche, hat in dieser Woche ein nicht ausreichend beachtetes Interview gegeben. In seinen 30 Jahren als Trainer, sagte Wenger der Zeitung L'Équipe, habe er seinen Spielern "niemals Spritzen gegeben" und "niemals ein Produkt, das sie besser macht. Darauf bin ich stolz". Aber? "Ich habe gegen viele Teams gespielt, die nicht dieser Geisteshaltung folgten."

Wie bitte? Doping im Fußball? Und dann gleich als Team-Phänomen, mit - pfui! - Spritzen und - bäh! - Produkten, die Spieler von ihren Trainern bekommen? Hatten uns Menschen, die etwas davon verstehen, nicht immer versichert, dass Doping im Fußball nichts bringt? Menschen, denen wir vertrauten? Menschen wie . . . Franz Beckenbauer? Theo Zwanziger? Wolfgang Niersbach?

Ach herrje, wie schon wieder alles mit allem zusammenhängt! Da die Kaiserdämmerung im Fußball, der Wandel von Licht- zu Zwielichtgestalten - dort die Auswüchse einer globalen Prämien- und Medaillen-Gier, der Wandel vom Spitzen- zum Spritzensport. Schaurig!

Deutschland bekommt jetzt ein Anti-Doping-Gesetz - nach ungefähr 15 Jahren Gezänk

Wobei man natürlich differenzieren muss. Man kann zum Beispiel vieles gegen Sepp Blatter vorbringen, aber der Weltfußballpatriarch hat nach allem, was man weiß, nie seine Söhne losgeschickt, um von positiv getesteten Fußballern Geld abzupressen. Wie auch - wo es Doping im Fußball ja gar nicht gibt! Und wo Blatter ja auch gar keine Söhne hat! Da hatte es der Weltleichtathletikpatriarch Lamine Diack mit den russischen Spritzensportlern natürlich deutlich einfacher. In Diacks Welt - auch so ein Thema dieser Woche - galt über Jahre offenbar eine Art Anti-Doping-Gesetz, das in seiner mafiösen Schlichtheit auf einen Bierdeckel passt: Geld her, Positivtest weg.

Apropos Anti-Doping-Gesetz: So was gibt es jetzt auch hierzulande. Am Freitag hat der Bundestag zugestimmt, nach ungefähr 15 Jahren Gezänk. Auf den Besitz von Dopingmitteln stehen nun auch in Deutschland bis zu drei Jahre Gefängnis. Das ist erstens überfällig, zweitens europäischer Standard (Russland hat seit Jahren ein Anti-Doping-Gesetz) - und eröffnet drittens ganz neue Geschäftsfelder. Etwa das diskrete Unterschieben von Spritzen und Produkten bei Rivalen in Tateinheit mit sofortigem Holen der Polizei. So lässt sich sicher auch wieder ein bisschen Geld nebenbei verdienen!

Und Heiko Maas, der SPD-Justizminister, hat zwei Wochen bevor sich in Hamburg die Leute in einer Volksabstimmung für den olympischen Geist begeistern sollen, noch einen weiteren Vorteil ausgemacht: Ein modernes Anti-Doping- Gesetz, sagt er, stärke Hamburgs Bewerbung um die Spiele 2024. Wer das glaubt, kann ja mal der Frage nachgehen, warum es erst jetzt in Kraft treten darf. Antwort: Weil der deutsche Sport in Person des bestens vernetzten DOSB-Präsidenten Thomas Bach so ein Gesetz jahrelang hintertrieben hat mit dem Argument, der Sport habe doch schon eine "Null-Toleranz- Politik gegen Doping"; wofür brauche es denn da noch den Staatsanwalt? Und dieser Anti-Doping-Gesetz-Feind Thomas Bach sitzt jetzt dem IOC vor, welches die Olympischen Spiele vergibt, und hat auch schon eine Idee, wie er und seine Organisation die Mafia-Affäre um Russland und die Leichtathleten in den Griff bekommt. Genau: mit der in Deutschland erprobten "Null-Toleranz-Politik".

Der globale Sport ist zum gespielten Witz geworden. Es haben nur noch nicht alle gemerkt. Die Hamburger aber, die in zwei Wochen an die Urnen und für Olympia stimmen sollen - die ahnen vermutlich schon was.