Kommentar Athleten mit Anwalt

Zu Olympia zu kommen, war in manchen Disziplinen der Leichtathletik für Deutsche unmöglich. Sie mussten sich an Zeiten orientieren, die von Dopern gesetzt wurden. Das ist jetzt geändert. Auch, weil Sportler mit juristischen Mitteln drohten.

Von Johannes Knuth

Der Marathonläufer Philipp Pflieger machte sich damals erst gar nicht die Mühe, seinen Zorn in wohlige Worte zu verpacken. Ob sein Verband eher Gegner oder Partner für ihn sei? "Für uns Läufer", sagte Pflieger in Berlin, "hat man schon den Eindruck, dass man sie nicht unbedingt dabeihaben will. Wenn es gar nicht anders geht."

Nun, Philipp Pflieger wird dann wohl doch dabei sein, wenn sich die deutschen Leichtathleten im kommenden Sommer zu den Olympischen Spielen nach Rio de Janeiro aufmachen. Im vergangenen September, in Berlin, hatte Pflieger den Marathon in 2:12:50 Stunden hinter sich gebracht. Sechs Minuten schneller als die Norm des Welt-Leichtathletikverbands, aber halt noch etwas entfernt von jener Grenze, die der Deutsche Leichtathletikverband (DLV) gezogen hatte. Die "erweiterte Endkampfchance", das war die Formel, mit der der DLV stets begründet hatte, warum er seinen Athleten mehr abverlangte. Am Mittwoch senkte der Deutsche Olympische Sportbund (auf Antrag des DLV) dann nahezu alle Barrieren in der Leichtathletik auf das Niveau des Welt-Leichtathletikverbandes herab, zum ersten Mal überhaupt.

Sportler drohen mit Klagen, das gibt es jetzt immer öfter

Warum? Weil die Zeiten und Weiten aus der Weltspitze, an denen sie sich im DLV für ihre Normen orientiert hatten, "nicht manipulationsfrei" zustande gekommen waren, wie Sportdirektor Thomas Kurschilgen mitteilte. Eine Kommission der Welt-Antidoping-Agentur hatte zuletzt Staatsdoping in Russland und Dopingvertuschung in der IAAF freigelegt. "Wir signalisieren den Athleten, dass wir uns mit der Situation kritisch auseinandersetzen und den Mut haben, bisherige Entscheidungen zu korrigieren", so Kur- schilgen.

Der Verband als fürsorglicher Partner? Das kann man so sehen, muss man aber nicht. Tatsächlich drängt sich der Eindruck auf, als ob hier jemand einlenkte, als es gar nicht mehr anders ging. Nachdem Pflieger und andere Athleten mit Klagen drohten, weil ihnen Sportanwälte Chancen eingeräumt hatten, die nationalen Barrieren einzureißen. Im DLV dementierten sie heftig; tatsächlich habe man sich an der IAAF orientiert, die Ende vergangenen Jahres noch einmal ihre Zulassungskriterien aufweichte. Und dennoch blieb bei Pfliegers Anwälten der Eindruck hängen, dass es den Verbänden zunächst einmal darum ging, auf "Biegen und Brechen ihre Nominierungshoheit zu verteidigen". Zu einem Zeitpunkt übrigens, als Berichte über Systemdoping in Russland längst in der Welt waren.

Nein, den größten Mut hatten wohl doch die Athleten. Pflieger zum Beispiel, der als Läufer der gehobenen Mittelklasse ohne große Sponsorenverträge auskommt und bereit war, sich auf einen Rechtsstreit einzulassen. Ähnlich wie der ehemalige Dreispringer Charles Friedek. Der hatte sich jahrelang mit DOSB und DLV gestritten (und vor Kurzem gewonnen), weil der DLV schwammige Nominierungskriterien formuliert und die Unschärfe im Regelwerk dem Athleten angelastet hatte. Pflieger und Friedek, sie sind, wie immer mehr Athleten, Vertreter einer Zunft, die sich nicht mehr als Weisungsempfänger herumschubsen lassen, sondern von Verbänden Gleichberechtigung einfordern.

Der DLV propagiere den "mündigen Athleten", hat Präsident Clemens Prokop einmal gesagt. Immer öfter bekommt er ihn auch. Das darf man durchaus im Hinterkopf behalten, wenn der Verband demnächst an den Normen für die Leichtathletik-WM 2017 bastelt.