Zum Tod von Jörg Berger Der humorvolle Feuerwehrmann

Jörg Berger hat eine einmalige Trainerlaufbahn hinter sich: Flucht aus der DDR, Erfolge im Abstiegskampf, Abenteuer in der Türkei. Nun verstarb er an einer schweren Krankheit. Ein Nachruf.

Von Jürgen Schmieder

Jörg Berger saß auf der Bank und schmunzelte. Gerade war der Stürmer zum zwölften Mal innerhalb einer Halbzeit ins Abseits gelaufen. Berger sprang nicht auf, er motzte nicht - er drehte sich herüber und sagte: "Im Lexikon müsste man beim Begriff Abseits nur ein Bild von dem Rinke zeigen." Der Rinke, das ist der Schriftsteller Moritz Rinke. Er ist Stürmer der deutschen Nationalelf der Schriftsteller - und Jörg Berger war bei der Europameisterschaft der Autoren im April der Trainer.

Für die schreibenden Kicker wie Albert Ostermaier, Wolfram Eilenberger oder Klaus Döring war dieses Turnier der Höhepunkt der fußballerischen Karriere, für einen wie Berger eigentlich nur ein Zusammentreffen von Amateur-Kickern.

Er, der als Trainer von Eintracht Frankfurt und Schalke 04 jeweils den dritten Platz in der Bundesliga erreichte. Der den Zweitligisten Alemannia Aachen ins Finale des DFB-Pokals führte. Über den Jan Åge Fjørtoft nach dem Klassenerhalt von Eintracht Frankfurt sagte: "Berger hätte auch die Titanic gerettet." Warum sollte sich so einer auf die Ersatzbank der Autoren-Nationalmannschaft setzen?

"Ich mag diese Jungs und mir gefällt, mit welcher Leidenschaft sie dabei sind. Also bin ich auch gerne dabei", sagte er einmal. Und lachte.

Vor 65 Jahren wurde Berger in Gotenhafen - dem heute polnischen Gdynia (Gdingen) - geboren, als aktiver Spieler agierte er für den DDR-Oberligisten Lok Leipzig. Aufgrund einer Muskelverletzung musste er seine Laufbahn bereits im Alter von 25 Jahren beenden. Nur wenige Zeit später war er einer der angesehensten Trainer der DDR und galt als Nachfolger des Nationaltrainers Georg Buschner.

Ein sicherer Karriereweg eigentlich - doch Berger wollte ihn nicht gehen. Vielmehr nutzte er im Jahr 1979 ein Auswärtsspiel der DDR-Nachwuchself, um in den Westen zu flüchten. Er wurde sogleich Cheftrainer von Darmstadt 98, dann von Hessen Kassel. Während dieser Zeit sah er sich als Flüchtling massiven Drohungen ausgesetzt, es gab sogar einen Giftanschlag gegen ihn.

Für 15 Vereine war Jörg Berger während seiner Laufbahn tätig, während dieser Zeit erwarb er sich aufgrund seiner Fähigkeiten, Spieler kurzfristig zu motivieren, den Beinamen "Feuerwehrmann". Dieser Ruf verschaffte ihm immer wieder Anstellungen bei Vereinen, die sich in Abstiegsnot befanden. Ein langfristiges Engagement verbunden mit der Möglichkeit, eine Mannschaft aufzubauen, war ihm nicht vergönnt - länger als drei Jahre durfte er bei keinem Verein bleiben. Dafür erlebte er allerhand Abenteuer.

Kritik in humorvollen Sätzen

Als Trainer des türkischen Erstligisten Bursaspor etwa wurde ihm das Gehalt nicht auf sein Konto überwiesen, sondern in der Plastiktüte überreicht. Und jeder der 19 Präsidenten hatte einen Spieler verpflichtet und forderte, dass dieser spielen müsse. "Als ich ihnen erklärte, dass ich höchstens elf spielen lassen könne, nickten sie zwar verständig, blieben aber bei ihrer Forderung", sagte Berger. Und als er zwei Spiele in Folge verloren hatte, da wollten ihn drei der Präsidenten entlassen.

"Weil ich so ruhig blieb und auf meinen Vertrag verwies, zog einer plötzlich eine Pistole, warf sie auf den Tisch und brüllte: 'Das ist die Sprache, die wir sprechen!' Wenig später war mein Haus verwüstet", sagte Berger.

Diese und andere Geschichten hat Berger in seiner Autobiographie Meine zwei Halbzeiten aufgeschrieben, er berichtet darin auch von der Krankheit, die ihn im Jahr 2002 befallen hatte und seitdem nicht mehr losließ. Zunächst wurde ein Darmtumor entfernt, drei Jahre später musste er wegen Lebermetastasen erneut operiert werden, im Jahr 2008 unterzog er sich einer Chemotherapie.

Berger war kein harter Hund. Wenn er über einen Spieler Witze machte ("Mehr Chancen als du vergab nur der Frank Mill!"), dann entschuldigte er sich meist sogleich. Und lachte. Er war stets zuvorkommend, freundlich und höflich, Kritik verpackte er in humorvolle Sätze wie: "Ihr spielt zu verkrampft, Ihr wollt zu viel auf einmal. Denkt an den alten Spruch: Fußball spielen und singen lässt sich nicht erzwingen."

Im Jahr 2009 wurde er noch einmal Trainer in der Bundesliga, am letzten Spieltag betreute er Arminia Bielefeld, konnte den Abstieg jedoch nicht verhindern. Seinen letzten Titel feierte er mit der Nationalmannschaft der Autoren, die er im April zur Europameisterschaft führte. Für den Turniersieg hatte Berger eine einfache Erklärung: "Ihr habt Spaß am Fußball. Wer keinen Spaß hat, der wird auch nichts gewinnen."

Am 23. Juni verstarb Jörg Berger an seinem Krebsleiden.

Jürgen Schmieder ist Mitglied der Nationalmannschaft der Autoren und absolvierte sechs Länderspiele unter Jörg Berger.